Ärzte Zeitung, 16.02.2015

Typ-1-Diabetes

Länger leben dank intensiver Blutzuckerkontrolle

Hypo- und Hyperglykämien zu meiden ist gut. Möglichst normale Blutzuckerwerte zu erreichen, ist für Typ-1-Diabetiker aber noch viel besser: Sie leben dadurch wohl einige Jahre länger.

Von Thomas Müller

Länger leben dank intensiver Blutzuckerkontrolle

Möglichst normale Blutzuckerwerte bei Typ-1-Diabetikern können dazu beitragen, das Leben zu verlängern.

© Miriam Dörr / fotolia.com

PITTSBURGH. Wie gut Blutzuckerwerte bei Diabetikern medikamentös eingestellt werden sollten, wird immer wieder diskutiert.

So hatten Patienten mit Typ-2-Diabetes in der ACCORD-Studie keinen Nutzen von einer Behandlung, die möglichst ähnliche Blutzuckerwerte wie bei Nichtdiabetikern anstrebte, ganz im Gegenteil: Die Gesamtsterberate und die kardiovaskuläre Sterberate waren damit im Vergleich zu einer weniger intensiven Therapie sogar erhöht.

Etwas anders scheint die Lage bei Typ-1-Diabetikern zu sein. Bereits in den 1990er-Jahren legte der "Diabetes Control and Complications Trial" (DCCT) nahe, dass eine Einstellung der Blutzucker- und HbA1c-Werte auf das Niveau von Nichtdiabetikern Nierenschäden und kardiovaskuläre Ereignisse vermeiden kann.

Besonderes Augenmerk auf Sterberate

Als Folge setzte sich die intensivere Therapie bei Typ-1-Diabetes mit der Zeit durch, erinnern Diabetologen um Dr. Trevor Orchard von der Universität in Pittsburgh (JAMA 2015; 313(1): 45-53).

Anhand der DCCT-Daten und der Folgestudie EDIC* schauten sie, ob mehr als 20 Jahre nach dem Ende der wegweisenden Untersuchung noch Unterschiede zwischen den beiden ursprünglichen Therapiegruppen erkennbar waren.

Besonders interessierten sich die Forscher für die Sterberate. An DCCT hatten 1441 Typ-1-Diabetiker ohne kardiovaskuläre Erkrankungen und ohne weitere Risikofaktoren für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung teilgenommen.

Die eine Gruppe erhielt eine Therapie mit dem Ziel, symptomatische Hyper- und Hypoglykämien zu vermeiden. In der anderen Gruppe erfolgte eine intensivere Behandlung hin zu möglichst normalen Blutzuckerwerten.

In dieser Gruppe wurde ein HbA1c von 7 Prozent erreicht, in der anderen nur von 9 Prozent.

Nach einer Studiendauer von im Schnitt sechseinhalb Jahren nahmen rund 1400 der Teilnehmer an der epidemiologische Folgestudie EDIC teil. Sie wurden bis zum Jahr 2012 regelmäßig untersucht.

In EDIC legten die Studienärzte nun allen Patienten eine intensive Therapie nahe. Nach etwa fünf Jahren waren die Unterschiede im HbA1c verschwunden.

Nach im Schnitt 27 Jahren Gesamtstudiendauer fanden die Forscher um Orchard in der Tat deutliche Unterschiede bei der Mortalität: So war von den Patienten mit ehemals intensiver Therapie ein Drittel weniger gestorben als in der Gruppe mit konventioneller Therapie (43 versus 64 Todesfälle).

Diese Differenz wurde erst nach 15 Jahren deutlich, erreichte aber nur knapp das Signifikanzniveau. Häufigste Todesursachen waren kardiovaskuläre Erkrankungen (22 Prozent aller Todesfälle), Krebs (knapp 20 Prozent) und Diabeteskomplikationen (18 Prozent).

Diese drei Todesursachen wurden in der Gruppe mit einstiger Intensivtherapie jeweils seltener beobachtet als bei denjenigen der ehemaligen Kontrollgruppe.

Risikofaktor Albuminurie

Dafür traten tödliche Unfälle in der Gruppe mit Intensivtherapie etwas häufiger auf. Als wesentlicher Risikofaktor für den vorzeitigen Tod erwies sich eine Albuminurie: Davon betroffene Patienten starben mehr als doppelt so häufig wie Patienten ohne Albuminurie.

Bei einer Makroalbuminurie war die Sterberate verdreifacht, bei einer Mikroalbuminurie um den Faktor 1,5 erhöht. Auch Patienten mit schweren Hypoglykämien, die zu Anfällen oder einem Koma führten, starben gehäuft, und solche Patienten fanden sich vermehrt in der einstigen Intensivtherapiegruppe.

Unterm Strich scheint die inzwischen allgemein empfohlene Behandlung mit dem Ziel einer möglichst normalen Blutzuckereinstellung das Leben aber eher zu verlängern als zu verkürzen, so das Fazit der Studienautoren.

Und das war zu erkennen, obwohl die intensivere Behandlung nur in einem Viertel der gesamten Beobachtungsdauer erfolgte.

Allerdings unterschieden sich die beiden Gruppen in absoluten Zahlen nur geringfügig: Auf 1000 Patientenjahre gerechnet gab es in der Gruppe mit einstiger Intensivtherapie nur einen Todesfall weniger.

Auch lässt die insgesamt geringe Zahl der Todesfälle nur bedingt belastbare Aussagen zu.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »