Ärzte Zeitung online, 22.03.2011

Teststreifen-Beschluss des GBA wirft Fragen auf

Wann ist bei Diabetikern ohne Insulintherapie die Stoffwechsellage instabil?

MÜNCHEN (eis). Beim GBA-Beschluss zur Verordnung von Blutzuckerteststreifen für nicht-insulinbehandelte Diabetiker sieht Professor Oliver Schnell noch Fragezeichen.

Teststreifen-Beschluss des GBA wirft Fragen auf

Selbstmessung stärkt Eigenverantwortung.

© M&S Fotodesign / fotolia.com

Der GBA hatte am Donnerstag entschieden: Ärzte können auch nicht mit Insulin behandelten Diabetikern weiter die Teststreifen zulasten der GKV verordnen, wenn sie eine instabile Stoffwechsellage diagnostizieren (wir berichteten).

Dieser Beschluss wird nun im Gesundheitsministerium geprüft und könnte frühestens zum 1. Oktober rechtskräftig werden. Was dabei als eine instabile Stoffwechsellage anerkannt wird, sei nicht klar und ausreichend definiert, betont der Experte von der Forschergruppe Diabetes am Helmholtz-Zentrum in München.

Der GBA nenne etwa interkurrierende Erkrankungen, wie fieberhafte Infektionen, Traumata oder Operationen sowie die Einstellung auf Medikamente mit Hypoglykämie-Gefahr (Sulfonylharnstoffe und Glinide), so Schnell.

Er selbst zählt auch weitere Situationen mit Hypo- oder Hyperglykämie-Gefahr dazu und plädiert auch für Tests, wenn der HbA1c nicht im Zielbereich liegt oder wenn der Tagesablauf eines Patienten stark wechselt, etwa bei Schichtarbeitern oder Reisenden.

Für dringend wichtig hält er Tests bei Neudiagnose Diabetes sowie bei Neueinstellung auf jede Art von Antidiabetikum oder auch bei Therapie-Umstellungen. Zudem spricht er sich für Tests bei Stress, Sport und anderen außergewöhnlichen Situationen aus.

"Es handelt sich um individuelle und situationsbezogene Messungen", betont Schnell. So könnte zum Beispiel einmal im Monat an drei aufeinanderfolgenden Tagen siebenmal täglich (vor und nach den Mahlzeiten sowie zur Nacht) gemessen werden, um den Blutzuckerverlauf zu erfassen.

In der STeP-Studie senkten nicht mit Insulin behandelte Diabetiker mit den strukturierten Messungen ihren HbA1c deutlich stärker als Diabetiker ohne Selbstmessung.

[23.03.2011, 12:58:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Beim G-BA helfen nur noch drastische Worte und politische Entscheidungsstärke
Was für ein Drama des "unbegabten" G-BA und seines Vorsitzenden! Prof. Dr. med. Oliver Schnell, Experte von der Forschergruppe Diabetes am Helmholtz-Zentrum in München bringt es mit Logik und seinem Literaturbeleg auf den Punkt.

Ich kann hier nur ganz "undiplomatisch" meine 6 Kritikpunkte nochmals vorbringen:

Der Gemeinsame Bundesausschuss G-BA mit seinem über 70-jährigen Vorsitzenden, Dr. jur. Rainer Hess, ist bei seiner Beschlusslage zur Glucose-Selbstmessung bei Diabetes-Typ-2-Patienten formal und inhaltlich untragbar:

1. Harn"zucker"teststreifen sind obsolet. Sie messen Glucose nur oberhalb der sogenannten 'Harnschwelle' von ca. 180 mg/dl Blut (180 mg %) entsprechend 9.99 mmol/l und detektieren höchstens einen unzureichend eingestellten Glucosespiegel mit hohen Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken.

2. Blut"zucker"teststreifen messen 'Glucose'. Typ-2-Diabetes-Patienten haben eine Glucoseintoleranz und eine Insulinresistenz. Die Teststreifen werden nicht zu Therapiezwecken eingenommen, auch wenn sie dem Medikamentenbudget der Vertragsärzte zugeschlagen werden. Sie gehören schon immer therapeutisch zur Gruppe der Hilfsmittel.

3. Ausnahmeregelungen bei Teststreifen nicht insulinpflichtiger Patienten wegen instabiler Stoffwechsellage sind abwegig, weil Instabilität weder exakt vorhersehbar noch grundsätzlich immer auszuschließen ist. Außerdem würden Morbidität und Mortalität lt. IQWiG-Expertise dabei doch nicht signifikant verschlechtert, oder?

