Ärzte Zeitung, 03.11.2014

Strenge Blutzuckerkontrolle

Risiko für Hypoglykämie bei Kindern schrumpft

Ein niedriger HbA1c-Wert ist heute nur noch ein untergeordneter Prädiktor für schwere Unterzuckerungen. Das hat eine Studie bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes ergeben.

Risiko für Hypoglykämie bei Kindern schrumpft

Kleiner Junge misst seinen Blutzucker: Eine verbesserte glykämische Kontrolle ist heute ohne ein erhöhtes Hypoglykämie-Risiko möglich.

© rkris / fotolia.com

AACHEN. Zur Vermeidung von Langzeitkomplikationen wird bei Typ-1-Diabetes eine möglichst normnahe Blutzuckerkontrolle angestrebt. Dagegen steht allerdings die Sorge, schwere Hypoglykämien zu induzieren.

Zumindest in älteren Studien waren niedrige HbA1c-Werte mit hohem Unterzuckerungsrisiko verknüpft. In jüngeren Untersuchungen ist das jedoch nicht der Fall.

So hat nun eine deutsch-österreichische Kohortenstudie ergeben, dass sich der Zusammenhang von HbA1c und schweren Hypoglykämien bei Kindern und jungen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes seit 1995 deutlich abgeschwächt hat.

"Eine strenge Blutzuckerkontrolle ist in den letzten Jahren sicherer geworden", konstatieren die Studienautoren um Professor Beate Karges von der RWTH Aachen (PLoS Med 2014; 11 (10): e1001742).

Basis der Studie waren prospektiv erhobene Daten der DPV (Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation)-Initiative aus den Jahren 1995-2012. Die DPV-Kohorte umfasst 37.539 junge Typ-1-Diabetiker im mittleren Alter von 14 Jahren und damit mehr als 80 Prozent aller pädiatrischen Patienten in Deutschland und Österreich.

Das mittlere HbA1c der Patienten ging im Beobachtungszeitraum von 8,9 auf 8,0 Prozent zurück. Gleichzeitig reduzierten sich die Zahl schwerer Hypoglykämien pro 100 Patientenjahre von 42,3 auf 17,6 und die Zahl hypoglykämischer Komata von 13,5 auf 1,8.

Kausalität nicht zu belegen

Berücksichtigt man Alter, Geschlecht und Erkrankungsdauer der Patienten, ist das mit einer HbA1c-Absenkung um einen Prozentpunkt verbundene relative Risiko für schwere Hypoglykämie oder Koma von 1,28 auf 1,05 und von 1,39 auf 1,01 geschrumpft.

Das entspricht jährlichen Risikoreduktionen um 1,2 sowie 1,9 Prozent. Verantwortlich für die Risikominderung waren fast ausschließlich Patienten mit HbA1c-Werten zwischen 6,0 und 7,9 Prozent.

Auch wenn epidemiologische Studien keine Kausalität beweisen können, legen die Daten nahe, dass der Rückgang von Unterzuckerungen mit Verbesserungen in der Diabetestherapie zusammenhängt.

So hat bei jungen Patienten der Gebrauch von Insulinanaloga sowie von Insulinpumpen stark zugenommen, ebenso die Zahl der täglichen Blutzucker-Selbstmessungen. Veränderungen bei Diabetes-Schulungen und körperlicher Aktivität wurden allerdings nicht erfasst.

Die Studie zeigt laut Karges und Kollegen, dass niedrige HbA1c-Werte und Hypoglykämien nicht notwendig "zwei Seiten derselben Medaille" sind:

"Eine verbesserte glykämische Kontrolle - und damit eine Reduktion des Risikos für diabetische Komplikationen - kann bei jungen Typ-1-Diabetikern erreicht werden, ohne dass man dadurch das Risiko für schwere Hypoglykämien erhöht." (BS)

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