Ärzte Zeitung, 22.06.2009

Die Alpen überwunden, trotz Dialyse

628 Kilometer zu Fuß über die Alpen - das ist die Strecke von München nach Venedig und der Traum von Volker Blum, der seit vier Jahren Dialysepatient ist.

Von Denis Nößler

Volker Blum schaffte trotz chronischer Erkrankung den Weg von München nach Venedig in 30 Tagen. Seine Frau legte die Strecke mit dem Wohnmobil zurück.

Foto: privat

"Ganz besonderen Dank, dass ich dieses Leben führen darf." Mit dieser Zeile endet Volker Blums letzter Ein-trag in seinem Internet-Tagebuch "Dialyse on the Rocks". Doch was melancholisch wirkt und nach Ab-schied klingt, ist Freude. Seine Freude darüber, dass er das ersehnte Ziel erreicht hat.

Sein Ziel, das war der Markusplatz in Venedig. Und den hat Volker Blum, der 41-jährige Dialysepatient, am 24. Mai punkt zwölf Uhr mittags erreicht - nach einem 30 Tage dauernden Fußmarsch vom Marienplatz in München. 628 Kilometer zu Fuß über die Alpen - und das als Dialysepatient. Sein persönliches Motto könnte deswegen auch passender nicht sein: "Jetzt erst recht!"

Seit Kindesbeinen an ist Volker Blum Typ-1-Diabetiker. Vor einigen Jahren entwickelte sich bei ihm eine Niereninsuffizienz, seit vier Jahren ist er dialysepflichtig. Damals, so Blum in seinem Internet-Tagebuch, habe er die Vor- und Nachteile beider Dialyseverfahren mit seinem Arzt besprochen. Anschließend hat er sich für die Peritonealdialyse entschieden - "da sie mir mehr Lebensqualität bot", wie er sagt.

Seither kann er sein Leben fast unverändert führen, erzählt er. "Ich kann meinen Beruf und meine Hob-bys ausüben. Ich kann reisen." Oder eben zu Fuß über die Alpen bis nach Venedig wandern.

Zum Auftakt der Wanderung war er ein Medien-Star

Vor zwei Jahren las er zufällig ein Buch über eine Alpenüberquerung zu Fuß. Kurz danach reifte in ihm der Entschluss, diese Herausforderung auch als Dialysepatient zu meistern. Regelmäßig geht er in den Alpen wandern, er studiert Karten. Mit sei-nen Ärzten und einem Bergführer bespricht er seinen wagemutigen Plan. Unterstützung bekommt er von vielen Seiten. So auch von seiner Frau, mit der er seit 18 Jahren verheiratet ist, und die ihn mit dem Wohnwagen begleiten will.

Am ersten Tag seiner Reise, am 23. April, fühlt er sich wie ein Star: Am Marienplatz warteten ein Kamerateam und der Chefredakteur einer Zeitung auf ihn. Er begleitet ihn dann auch auf der ersten Etappe bis nach Wolfratshausen. Am zweiten Tag ist er "vor lauter Eindrücken" die Hälfte der Tour mit offenem Mund gelaufen, schreibt er. Das Vorderalpenland hat es ihm angetan.

Immer wieder schildert er in seinem Internet-Tagebuch solche Eindrücke. Aber auch die kleinen Hürden des Wandereralltags lässt Volker Blum Revue passieren. So etwa auf dem Weg nach Gries am Brenner: "Kurz vor Gries lagen dann auch noch zig Baumstämme im Weg, von denen uns jeder einzelne noch darauf aufmerksam machte, mit welchem Kleidungsstück man an ihm hängen bleiben konnte."

Volker Blum schaffte trotz chronischer Erkrankung den Weg von München nach Venedig in 30 Tagen. Seine Frau legte die Strecke mit dem Wohnmobil zurück.

Karte: nös/ill

Aber trotz dieser Wandertorturen hat sich Volker Blum nicht von seinem Ziel abbringen lassen. Er fasst es lieber mit Humor: "Was ist das? Hat einen Buckel am Rücken, dicke Fü-ße, eine rote Haut, manchmal süßes Blut und einen eisernen Willen? Genau, ein dialysepflichtiger Diabetiker mit Rucksack, Blasen an den Füßen und einem Sonnenbrand."

Probleme mit seiner Dialyse hatte er nicht, sagt er. Sie ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil seines Alltags geworden. Beinahe beiläufig, aber dennoch bewusst, ist sie deswegen auch ein fester Bestandteil in seiner Wanderplanung: "Schnell noch eine Dialyse und ab vor das Wohnmobil, wo ein gedeckter Tisch mit Speck, Kaminwurz'n, Essiggurken, Schüttelbrot und natürlich einer Flasche Vernatsch auf mich warteten."

Nur einmal musste er doch zum Nephrologen

Nur einmal musste sich sein Nephrologe um ihn kümmern. Nach einer kurzen Untersuchung stellte der fest, dass Volker Blum "wohl bis zu vier Liter Wasser in den Füßen" hat. Der Arzt verschrieb ihm ein besonderes Dialysat und ein Mittel zur Entwässerung. Und noch am selben Tag hat die Firma Baxter, die Volker Blum bei seiner Wanderung unterstützte, ihm das neue Dialysat mit einem Kurier geschickt.

Man möchte Volker Blum fragen: "Warum nimmst du das auf dich?" Hätte man ihm diese Frage am Markusplatz gestellt, hätte er geantwortet: "What a beautiful life". Er wollte zeigen, dass auch ein Dialysepatient das Leben selbstbestimmt meistern kann. Und abschließend beschäftigt ihn nur noch eine Frage: "War schon mal ein Dialysepatient im All?"

http://dialyseontherocks.wordpress.com/

Peritonealdialyse (PD)

Im Gegensatz zur Hämodialyse bietet die Peritonealdialyse den Patienten ein großes Stück Lebensqualität. Statt mehrmals in der Woche etliche Stunden in der Ambulanz zu verbringen, können sie ihren Alltag fast wie gewohnt fortführen. Allerdings nutzt hierzulande nur rund jeder zehnte Dialysepatient diese Verfahren. Skeptiker sehen die Methode wegen ihrer Hygieneanforderungen nur selten als geeignet an.

Für die Bauchfelldialyse gibt es mehrere Verfahren, dazu gehören die kontinuierliche ambulante (CAPD) und die automatisierte (APD) Peritonealdialyse. Während die Patienten bei der CAPD die Dialysatbeutel etwa fünf Mal am Tag wechseln müssen, übernimmt bei der APD der so genannte Cycler diesen Dienst. Diese Geräte steuern den Einlauf der Flüssigkeit, ihre Menge und Verweildauer sowie den Rücklauf vollautomatisch. Mit diesen Systemen können die Patienten ihre Dialyse auch im Schlaf erledigen. Der dauerhafte Zugang wird heute mit einem Tenkhoff-Katheter hergestellt. Er besteht aus Silikon und besitzt je nach Modell ein oder zwei Manschetten. Sie wachsen in das Peritoneum und tiefere Bindegewebsschichten ein und verringern so das Risiko für eine Infektion. (nös)

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