Ärzte Zeitung, 02.06.2015

Typ 2-Diabetes

Letzte Rettung Endoskopie?

Ein neues endoskopisches Verfahren macht Hoffnung bei der Behandlung von Diabetes-Typ-2-Patienten, bei denen der Diabetes trotz Medikamenten nur schlecht eingestellt ist.

DÜSSELDORF. Fast acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an Diabetes mellitus, 90 Prozent davon an einem Typ-2-Diabetes. Bei nahezu der Hälfte der Patienten ist der Diabetes unzureichend eingestellt, trotz der zahlreichen zur Verfügung stehenden medikamentösen Maßnahmen.

Neue Hoffnung für die Betroffenen liegt nach einer Pilotstudie auf einem endoskopischen Verfahren, bei dem die Schleimhaut im Zwölffingerdarm verschorft wird.

Dem neuen endoskopischen Verfahren gehe die Beobachtung voraus, dass fettleibige Menschen mit Typ-2-Diabetes, die durch eine Bypass-Op abnehmen wollen, nicht nur ihr Körpergewicht, sondern auch ihren Diabetes verlieren, wird Professor Horst Neuhaus, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf, in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin zitiert.

Blutzucker normalisiert sich durch Op

Bei einer Bypass-Operation verbindet der Chirurg den Magen direkt mit dem oberen Dünndarm. Der Speisebrei fließt dann am Zwölffingerdarm vorbei, der in einer Schlinge blind endet. "Bei den meisten Patienten normalisiert sich der Blutzucker, noch bevor sie wesentlich an Gewicht verlieren", so der Experte.

Die genauen Zusammenhänge seien nicht bekannt. "Hormone, die beim Durchtritt des Speisebreis in der Schleimhaut des Zwölffingerdarms gebildet werden, spielen aber offenbar eine wichtige Rolle", so Neuhaus: "Diese Inkretine regen in der Bauchspeicheldrüse die Ausschüttung von Insulin an, was längerfristig zu einem Wirkungsverlust führt."

Um die übermäßige Freisetzung stoffwechselaktiver Hormone aus der Schleimhaut des Zwölffingerdarmes zu verhindern, könnten Ärzte in Zukunft auf einen nicht-operativen Eingriff setzen. Dafür hat eine US-Firma einen speziellen Ballon entwickelt. "Dieser Ballon wird mit einem Endoskop, wie es auch zur Magenspiegelung verwendet wird, durch den Zwölffingerdarm geschoben", erläuterte Neuhaus in der Mitteilung.

"Durch kurzzeitige Erhitzung wird dabei die Schleimhaut verschorft, während tiefer liegende Schichten der Darmwand verschont bleiben."

In Pilotstudie erprobt

Das als "Erneuerung der Schleimhaut im Zwölffingerdarm" bezeichnete Verfahren ist bereits in einer ersten Pilotstudie an einer Klinik in Chile an 30 Patienten erprobt worden. Die Ergebnisse waren laut Neuhaus vielversprechend. "Der Blutzucker-Langzeitwert HbA1c sank von 9,2 Prozent auf 7,1 Prozent, was die Wirkung der meisten Blutzucker senkenden Medikamente übertrifft."

Mehr noch: Die Wirkung scheint längerfristig anzuhalten, sodass die Therapie möglicherweise nur selten wiederholt werden müsste. Das Verfahren wird derzeit an mehreren klinischen Zentren in Europa überprüft.Neben dem Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf beteiligen sich zwei weitere deutsche Kliniken an der Studie. Der Ausgang der Studie lasse sich zwar noch nicht vorhersagen, so Neuhaus.

Wenn sich die Ergebnisse der Pilotstudie jedoch bestätigen sollten, könnte das innovative Therapiekonzept für viele Menschen mit Typ-2-Diabetes infrage kommen. Die Fallzahl ist laut Neuhaus im letzten Jahrzehnt um mehr als 40 Prozent angestiegen: "Deutschland liegt hier in Europa mittlerweile an der Spitze." (eb)

Über weitere medizintechnische Erfindungen diskutieren Experten am Thementag Bildgebung, Endoskopie und Interventionen am Dienstag, den 17. November 2015 auf der Medica Education Conference in Düsseldorf.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBVdrücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Weiterbildung auch mit Kind zügig möglich - im Verbund!"

Eine strukturierte Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt für die "Ärzte Zeitung" auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »