Diabetes

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Ärzte Zeitung, 16.01.2012

Kommentar des Experten

Darum profitieren Diabetiker von Hunden

Viele Hunde leisten Diabetikern treue Dienste: als Kamerad bei Spaziergängen, als Blindenführer oder sogar bei der Hypoglykämie-Früherkennung.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Es ist oft sehr erfreulich, wenn ein Diabetiker auf den Hund kommt

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Diabetiker können von einem Hund besonders stark profitieren.

Erstens motivieren die Tiere zu Spaziergängen und unterstützen damit das Training von Stoffwechsel, Gefäßen und Gelenken. So pflegte der berühmte US-Diabetologe Elliott Proctor Joslin zu sagen: "In Boston gibt es zwei Vorteile für Diabetiker, die ihnen ausreichende körperliche Bewegung ermöglichen: zum einen das Fehlen von Parkplätzen und zum anderen, dass die Bewohner sich öfters einen Hund halten, der sie zu häufigen Spaziergängen förmlich zwingt."

Zweitens profitieren blinde Diabetiker von Blindenhunden. Diabetes ist ja eine Hauptursache für Erblindung, vor allem als Folge einer proliferativen Retinopathie. Betroffene können mit den trainierten Hunden ihren Alltag besser bewältigen und durchaus auch Reisen unternehmen.

Drittens können speziell trainierte Hunde zu hohe und vor allem zu niedrige Blutzuckerwerte bei ihren Herrchen oder Frauchen erschnüffeln. Solche Tiere - vor allem Labrador-Hunde - werden heute in speziellen Hundeschulen ausgebildet. Nur sehr wenige Tiere eignen sich hierfür, sie sind aber von großem Vorteil für ihre Besitzer mit Diabetes.

Ein Hund ersetzt nicht die Blutzuckerselbstkontrolle

Sowohl Hyperglykämien (im Hinblick auf Gefäße und Nerven) als auch Hypoglykämien (hinsichtlich Infarkt- und Demenzhäufigkeit) bestimmen ja ganz entscheidend die Prognose zuckerkranker Patienten. Natürlich ersetzt ein solcher Hund die Blutzuckerselbstkontrolle nicht.

Er kann aber die oft vorgegebenen Zeitpunkte der Messung ergänzen, insbesondere bei labiler instabiler Stoffwechsellage. Blutzuckerentgleisungen erschnüffelt das Tier und gibt - so wurde es in der Hundeschule gelernt - dem Besitzer entsprechende Hinweise durch Anspringen oder Bellen.

Was Hunde befähigt, solche, für das menschliche Riechvermögen unvorstellbaren Leistungen zu erbringen, ist noch unklar. Es handelt sich um eine Art Frühwarnsystem, das bei hohen Blutzuckerwerten mit vermehrtem Ausatmen von Methylnitrat und bei niedrigen Werten mit ausgeatmetem Aceton erklärt wird.

Die Hunde sind in den USA, in England, und in den Niederlanden schon etabliert und dort für die Diabetikerbetreuung zugelassen. Sie tragen meist eine Weste mit Aufschriften wie "Hunde für Diabetiker, Service Dog".

Krankenkassen sperren sich noch gegen Kostenerstattung

In Deutschland sperren sich Krankenkassen noch gegen die Kostenerstattung. Es wird aber bei den Sozialgerichten darüber verhandelt. Immerhin kann bereits ein Schüler in Nordrhein-Westfalen seinen Diabetiker-Warnhund ohne Probleme in die Schule mitnehmen.

Hypoglykämien gefährden nämlich besonders Kinder und Jugendliche mit Diabetes. Bei ihnen schwankt die körperliche Aktivität häufig stark, weshalb es unvermutet zu Unterzuckerungen kommen kann.

Die Autorin Franziska Drewes zitiert in ihrem Tagebuch einer Diabetikerwarnhündin* einen diabeteskranken Jungen über seinen Labrador: "Lulu ist eine Diabetikerwarnhündin. Wenn beim Auto der Tank fast leer ist, leuchtet am Armaturenbrett eine rote Lampe.

Alarmlampe auf vier Pfoten

Bei mir ist Lulu meine ganz persönliche Alarmlampe, gewissermaßen auf vier Pfoten. Sie spürt, besser noch: sie kann riechen, wenn mein Tank fast leer ist, mein Körper nicht richtig funktioniert. Sie springt mich an als Zeichen, dass ich tanken, das heißt Traubenzucker essen muss."

Das Vorwort zu dem Buch hat der Gewichtheber Matthias Steiner geschrieben. Der diabeteskranke Olympiasieger empfiehlt zu Recht die Fortentwicklung des "Frühwarnsystems" Hund auch für deutsche Verhältnisse. Viele Diabetiker kommen also auf den Hund - und das ist durchaus positiv!

*Franziska Drewes, Dr. med. Berit Quaß, Robert Quaß: Lulu Hopp Niedrig, Tagebuch einer Diabetikerwarnhündin, Wieden Verlag, 242 S., 12,95 Euro, ISBN 978-3-942946-04-9

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