Ärzte Zeitung, 14.11.2012

Diabetes bekämpfen

"Brauchen bewegungsfreudige Städte und neue Steuern"

Volkskrankheit Diabetes: Wie man sie bekämpfen kann, was die Politik tun muss und warum der Welt-Diabetestag (14. November) wichtig ist, erklärt Professor Thomas Danne, Vorstand von diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe im Interview.

"Brauchen bewegungsfreudige Städte und neue Steuern"

Professor Thomas Danne.

© diabetesDE

Ärzte Zeitung: Was ist derzeit die größte Baustelle beim Diabetes?

Professor Thomas Danne: Unsere größte Baustelle ist sicher ein abgestuftes konzertiertes Vorgehen, eine nationale Diabetesstrategie, um die verschiedenen Handlungsfelder besser aufeinander abzustimmen und um endlich etwas zu tun für Menschen mit Diabetes und für die, die von der Krankheit bedroht sind. Andere Länder sind uns da um Längen voraus.

Ärzte Zeitung: Sie meinen damit den nationalen Diabetesplan?

Danne: Genau. Wir, also diabetesDE - Deutsche Diabetes-Hilfe, haben fünf Handlungsfelder umrissen und im Ministerium in Form eines Basispapiers vorgestellt. Nun gilt es auszuhandeln, wie wir diese anpacken. Wir benötigen einen klaren Auftrag aus der Politik und ein abgestimmtes Vorgehen der Akteure.

Ärzte Zeitung: Welches sind die fünf Handlungsfelder?

Danne: Es handelt sich erstens um die Primärprävention des Typ-2-Diabetes und zweitens um seine frühzeitige Erkennung. Der dritte Bereich ist die Epidemiologie, also der Aufbau eines Diabetesregisters, der vierte die Versorgungsforschung sowie die Bereitstellung von Versorgungsstrukturen und die Qualitätssicherung. Und als fünfter Aspekt kommen Patienteninformation mit Schulung und Empowerment hinzu.

Ärzte Zeitung: Was kann der Welt-Diabetestag dazu beitragen?

Danne: Diabetes spielt - gemessen an den Erkrankungszahlen und den Kosten für das Gesundheitssystem - in der Öffentlichkeit nicht die erforderliche Rolle. Daher sind wir dankbar, dass uns der Welt-Diabetestag die Möglichkeit gibt, die Menschen auf dieses drängende Gesundheitsproblem aufmerksam zu machen. Sie sollen vor der nächsten Bundestagswahl ihre Politiker fragen, wie diese der Volkskrankheit Diabetes Einhalt gebieten wollen. Wir benötigen ein Umdenken - in der Politik und in der Bevölkerung.

Ärzte Zeitung: Wie wollen Sie das erreichen?

"Brauchen bewegungsfreudige Städte und neue Steuern"

Danne: Es muss eine Bewegung von unten nach oben geben: Es muss in der Bevölkerung ein Interesse daran entstehen, dies zum Gesellschaftsthema zu machen. Ich würde mir wünschen, dass vor der Bundestagswahl im nächsten Jahr die sechs Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland sowie die vielen, die selbst oder deren Angehörige von der Erkrankung bedroht sind, die Politiker an ihre Verpflichtung erinnern, die Defizite im abgestimmten Vorgehen gegen den Diabetes zu beseitigen.

Ärzte Zeitung: Sie sprechen nicht nur von den Gesundheitspolitikern?

Danne: Es sind viele Lebensbereiche und Ministerien beteiligt, zum Beispiel die Kultusministerien, wenn es um verstärkte Präventionsbemühungen in den Schulen geht. Die Stadtplanung muss bewegungsfreundliche Konzepte umsetzen. Und wir benötigen neue Werberegeln und Steuern, um gesundes Verhalten zu fördern.

Ärzte Zeitung: Was können die Ärzte in diesem Bereich tun?

Danne: Sie können die Patienten auf die Bedeutung des Problems hinweisen. Der Arzt kennt ja die aktuellen Diskussionen: Neue Medikamente werden in anderen Ländern eingeführt, bei uns aus Kostengründen jedoch nicht; oder Blutzucker-Messstreifen werden rationiert. Wir können darauf hinweisen, dass, wenn wir so weitermachen, einige Therapien bald nicht mehr allen zur Verfügung stehen.

Dass die Kinder unserer Patienten, obwohl sie ein hohes genetisches Risiko tragen, ebenfalls zu erkranken, nur unzureichend geschützt sind, weil uns die Möglichkeiten für eine Verhältnisprävention fehlen, die ja bereits im Kindesalter beginnt. Ärzte und Patienten müssen gemeinsam dafür sorgen, dass sich die Politiker in der nächsten Legislaturperiode um dieses Thema intensiver kümmern!

