Ärzte Zeitung, 04.04.2011

Kommentar des Experten

Adipositas-Chirurgie zielt auf das gefährliche intraabdominale Fett

Eingriffe an Magen und Darm haben günstige metabolische Effekte. Diese sind allerdings gegen die Risiken einer Operation abzuwägen.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Grundsätzlich gilt, dass die Adipositas-Chirurgie als Therapie-Option eine absolute Ausnahme bleiben sollte. Auch deswegen, weil die Eingriffe für Patienten nicht unproblematisch sind. So ist mit jeder Operation ein Risiko verbunden. Und in Folge der Eingriffe wird unter Umständen die Aufnahme von wichtigen Nahrungsstoffen wie Vitaminen gestört.

Option für Patienten mit extremer Adipositas

Trotzdem kann bei Patienten mit einem Körper-Masse-Index (BMI) von mehr als 40 kg/m2 eine Adipositas-Chirurgie erwogen werden, wenn andere intensive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme über längere Zeit nicht gegriffen haben. Nach den Leitlinien ist ein BMI über 40 eine Indikation für den Eingriff. Davon allein sind in Deutschland etwa 1,2 Millionen Menschen betroffen. Eine weitere Indikation ist nach den Leitlinien ein BMI über 35 plus Komorbiditäten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Gelenkerkrankungen. Hier wird von metabolischer Chirurgie gesprochen, da durch die Eingriffe Stoffwechselveränderungen offensichtlich auch unabhängig von der Gewichtsreduktion erreicht werden.

Abzugrenzen sind Eingriffe wie Liposuktion, die direkt auf das subkutane Bauch- oder Hüftfett zielen und bei denen mehrere Kilogramm entfernt werden. Diese bieten metabolisch keine Vorteile, denn damit wird ausschließlich subkutanes Fett beseitigt. Das gefährliche intraabdominale Fett bei androider Stammfettsucht wird nicht eliminiert.

Bei der Adipositas-Chirurgie wird - etwa mit Magen-Bypass oder Magenband - der Magen verkleinert, damit die Patienten bei Mahlzeiten schnell ein Sättigungsgefühl bekommen. Die Verkleinerung von Nahrung resorbierenden Flächen durch die Magen- oder Darmoperationen hat erhebliche Auswirkungen auf das Körpergewicht.

Welche metabolischen Folgen sind von einer solchen Operation zu erwarten? Anders als bei einer direkten, Fettgewebe eliminierenden Operation, bei der nur subkutanes Fett beseitigt wird, wird etwa nach einer Magen-Bypass-Operation durch die verminderte Nahrungszufuhr der überwiegende Teil der Fettmengen des Körpers abgebaut - also auch das intraabdominelle Fett.

Bei Diabetikern kann häufig Insulin abgesetzt werden

Das ist natürlich ein erheblicher metabolischer Vorteil, weil nunmehr bei insulinbedürftigen Patienten durch die Reduzierung der Insulinresistenz und der Insulin benötigenden Gewebemast die Stoffwechselsituation sich stark verbessern kann. Das bedeutet, dass Insulin spritzende Patienten häufig auf orale Antidiabetika oder eine alleinige Ernährungstherapie umgestellt werden können. Diabetes-Patienten, die vorher mit oralen Antidiabetika behandelt waren, benötigen jetzt meist gar keine Diabetesmedikamente mehr.

Und für alle Diabetiker gilt, dass mit der Abnahme des Körperfettes auch Risikofaktoren wie Hypertonie und Dyslipoproteinämie günstig beeinflusst werden. Gerade für die Hypertonie hat zu gelten, dass nicht nur - wie manchmal vermutet wird - allein der geringere Umfang des Oberarmes zu niedrigeren Blutdruckmesswerten führt, sondern dass es sich wirklich um eine Minderung des Blutdruckes handelt.

Dass die Dyslipoproteinämie - vor allem die Hypertriglyzeridämie - günstig beeinflusst wird, ist bei der Gemeinsamkeit der "Störungen des Fettstoffwechsels bei Adipositas und Dyslipoproteinämie" nicht verwunderlich. So gesehen kann man bei der Entwicklung der metabolischen Chirurgie von Fortschritten sprechen, die es im Vergleich zu möglichen Nachteilen abzuwägen gilt.

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