4. Absurd ist die Ansicht, die GKV sei bei Teststreifen-Verordnungspflicht bei Berufskraftfahrern mit Diabetes für "Maßnahmen zur Erhaltung der Verkehrssicherheit" (Zit. Dr. jur. Rainer Hess) erstattungspflichtig. Die GKV ist sehr wohl in jeglicher Hinsicht für die Heilung, Linderung und Besserung von Krankheiten zuständig, um nach Artikel 3, Abs. 3 Grundgesetz (GG) eine unbenachteiligte Teilhabe a l l e r Menschen im Geltungsbereich des GG zu gewährleisten.

5. Durch gesundheitsfördernde Maßnahmen der GKV insbesondere bei Krankheiten und medizinisch-therapeutischen Maßnahmen werden s e k u n d ä r die Öffentliche Ordnung, das gedeihliche Zusammenleben, der Schutz vor Krankheitsausbreitung, die Teilhabefähigkeit, der Bestand der Bevölkerung und u. a. a u c h die Verkehrssicherheit erhalten und gefördert.

6. Dies gilt offenkundig nach dem Gleichheitsgrundsatz, und den übersieht der G-BA, auch uneingeschränkt für alle Privatkraftfahrer mit Diabetes, deren gut eingestellte 'Zuckerkrankheit' Verringerung von Morbidität und Mortalität u n d sekundär verbesserte Verkehrssicherheit bedeutet.

Sonst käme der G-BA etwa auf die ziemlich demente Idee, amputierte Patienten von der Versorgung mit Kunstgliedern auszuschließen. Weil dies
a) keine Verbesserung von Morbidität und Mortalität bewirkt (Im Gegenteil - mögl. Stumpfkomplikationen durch Belastung kämen hinzu?) und
b) "Maßnahmen zur Erhaltung der Verkehrssicherheit nicht von den Kassen erstattet werden müssten", so der Vorsitzende.

Freundliche, kollegiale Grüße, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[23.03.2011, 10:55:28]
Reinhard Schmidt 
Beschluß des G-BA zu Blutzucker-Teststreifen ist eine Fehlgeburt
Die vielen im Beschluß genannten Ausnahmen, bei denen weiterhin auch für nicht insulinpflichtige Diabetiker Teststreifen verordnet werden dürfen, geben dem Arzt schon jetzt genügend Möglichkeiten, meist wie bisher zu verordnen. Denn schon bisher wurden Teststreifen für nicht insulinpflichtige Diabetiker nur sehr begrenzt verordnet (meist nur 50 - 100 Stück im Quartal). Der Beschluß geht also weitgehend ins Leere, da kaum Kosten gespart werden. Aber er verunsichert und er mutet den Ärzten wieder mal eine Menge zu, nun mit juristischer Penetranz herauszufinden, was richtig ist. Da Ärzte keine Juristen sondern Ärzte sind, sollte man ihnen so ein unverdauliches und nichts bringendes Kauderwelsch auch nicht zumuten.

Viel mehr würde es bringen, wenn die Krankenkassen endlich die Apotheken aber auch Ärzte verpflichten, konsequent wirtschaftlichere Messgeräte bzw. Teststreifen abzugeben bzw. zu verordnen, denn die Blutteststreifen von Roche, Bayer und Lifescan sind rd. 35 % überteuert. 1 Päckchen kosten rd. 29 €, während gleich gute Teststreifen für teils sogar viel modernere Messgeräte (mit Autocoding, Plasmakalibrierung, wenig Blutbedarf = 0,5ul) nur noch rd. 21 € kosten (50 Stck., inkl. MwSt). Damit würden jährlich rd. 200 Mio. € bei den Kassenausgaben aber auch beim Arzneibudget gespart. Das ist viel mehr, als durch den unsinnigen Beschluß des G-BA eingespart werden.

Das die Kassen bei der Kürzung von Versichertenleistungen mitspielen, aber sich nicht um mehr Wirtschaftlichkeit kümmern, zeigt einmal mehr, dass die Kassen längst nicht mehr Treuhänder ihrer Versicherten sind. Das Spiel funktioniert nach dem Motto: Den Kassen die Macht, der Pharmazie das Geld. Reicht das Geld nicht, werden einfach die Beiträge erhöht - so wie jetzt zum 1.1.11. Das war unnötig, denn nach dem Arzneireport 2009 könnten allein bei den Arzneimitteln über 9 Mrd. € jährlich eingespart werden. zum Beitrag »
[22.03.2011, 16:57:28]
Egon Manhold 
Blutzucker-Test bei Typ 2 - Diabetes
Ich will nur EIN Problem (von vielen) dieses G-BA-Beschlusses hervor heben:
Zumindest die Typ 2 - Diabetiker, die durch ihre OAD in eine Hypoglykämie gelangen können, müssen m.E. die Möglichkeit haben (auf GKV-Kosten), den Blutzucker zu testen.
Was ist z.B. mit den Autofahrern unter ihnen? Oder denen, die an "beweglichen" Maschinen arbeiten?

Mit besten Grüßen!
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