Das Interview führte Sonja Böhm.

Lesen Sie dazu auch:
Welt-Diabetestag: Fünf Ziele im Kampf gegen Diabetes

[14.11.2012, 21:08:33]
Dr. Fabian Treusch 
Ein provokativer Vorschlag:
Gut gemeinte Ratschläge zu gesunder Ernährung und regelmäßiger Bewegung befolgen die wenigsten Menschen freiwillig. Das kann jeder Hausarzt bestätigen. Das Einzige, worauf jeder Mensch mit Sicherheit reagiert ist: "wenn's um's Geld geht".
Also der Vorschlag: den Steuersatz und/oder die Rente vom BMI oder vom Bauchumfang abhängig machen.
Die Folge: die Gesellschaft würde sich im Nu und ganz automatisch gesünder ernähren und mehr bewegen. Milliarden von Euro Gesundheitskosten könnten gespart werden.
Klingt im ersten Moment vielleicht provokativ oder ungerecht, aber drüber nachdenken könnte man ja einmal... zum Beitrag »
[14.11.2012, 20:46:11]
Egon Manhold 
Man braucht keine Ernährung nach der LOGI-Methode,
(oder irgendeiner anderen Diät-Formel) auch mit 50 - 55% Kalorien aus KH in der täglichen Kost, kann man mit Einschränkung der Gesamtkalorien auf den tatsächlichen Bedarf, ausgeglichener körperlicher Aktivität seine BZ-Werte bzw. den HbA1c-Wert senken und wenn sinnvoll auch sein Körpergewicht. Und zwar bei bestehendem Typ 1- und Typ 2- Diabetes!  zum Beitrag »
[14.11.2012, 15:33:04]
Helga Steglich 
Steuern helfen nicht
Glauben die Politiker allen Ernstes, dass Abgaben auf ungesunde Lebensmittel helfen können? Wer Bubble Tea für 3 - 4 Euro pro Becher anstelle einer großen Wasserflasche für einen Bruchteil kauft, den veranlassen einige Cent Steuern mehr gewiss auch nicht, seine Ernährung umzustellen. zum Beitrag »
[14.11.2012, 11:55:29]
Dipl.-Psych. Joachim Downar 
Wenn im Schlaraffenland das Licht ausgeht
Warum keine Primärprävention? Könnte das heissen, die gesellschaftlichen Mitbedingungen aller "Zivilisations"-krankheiten einmal zu hinterfragen, vor allem die Arbeitsbedingungen, und Arbeitslosenbedingungen, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche als erpresserisches Druckmittel mit Fluchtmittel in die Krankheit? Die Individualisierung "Jeder ist für seine Gesundheit selbst verantwortlich" als handele es sich bei Epidemien um eine zufällige Anhäufung von Millionen von Einzelschicksalen. Vor ca. 10 Jahren gab es einen Richter, der es wagte, Coca Cola und Marsriegel für die Entwicklung seines Diabetes Typ 2 zur Verantwortung zu ziehen. Der Mann wurde verlacht und verspottet. Der New Yorker Bürgermeister Bloomberg reglementiert heute den Limonadenkonsum dieser Stadt, und längst weiss man, dass Zucker als Anti-Frustrationsmittel abhängig und süchtig macht. Wären das nicht Ansätze für eine Primärprävention?
Man weiss das - und dabei bleibt es?! zum Beitrag »
[14.11.2012, 09:49:21]
Maren Reed 
Wie wäre es mit mehr Prävention?
Ich lese nur "die Ärzte müssten neue Medikamente verschreiben dürfen" und die Kassen die Teststreifen bezahlen etc.

Ich frage mich ernsthaft, warum und auf welcher Grundlage wird vorallem auch Diabetikern immer noch empfohlen, 50-55% der tgl. Kalorien aus Kohlenhydraten aufzunehmen, wo sie doch eine KH-Verstoffwechselungsstörung haben???? Damit die Ärzte genug zu tun haben und die Pharmaindustrie ihre Mittel besser verkaufen kann?

Es gibt zig Studien die zeigen, dass eine KH-reduzierte Ernährung, eiweißreich und fettbewusst, gerade bei Diabetikern enorme Vorteile hat und große Verbesserungen bringen kann. Gerade habe ich wieder so einen Fall im Bekanntenkreis:

HbA1c von 7,9 auf 5,7 - in knapp 3 Monaten! Nur mit Ernährung nach der LOGI-Methode und Bewegung. Klar, daran verdienen die oben genannten nichts - warum also sollte es empfohlen werden....

Aber sollte man nicht ernsthaft mal das Interesse und die Gesundheit des PATIENTEN im Auge haben? zum Beitrag »

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