Ärzte Zeitung, 20.04.2010

Hypoglykämien - Teil 2: Wie reagiert das ZNS langfristig?

Bereits bei drei schweren Hypoglykämien ist die Demenz-Rate älterer Typ-2-Diabetiker verdoppelt.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Hypoglykämien - Teil 2: Wie reagiert das ZNS langfristig?

Professur Hellmut Mehnert: Die Kombination von Metformin und Nateglinid ist eine sehr elegante Option.

Ein Arzt, der einen Diabetiker behandelt, befindet sich in einem Dilemma: So ist in vielen wichtigen Studien belegt worden (zum Beispiel die DCCT-Studie für Typ-1-Diabetes, die UKPDS-Studie für Typ-2-Diabetes), dass eine normnahe Einstellung des Diabetes am ehesten in der Lage ist, mikroangiopathischen und neuropathischen Komplikationen vorzubeugen und auch auf Dauer einen günstigen Einfluss bei der Entstehung der Makroangiopathie auszuüben.

Zum anderen häufen sich aber die Hinweise, dass eine zu scharfe Diabeteseinstellung für bestimmte Organe schädlich sein kann. In einem Slogan kann man das vereinfacht ausdrücken mit den Worten: "Herz und Hirn hassen Hypos". Neuere Ergebnisse belegen die Befürchtung, dass schwere Hypoglykämien langfristig die Patienten am Zentralnervensystem schädigen können.

In einer Metaanalyse hat Messier festgestellt, dass kognitive Defekte und Demenz häufiger bei schlecht eingestelltem Typ-2-Diabetes auftreten, während günstige Effekte auf das ZNS bei einer Stoffwechseloptimierung zu beobachten sind. Dies scheint einem neuen Befund, wonach Hypoglykämien (also cum grano salis das Gegenteil von schlecht eingestelltem Diabetes) ebenfalls zu Demenz führen können, zu widersprechen. Jedenfalls ist in einer ersten großen longitudinalen über 27 Jahre laufenden Kohorten-Studie in Kalifornien belegt worden, dass bereits drei schwere Hypoglykämien bei älteren Patienten eine Verdoppelung der Demenzrate bewirken. Diese Arbeit von Dr. Rachel A. Whitmer (Journal of the American Medical Association 301, 2009, 1565) wurde von 1980 bis 2007 bei mehr als 16 000 Patienten mit einem Typ-2-Diabetes und einem Durchschnittsalter von 65 Jahren gemacht.

Interessant ist, dass zwar seit Langem bekannt war, dass akute Hypoglykämien bei Kindern mit Typ-1Diabetes mit kognitiven Behinderungen einhergehen, dass aber für Typ-2-Patienten derartige Untersuchungen noch ausstanden. Mehr noch: Die DCCT-Studie bei Typ-1-Patienten zeigte, dass auch in der Langzeitanalyse nach 18 Jahren bei der scharf eingestellten Prüfgruppe (mit signifikant mehr Hypoglykämien) keine Hinweise auf eine Demenz zu beobachten waren. Das mag natürlich auch an dem durchwegs jüngeren Lebensalter dieser Patienten liegen, sodass dieser Befund nicht geeignet ist, eine mögliche Ungefährlichkeit von häufigen Hypoglykämien zu belegen.

In der Whitmer-Studie war wenigstens eine Episode von Hypoglykämien bei 9 Prozent der Patienten diagnostiziert worden, eine Demenz lag bei 11 Prozent der Untersuchten vor, 17 Prozent dieses Kollektivs hatte sowohl eine Demenz als auch eine Hypoglykämie-Episode. Dabei zeigte sich, dass letzterer Faktor das Demenz-Risiko deutlich erhöhte. Das Risiko, eine Demenz zu bekommen, war bei den Individuen mit einer Vorgeschichte mit Hypoglykämien 2,4 Prozent höher. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass unter älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes und einer Vorgeschichte mit schweren Hypoglykämien ein höheres Risiko von Demenz besteht.

Nicht beantwortet werden konnte die Frage, ob geringere hypoglykämische Episoden dieses Risiko ebenfalls erhöhen. Denn es zeigte sich in allen Studien und in der Praxis, dass doch sehr viele Patienten bei dem Bemühen um eine gute Einstellung hypoglykämisch werden.

Teil 3 folgt am 4. Mai

Professor Hellmut Mehnert

Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten - diesen Themen widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren. 1967 hat Mehnert die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht. Er hat auch das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen. Mehnert ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

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