Ärzte Zeitung, 18.02.2013

Parodontitis

Auch eine Aufgabe für Diabetologen

Parodontitis wird bei Diabetikern weiter unterschätzt. Dabei ist die Erkrankung nicht nur ein Fall für die Zahnärzte.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Eine Aufgabe auch für Diabetologen

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Immer noch wird Parodontitis bei Patienten mit Diabetes unterschätzt. Potenziale für die Prävention und Behandlung der schwerwiegenden Infektion bleiben daher häufig ungenutzt.

Der Behandlungserfolg hängt von einer frühen Diagnose und Therapie ab. Diabetiker müssen daher zu regelmäßigen zahnärztlichen Kontrollen angehalten werden; sie sollten Zahnärzte zudem auf ihren Diabetes hinweisen.

Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an schwerer Parodontitis mit großen Zahnfleischtaschen, wurde bei einem Symposium auf der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) berichtet.

Diabetes begünstigt die Entstehung und Progression des Zahnfleischschwundes. So ist das Erkrankungsrisiko bei Diabetikern im Vergleich zu Stoffwechselgesunden dreifach erhöht, das Risiko für Zahnverlust sogar fünfzehnfach. Parodontitis erschwert die metabolische Kontrolle bei Diabetes.

Eine Senkung des HbA1c-Wertes in den Zielbereich kann die Prognose der Parodontitis entscheidend verbessern. Und umgekehrt wirkt sich die Therapie gegen den Zahnfleischschwund positiv auf die Stoffwechseleinstellung aus.

Systemische Volkskrankheit mit Wechselwirkungen

Ähnlich wie Diabetes ist auch Parodontitis eine chronische systemische Volkskrankheit mit steigender Prävalenz und mit Wechselwirkungen.

Man nimmt an, dass die entzündliche Zahnfleischerkrankung und der gestörte Glukosestoffwechsel auf ähnlichen inflammatorischen Prozessen beruhen. Pathogene Bakterien, die sich bei Parodontitis im Blut finden, tragen zu Komplikationen bei.

Eine Parodontitis kann ein Anlass sein, einen Betroffenen auf Diabetes zu untersuchen. 90 Prozent der 20- bis 70-Jährigen gehen bei uns regelmäßig zum Zahnarzt, hat Professor Thomas Kocher vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGP) bei dem Symposium betont.

Dies sei eine Chance, große Teile der Bevölkerung auf Diabetes zu screenen; Blutzuckerkontrollen könnten dabei durchaus auch in der Zahnarztpraxis stattfinden. Maßnahmen gegen Parodontitis seien in der Regel technisch nicht anspruchsvoll und kostengünstig, so Kocher.

Meist wird aber die Erkrankung zu spät diagnostiziert. Eine bessere Vernetzung von Diabetologen und Zahnärzten wäre daher zu begrüßen.

Sterberate neunfach erhöht

Viel zu wenig bekannt ist, dass bei Diabetikern mit Parodontitis das Risiko für makro- und mikrovaskuläre Komplikationen besonders stark erhöht ist.

Die Sterberate von Diabetikern mit schwerer Parodontitis ist gegenüber zahngesunden Diabetikern neunfach erhöht; auch sterben Diabetiker mit schwerem Zahnfleischschwund doppelt so häufig wie Zahngesunde an einer ischämischen Herzerkrankung.

Die hohe Rate an Komplikationen bei Parodontitis ist auch ein Kostenfaktor. Insgesamt machen die Kosten für die Folgeschäden bei Patienten mit Diabetes 75 Prozent der jährlich aufgewendeten 48 Milliarden Euro aus, gibt Professor Diethelm Tschöpe vom Herz- und Diabetes-Zentrum in Bad Oeynhausen an.

Auch weitere wirtschaftliche Überlegungen sprechen für eine Kooperation von Zahnärzten und Diabetologen.

So müssen für eine den Status erhaltende unterstützende Parodontalbehandlung wesentlich weniger Euro aufgewendet werden im Vergleich zu den etwa 2000 Euro, die für den Ersatz eines verloren gegangenen Zahnes durch Implantat oder Brücke nötig sind, hieß es bei der Veranstaltung.

GKV soll professionelle Zahnreinigung bei Diabetikern bezahlen

Zurzeit existiere keine Basis, Patienten vom Zahnarzt zum Arzt oder umgekehrt zu überweisen, kritisiert DGP-Präsident Professor Peter Eickholz aus Frankfurt am Main. Er setzt sich zudem dafür ein, dass die GKV die Kosten einer regelmäßigen professionellen Zahnreinigung bei Diabetikern übernimmt.

Um die Kooperation von Zahnärzten und Diabetologen zu stärken, sollten DGP und die DDG jetzt gemeinsam mit den Selbstverwaltungsgremien strukturelle Vorschläge erarbeiten. Und Patienten sind verstärkt über die Risiken von Parodontose aufzuklären.

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