Ärzte Zeitung, 27.11.2012

Typ-2-Diabetes

Jetzt steht der Patient im Mittelpunkt

Einer neuer Konsens soll die Diabetologie verändern: In Zukunft möchten die Fachärzte mehr auf die Belange der Patienten eingehen. Sie sollen zudem verstärkt in Therapieentscheidungen mit einbezogen werden.

Von Sonja Böhm

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Fühlt sich der Patient gut aufgehoben, und werden seine Belange gehört, sichert dies die Compliance und damit den Therapieerfolg.

© Gabriel Blaj/fotolia.com

BERLIN. "Zum ersten Mal steht der Patient im Zentrum des klinischen Entscheidungsprozesses."

Mit diesem Satz stellte die europäische Diabetesgesellschaft EASD bei ihrem Jahreskongress ihren neuen Konsens zur Therapie des Typ-2-Diabetes "mit Patienten-zentriertem Ansatz" vor.

Was das bedeutet? Die Diabetologen haben den Patienten entdeckt. Seine Belange sollen bei der Entscheidung, welches Therapieziel angestrebt wird und mit welchen Mitteln dies geschieht, stärker berücksichtigt werden.

Wie man das erreicht? Tagungspräsident Professor Andreas Pfeiffer aus Berlin gab bei einer Diskussionsrunde zum gemeinsam mit der US-Diabetesgesellschaft ADA ausgehandelten Konsensus einige Ratschläge: Erläutern Sie den Patienten die Risiken der Erkrankung! Zeigen Sie ihm Möglichkeiten der Therapie auf! Und machen Sie ihm dann Vorschläge, die seine Präferenzen berücksichtigen!

Was dieses Vorgehen bringt? Die Zustimmung des Patienten sichert die Compliance und damit den Therapieerfolg, stellten die Diskussionsteilnehmer in Berlin fest. Sie liegen damit auf einer Linie mit deutschen Diabetesexperten.

Auch das vor wenigen Tagen vorgestellte Basispapier zum Nationalen Diabetesplan fordert "eine Stärkung der Rolle und Verantwortung der Patienten". Konkret bleiben beim neuen Konsens jedoch wie bisher Lebensstil und Metformin die Basis.

Warten auf den Nationalen Diabetesplan

Muss weiter intensiviert werden, stehen alle oralen Antidiabetika oder Basalinsulin gleichberechtigt zur Wahl.

Für die Entscheidung sind besondere Aspekte zu berücksichtigen: Ist der Patient jung und motiviert oder alt und komorbide? Will er nicht weiter zunehmen, soll eine Gewichtsabnahme vielleicht sogar unterstützt werden? Oder muss das Hypoglykämierisiko bei dem Patienten möglichst gering gehalten werden?

Gerade Hypoglykämien scheinen für viele insulinbehandelte Typ-2-Diabetiker ein bedeutsamer Punkt zu sein. Dies lässt sich aus einer ebenfalls beim Jahreskongress in Berlin vorgestellten internationalen Befragung schließen.

Die Angst vor Unterzuckerungen limitiert sehr oft den Behandlungserfolg, ist sich der Frankfurter Diabetologe Dr. Martin Grundner sicher.

Er plädiert dafür, die Hypoglykämie-Gefährdung bei der Auswahl des Insulins zu berücksichtigen, also zum Beispiel Basalanaloga mit niedrigem Hypoglykämierisiko zu wählen.

Und natürlich sind bei all dem auch noch die Ressourcen im Gesundheitssystem zu berücksichtigen.

So wird im Basispapier die Befürchtung geäußert, dass aufgrund steigender Patientenzahlen "schon bald die Behandlung des Diabetes und seiner Folgekomplikationen ohne Leistungsbegrenzungen und Qualitätseinbußen nicht mehr finanzierbar ist".

Um dem vorzubeugen, soll der Nationale Diabetesplan herangezogen werden, nach dem Vorbild des Nationalen Krebsplans.

Doch bis es soweit ist, kann zumindest über eine verstärkte Information der Bevölkerung und bereits Erkrankter versucht werden, Neu- und Folgeerkrankungen des Diabetes zu begrenzen.

[27.11.2012, 11:15:32]
Dr. Richard Barabasch 
Patienten im Zentrum der Behandlung - zum Zweiten
Ronald Meier frug und provoziert zurecht: "was hat man denn bis heute gemacht?" Antwort: "man" hat Wissenschaft am Patienten "abgehandelt" - freilich nicht alle "Mediziner" - aber zu viele, sonst würe eine Fachgesellschaft - die europäische ! - die erkenntnisshafte Wahr-Nehmung des Patienten nicht als wissenschafts-wertvollen Fortschritt verkaufen.
Was bei dieser Geschichte aber ans Licht kommt ist wieder einmal das altbekannte Dilemma zwischen dem empathischen Menschen im Arztberuf und dem Mediziner-Menschen, der "die Weisheit mit Löffeln gefreesen" hat. Dabei ist mir der diesjähriger Praesident der EASD, Herr Pfeiffer, durchaus der "richtige Mann", dieses endlich ausgesprochene Bekenntnis zum an Diabetes kranken leidenden Menschen in all seiner Individualität auszusprechen, Manch anderem "Diabetologen" hätt' ich es keineswegs abgenommen. Bleibt also die Zuversicht, dass es die "Großkopfeten da oben" tatsächlich kapiert haben, wie draussen Diabetologie funktioniert.
Nämlich nur mit dem Patienten, der "einen Diabetes hat" und damit in seiner Lebensrelität zurechtkommen muss - und mit seinem Lebensplan - oder mit seiner Entscheidung "dumm" bleiben zu wollen. Wir sind alle nur Helfer zum gesund-vernünftigen Leben, keine Heiler. Zum Heil-werden und Heil-Sein gehört immer der dazu, der es will (oder auch nicht!) und das ist DER PATIENT. Dem soll aber dann auch unsere ungeteilte, kundige Kompetenz als diabetologisch Wissender für ihn, dem an seiner Krankheit Leidenden, engagiert in seinem Alltag individualisiert zukommen - wie bisher auch seitens derer, die dieses Persönlichkeits-Patientenbild mit der Ausbildung zum Arzt beherzigt hatten,
meint
Dr. Richard Barabasch zum Beitrag »
[27.11.2012, 10:24:14]
Ronald Meier 
Patienten im Zentrum der Behandlung
"Erläutern Sie den Patienten die Risiken der Erkrankung! Zeigen Sie ihm Möglichkeiten der Therapie auf! Und machen Sie ihm dann Vorschläge, die seine Präferenzen berücksichtigen!"

Und was hat man bis heute gemacht? Den Patienten einfach übergangen? zum Beitrag »

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