Ärzte Zeitung, 02.04.2013

Harnzucker-Selbstkontrolle?

Das wäre ein riesiger Rückschritt

Für Diabetiker sind Selbstmessungen des Blutzuckers wichtig. Doch die neuen Vorschläge nach der Harnzucker-Selbstkontrolle führt die Diabetologie zurück in die Urzeiten.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Das wäre ein Rückschritt

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Für die Versorgung bei Diabetes gilt: Schulung ist nicht alles, aber ohne Schulung ist alles nichts.

DMP schaffen hier die Möglichkeit, strukturierten Unterricht anzubieten. Dabei sind Patienten zu eigenverantwortlicher Therapie anzuhalten, wozu Selbstkontrollen von Gewicht und Blutzucker nötig sind.

Durch tägliches Wiegen können Patienten am besten gegen die drohende (extreme) Gewichtszunahme ankämpfen. Denn über 85 Prozent der Typ-2-Patienten und 50 Prozent der Typ-1-Patienten sind ja bereits übergewichtig oder sogar adipös.

Regelmäßige Gewichtskontrollen erfassen zudem Schwankungen, die zum Beispiel bei vermehrter Flüssigkeits- und Salzzufuhr als zusätzliche Gewichtskomponente auftreten können.

Widersprüchliches zu Blutzucker-Selbstmessungen

Überragend wichtig sind die Blutzucker-Selbstmessungen. Im Entwurf der Nationalen Versorgungsleitlinien findet man dazu nun Widersprüchliches.

So schreiben dort die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM): "Ein Zusatznutzen der Plasmaglucose-Selbstmessung vor der erheblich preiswerteren Selbstkontrolle des Urinzuckers bei Menschen, die ihren Diabetes nicht mit Insulin behandeln, konnte nicht belegt werden" (Seite 113 ).

Im Widerspruch dazu führt die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) aus: "Die Uringlucose-Analyse ist kein Standard in der Diagnostik und in der Therapieüberwachung, denn die Uringlucose wird nur positiv bei hohen Werten der Plasmaglucose (Glucosetransportkapazität individuell sehr unterschiedlich, altersabhängig, bei verminderter Nierenfunktion nicht systematisch untersucht, bei bestimmten Erkrankungen erniedrigt und nicht verwertbar bei Schwangerschaft und dem Einfluss von Medikamenten, die demnächst auf den Markt kommen [SGLT2-Hemmer]). Sie kann lediglich zur Komaprophylaxe wertvolle Hinweise geben".

Fachärzte sind fassungslos, dass hier ein Rückschritt in die Urzeiten der Diabetologie ernsthaft diskutiert wird. Messungen von Harnzucker waren bis nach dem zweiten Weltkrieg Standard. Hierzu wurden Clinitest, Glykurator und Harnzucker-Teststreifen verwendet.

Seither wird die Uringlucose-Messung aber kaum noch angewandt. Und jetzt stellen Fachgesellschaften die Blut- und Uringlucose auf eine Stufe? Für die Kontrolle bestimmter Diabetiker soll dem Harnzucker ja sogar der Vorzug gegeben werden.

Studien unnötig wie ein Kropf!

Bei Typ-1-Diabetikern ist die Situation sowieso klar. Natürlich ist der labile Typ der Zuckerkrankheit unter dem Einfluss von Insulin nur in den Griff zu bekommen, wenn die Therapie mit Blutzucker-Selbstkontrollen angepasst werden kann.

Das haben auch die Krankenkassen anerkannt; denn bei der Verordnung von Blutzuckerteststreifen gibt es für Typ-1-Diabetiker kaum Probleme.

Wenig anders verhält es sich bei den hier angesprochenen Typ-2-Diabetikern: Diese brauchen in bestimmten Situationen ebenfalls eine Blutzucker-Selbstkontrolle als zusätzliche Maßnahme zu den ärztlichen Bemühungen.

Dass dabei die Messung der Plasmaglucose nicht der Urinzucker-Bestimmung überlegen sein soll, ist nicht nachzuvollziehen. Studien hierzu wären unnötig wie ein Kropf!

Hypoglykämien können ja häufig nur erkannt oder vermieden werden, wenn Patienten den Blutzucker selbst bestimmen. Das gilt besonders auch bei Therapie mit den in dem Positionspapier an anderer Stelle empfohlenen Sulfonylharnstoffen!

Auch für die Prävention (Blutzuckermessung etwa beim Autofahren) kommen natürlich nur Blutzuckermessungen infrage, betont die DDG.

Man kann nur hoffen, dass das Wiederausgraben der Harnzuckerkontrolle ein flüchtiges Erlebnis bleibt und sich in dem endgültigen Positionspapier nicht niederschlagen wird.

Auf internationaler Ebene haben derartige Empfehlungen, wie sie bei uns jetzt diskutiert werden, nur Kopfschütteln hervorgerufen.

[02.04.2013, 12:25:19]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ist es denn zu fassen?
Da muss der 85-jährige Nestor der Deutschen Diabetologie, Professor Hellmut Mehnert, geb. 22.2.1928, der verschnarchten und Diagnostik-fremden Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) bzw. der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) erklären, dass Messungen von H a r n-Zucker im vergangenen Jahrhundert nur bis nach dem zweiten Weltkrieg Standard waren?

Das international validierte Selbstmonitoring des Blutzuckers (SMBG) ist nicht nur m. E. eine wichtige Säule in der Therapieoptimierung und Komplikationsverhinderung bei Typ-2-Diabetes mellitus. Dazu leistet die bei SpringerMedizinOnline
http://www.springermedizin.de/selbstmonitoring-beim-typ-2-diabetes/4026978.html
und in der Zeitschrift "Der Hausarzt" 2013/3 veröffentlichte, äußerst fundierte Übersichtsarbeit von PD Dr. med. Erhard Siegel (Heidelberg) et al. Hervorragendes.

In krassem Gegensatz dazu und sozusagen unter Billigung schwerer Krankheits- und Komplikationsentwicklungen dürfen laut Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) der Ärzte und Krankenkassen seit 1.10. 2011 (!) Ärzte ihren nicht-insulinpflichtigen Typ-2-Diabetikern nur noch in A u s n a h m e - Fällen Blutzuckerteststreifen zulasten der GKV verordnen. Führende Diabetologen, Wissenschaftler, Ärzte- und Patientenverbände hatten diese Beschränkungen des G-BA schon damals im Vorfeld seiner völlig unangemessenen Entscheidung kritisiert.

Will der G-BA damit etwa mehr gefährlich abwendbare Krankheitsverläufe (R. Braun) schaffen als verhindern?
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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