Ärzte Zeitung online, 03.06.2015

Unklare Studienlage

Frühstück oder kein Frühstück, das ist hier die Frage

Es gibt inzwischen haufenweise Studien, die untersucht haben, wie gesund das tägliche Frühstück wirklich ist. Ein einheitliches Bild ergibt sich dabei nicht.

Von Christine Starostzik

Frühstück oder kein Frühstick, das ist hier die Frage

Schützt das tägliche Frühstück vor Übergewicht und Krankheiten? Eine eindeutige Frage darauf gibt es bislang nicht.

© mbt_studio - Fotolia

MÜNCHEN. Selbst randomisierte kontrollierte und epidemiologische Studien zum Einfluss des Frühstücks auf die Gesundheit kommen zu unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen.

Außerdem müssten viele Studien wegen zahlreicher methodischer Mängel kritisch betrachtet werden, meint die Ernährungswissenschaftlerin Nicole Erickson, TU München (Aktuel Ernährungsmed 2014; 39:355).

Frühstück: Schutz vor Übergewicht?

Wie stark allein die Frage "Frühstück oder kein Frühstück?" vom soziodemografischen Hintergrund abhängt, hat eine Untersuchung in acht europäischen Ländern gezeigt (Public Health Nutrition 2015; 18 (5):774-783): Bei der Befragung von 5444 Kindern und deren Eltern ergab sich nicht nur für einige Länder ein signifikanter Zusammenhang zwischen "Wochentags-Nichtfrühstückern" und Übergewicht, sondern auch zwischen Frühstückskultur und Herkunft sowie Bildungsgrad der Eltern.

Kinder, die in ihrer biologischen Herkunftsfamilie lebten, wo mindestens ein Elternteil einen höheren Bildungsgrad hatte und beide Eltern berufstätig waren, erhielten häufiger ein tägliches Frühstück und waren im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren vergleichsweise selten übergewichtig.

Anders als oft empfohlen, scheint das tägliche Frühstück eine Gewichtsreduktion aber nicht zu erleichtern (Am J Clin Nutr 2014; 100:503-513). Eine britische Studie ergab zudem, dass schlanke frühstückende Erwachsene insgesamt sogar mehr Kalorien aufnahmen im Vergleich zur Erwachsenen, die morgens nicht aßen, aber durch körperliche Aktivität bis mittags auch signifikant mehr verbrauchten (Am J Clin Nutr 2014; 100: 539- 547).

"Frühstücker" aßen weder am Abend weniger, noch zeigten sich wesentliche Unterschiede bei metabolischen Parametern oder kardiovaskulären Risikofaktoren im Vergleich zu "Nichtfrühstückern".

Allerdings waren bei Ersteren die Blutzuckerwerte am Nachmittag und Abend stabiler. Auch litten einer schwedischen Kohortenstudie zufolge Jugendliche, die im Alter von 16 Jahren gar nicht oder nur sehr dürftig frühstückten, unabhängig von sonstigen Mahlzeiten oder ihrem Lebensstil in der Jugend, mit 43 Jahren signifikant häufiger an einem metabolischen Syndrom (Public Health Nutr 2015; online 4. Mai).

Geringeres Diabetes-Risiko bei Frühstückern

Regelmäßige Morgenmahlzeiten senken den mittleren Nüchterninsulinspiegel, so das Fazit einer britischen Studie mit 4000 Neun- und Zehnjährigen (PLoS Med 2014; 11(9): e1001703). Kinder, die täglich frühstückten, hatten im Vergleich zu Nichtfrühstückern ein geringeres Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln.

Besonders deutlich wurde dieser Zusammenhang bei ballaststoffreicher Kost. Wenn alle englischen Kinder, die nicht frühstücken, dazu gebracht würden, jeden Morgen eine ballaststoffreiche Mahlzeit einzunehmen, könnte der Insulinspiegel populationsweit um 11-12 Prozent sinken, so die Hochrechnung.

Wie das möglicherweise zu schaffen ist, zeigt eine Studie in mehreren europäischen Ländern (Eur J Nutr 2015; online 19. April). Denn mit genussfertigen Getreidezubereitungen konnten Jugendliche wesentlich leichter zum täglichen Frühstück bewegt werden als mit üblichen Morgenmahlzeiten.

Ganz nebenbei nahmen sie auch mehr Milchprodukte und frische Früchte zu sich. Das erhöhte Diabetesrisiko bei Frühstücksverzicht bestätigte sich zudem kürzlich in einer Metaanalyse mit Erwachsenen (Public Health Nutrition 2015; online 17. Februar).

Erickson hält vor allem den Zusammenhang zwischen "regelmäßigem Frühstück" und "vermehrter körperlicher Aktivität" für interessant, der sich bei Kindern und Erwachsenen in zwei Untersuchungen gezeigt hat.

In einer griechischen Studie (Eur J Clin Nutr 2014; 68(7):829-834) wurden zwar bei Jungen ohne regelmäßiges Frühstück ein vergleichsweise höheres Gewicht, ein vermindertes HDL-Cholesterin sowie höhere Triglyzeridwerte festgestellt, woraus die Autoren auf eine Beeinflussung des kardiovaskulären Risikoprofils durch das Frühstück schlossen.

