Ärzte Zeitung, 13.01.2009

"Die epidemiologischen Daten zu Diabetes sind erschütternd"

Es gibt immer mehr Diabetiker. Überernährung und Bewegungsmangel sind zwei Faktoren, die dieser Entwicklung zugrunde liegen - die zwei wichtigsten. Und auch die zwei einzigen, bei denen effektive Prävention möglich ist.

"Die epidemiologischen Daten zu Diabetes sind erschütternd"

Professor Hellmut Mehnert
Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten - diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren. 1967 hat Mehnert in München die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion durchgeführt. Er hat unter anderem auch das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen. Mehnert ist Mitglied mehrerer deutscher und europäischer Fachgesellschaften.

Ärzte Zeitung: Für die Zunahme der Zahl von Diabetes-Kranken gibt es mehrere Gründe. Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Grund, Herr Professor Mehnert?

Professor Hellmut Mehnert: Der wichtigste Grund ist ohne Zweifel die Kombination von Überernährung und Bewegungsmangel. Nur auf diese Faktoren, also auf Überernährung und auf Bewegungsmangel, lässt sich übrigens auch durch präventive Maßnahmen effektiv Einfluss nehmen. Dies wäre besonders wichtig bei Kindern und Jugendlichen, bei denen die Diagnose eines Typ-2-Diabetes ja immer häufiger gestellt wird.

Ärzte Zeitung: Sie sehen aber auch einen klaren Zusammenhang zwischen den epidemiologischen Entwicklungen und der Zunahme von Typ-2-Diabetes-Erkrankungen?

Mehnert: Ja, denn die Menschen werden immer älter. So gibt es automatisch immer mehr Menschen, die überhaupt einen altersassoziierten Diabetes bekommen können.

Ärzte Zeitung: Wie bei anderen Erkrankungen sind aber auch Verbesserungen in der Diagnostik für die steigende Zahl von Diabetes-Kranken von Bedeutung ...

Mehnert: Ohne Zweifel! Auch die Diagnostik der Zuckerkrankheit ist intensiver geworden. Die Stoffwechselerkrankung wird im Schnitt früher erkannt. Da sich ja aber auch die Therapie bei Diabetes erheblich verbessert hat und die Betroffenen auch länger leben, kommt es folglich zu einer erhöhten Zahl von Diabetikern in der Bevölkerung.

Die diagnostischen Kriterien wurden verschärft, da bereits bei niedrigeren Blutzuckerwerten, als man früher gedacht hatte, diabetische Folgeschäden auftreten. Hierdurch kommt es zu einem weiteren Anstieg der Zahl neu diagnostizierter Diabetiker.

Ärzte Zeitung: Viel wird jetzt ja auch über genetische Komponenten der Diabetes-Erkrankungen diskutiert. Haben denn auch die Gene irgendetwas damit zu tun, dass es immer mehr Diabetiker gibt?

Mehnert: Die früher stark erhöhte Sterberate der Neugeborenen diabetischer Mütter ist ja erheblich gesunken. Das hat zur Folge, dass auch die genetischen Komponenten beider Diabetes-Formen, also das diabetische Erbgut sowohl des Typ-1- als auch des Typ-2-Diabetes, verstärkt an kommende Generationen weitergegeben wird.

Ärzte Zeitung: Diabetes ist ja schon heute eine Volkskrankheit. Von welchen Zahlen geht man aktuell für Deutschland aus?

Mehnert: Eigentlich sind die epidemiologischen Daten zu Diabetes-Erkrankungen heute schon erschütternd. Etwa sechs bis acht Millionen Menschen - davon etwa 90 bis 95 Prozent mit einem Typ-2-Diabetes - haben nach Schätzungen in Deutschland einen bekannten manifesten Diabetes, zwei bis drei Millionen manifest erkrankte Diabetiker sind als solche noch unbekannt. Und annähernd zehn Millionen Menschen haben eine gestörte Glukosetoleranz.

Professor Hellmut Mehnert

Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten - diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren. 1967 hat Mehnert in München die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion durchgeführt. Er hat unter anderem auch das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen. Mehnert ist Mitglied mehrerer deutscher und europäischer Fachgesellschaften.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zahl der Behandlungsfehler stagniert

"Fehler passieren, auch in der Medizin. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten durch einen Behandlungsfehler zu Schaden kommen, ist extrem gering." So lautete das Fazit von Dr. Andreas Crusius bei der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik. mehr »

Naturvolk mit erstaunlich gesunden Gefäßen

In einer geradezu heroischen Studie haben US-Forscher Eingeborene der Amazonas-Region zur Calcium-Score-Messung in einen CT-Scanner geschoben. Noch nie wurde ein Volk mit so gesunden Arterien beschrieben. mehr »

Dann ist ein Hausbesuch abrechenbar

Die vollständige und vor allem korrekte Abrechnung der so genannten Leichenschau stellt Ärzte immer wieder vor Probleme. Beispielsweise stellt sich die Frage nach der eigenständigen Berechnung des Hausbesuchs. mehr »