Ärzte Zeitung, 28.10.2012

Kommentar zum Diabetes-Screening

Gute Argumente sind keine Beweise

Von Beate Schumacher

Es gibt viele gute Argumente für ein Screening auf Typ-2-Diabetes: Die Erkrankung ist häufig, und sie ist häufig nicht erkannt. Es gibt günstige Tests, um die Stoffwechselstörung nachzuweisen. Und durch eine evidenzbasierte Therapie können Komplikationen verhindert werden.

Umso überraschender ist jetzt das Ergebnis einer Studie in britischen Hausarztpraxen: Reihenuntersuchungen von Risikopersonen auf Diabetes senkten nicht die Mortalität des gescreenten Kollektivs.

Nun lässt sich einwenden, dass die Hausärzte ihre Aufgabe möglicherweise so gut gemacht haben, dass sie die meisten Diabetiker ohnehin frühzeitig erkannten. Auch mag das Screening trotz allem Folgeerkrankungen reduziert haben. Aber belegt ist das alles nicht.

Nicht alles, was einleuchtend klingt, entpuppt sich als vernünftig. Screening-Untersuchungen bilden da keine Ausnahme. Gerade erst hat ein Cochrane-Review ergeben, dass die allgemeinen Gesundheitschecks weder Mortalität noch Morbidität senken.

Gute Argumente sind noch keine Beweise. Solange diese fehlen, sind systematische Reihenuntersuchungen eine Verschwendung von Ressourcen, die auch im Kampf gegen Diabetes sinnvoller eingesetzt werden könnten.

Lesen Sie dazu auch:
Diabetes-Screening: Kein Effekt auf Sterberate

[29.10.2012, 07:13:18]
Dr. Johannes Scholl 
Falsche Ratschläge führen zu schlechten Ergebnissen - Diabetesprävention ist keineswegs wirkungslos
Sowohl das Cochrane Review zu "allgemeinen Check-ups" als auch die aktuell zitierte Arbeit zum Diabetes-Screening widerlegen keineswegs die Sinnhaftigkeit präventivmedizinischer Interventionen:
- Die Cochrane-Arbeit ist wertlos, weil sie überwiegend Check-ups im Zeitraum von 1960-1980 betrachtete (welche Antihypertensiva oder Cholesterinsenker gab es damals? Welche Ideen hatten Sie damals z.B. von Ernährung?).
- Die Studie zum Diabetes-Screening kann nichts im Hinblick auf die Mortalität zeigen, weil wir mittlerweile wissen, dass nicht jede Senkung des Blutzuckers einen Benefit auf die Mortalität bringt: Im Gegenteil haben Therapien die eine Hyperinsulinämie bewirken wahrscheinlich vielfältige negative Auswirkungen (s. ACCORD). Gleiches gilt für die altmodischen, überholten Empfehlungen zu fettarmer kohlenhydratreicher Ernährung bei Typ 2-Diabetes: Sie steigert die Hyperinsulinämie und damit die small-dense LDL und die Triglyceride, senkt das HDL-Cholesterin, fördert eine Natrium- und Wasserretention, und erhöht über IGF-1 sehr wahrscheinlich das Krebsrisiko.
Das Problem ist, dass ein Screening oder ein Check-up per se nichts bringen können, wenn die nachfolgende Intervention oder Therapie in die falsche Richtung weist.
Diabetesprävention ist übrigens erwiesenermaßen wirksamer und kosteneffizienter als das Screening auf bzw. die Behandlung des Typ 2-Diabetes, aber an der Prävention verdienen manche Branchen halt nichts, umso mehr jedoch an der teuren Diabetestherapie...
Wer mehr zum Thema evidenzbasierte Präventivmedizin wissen will, sollte den Fortbildungskurs der Deutschen Akademie für Präventivmedizin e.V. besuchen (www.akaprev.de).

Dr. med. Johannes Scholl
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin e.V.
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