Erickson sieht dies allerdings "weniger als Argument für regelmäßiges Frühstück, sondern eher als gute Basis, um den positiven inversen Effekt von körperlicher Aktivität auf kardiovaskuläre Risiken zu belegen".

Eine Frage der Interpretation ...

Ebenso könne vermehrte Bewegung die stabile Blutzucker-Homöostase in einer weiteren Studie erklären (Am J Clin Nutr 2014;100:539-547).

Es sei eine Frage der Interpretation, so Erickson, ob sich die Studienprobanden aufgrund eines Energiedefizits infolge des leeren Magens am Morgen weniger bewegten oder ob sie allgemein einen ungesünderen Lebensstil führten.

In einer dritten Studie (Am J Clin Nutr 2014; 100: 503- 513) bestätige sich zudem, dass Probanden, die regelmäßig frühstücken, insgesamt bessere Essgewohnheiten und einen gesünderen Lebensstil hatten.

Für Empfehlungen zum regelmäßigen Frühstück im Hinblick auf die kardiovaskuläre Gesundheit sieht die Ernährungswissenschaftlerin jedenfalls noch keinen Anlass.

[03.06.2015, 15:30:49]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Berit Engmann ad hominem ist nun überhaupt kein Sachargument,
es sei den, Sie wollten meine einzige konkrete Empfehlung, für längere Nahrungspausen, für falsch erklären.
Sie ist aber richtig aus Stoffwechselsicht, das kann man auch knallhart an Rattenversuchen ganz ohne Psychologen nachweisen.
Ich bin kein Anfänger und ganz sicher besser informiert als Sie.
Nur deshalb kritisiere einen "psychologisch" motivierten Trend, der Übergewichtige solle doch dauernd etwas essen, dem auch die DGE verfallen ist und ich kritisiere ebenso das "psychologische" Radikal-Konzept der Giesener Schule (Optifast etc.), das ungesund ist und sich als falsch heraus gestellt hat, wofür aber immer noch geworben wird und den Menschen Geld aus der Tasche gezogen wird, dafür dass sie gar nichts essen sollen, statt am Essen Geld zu sparen.
Wer hat hier behauptet, alle Menschen seien gleich?
Kritik bin ich gewohnt, sehr polemische sogar, weil ich sehr früh mit endoskopischer Übergewichtschirurgie begonnen habe, das mit Abstand erfolgreichste Verfahren bei den dafür geeigneten Menschen,
sicher nicht die Mehrheit. Es geht auch ohne Op bei den dafür geeigneten Menschen. Der Ernährungsstoffwechsel muss aber prioritär berücksichtigt werden. zum Beitrag »
[03.06.2015, 12:23:43]
Berit Engmann 
Erst informieren dann schreiben
Sehr geehrter Dr. Wolfgang P. Bayerl,

wie viele Ernährungsberater kennen sie eigentlich? Oder anders gefragt, wann kannten sie sie? Viele der Lehrmeinungen auf die sie sich in ihren Kommentaren beziehen sind auch unter Ernährungberatern längst überholt. Ihre Unkenntnis dieser Tatsachen schlägt sich schon in der Berufsbezeichnung wieder, diese lautet nämlich korrekterweise Diätassistent/in bzw. Ökotrophologe/in und diese Berufsgruppen unterliegen strengen Weiterbildungsvorgaben.

Außerdem scheinen sie zu glauben, dass die Arbeit nur dann richtig getan wurde, wenn der Patient exakt nach Vorgabe funktioniert. Aber wie Frau Margarita Moerth schon schrieb sind Menschen keine Maschinen, sie sind verschieden, ihre Vorlieben sind verschieden ihr Leben und ihr Tagesablauf ist verschieden. Daher können sie nicht alle in ein Schema X pressen, zumindest wenn sie die Mitarbeit des Patienten wünschen.

Vielmehr würde ich so manchen (Chef-)Arzt raten sich einmal wirklich mit den Menschen zu befassen, anstatt immer irgendwelchen Konzepten hinterher zu jagen und gegenteilige Ansichten zu verdammen, denn DAS Konzept für alle gibt es einfach nicht und wird es auch nie geben.
 zum Beitrag »
[03.06.2015, 10:21:03]
Margarita Moerth 
Die Energiebilanz macht's
Wie Dr. Bayerl schon schrieb, kommt es vor allem auf die tägliche Energiebilanz an (schlicht und einfach aufgerechnet, wieviel wurde aufgenommen, wieviel wurde verbraucht).
Da kann sich im Laufe der Jahre ein hübscher Zementsack ansammeln, den man zusätzlich zum bekömmlich-gesunden Körpergewicht mit sich herumschleppt, auch bei geringem Überschuss in der Aufnahme.
Wer was zu welcher Tageszeit isst hängt allerdings von verschiedenen Faktoren ab. Ein Schichtarbeiter im "Radl" muss z.B. ständig seinen Tagesrhythmus ändern, dem einen gelingt das leicht und gut, der andere hat ein Dauerproblem damit.
Nicht jeder übergewichtige Mensch ist ein undisziplinierter Faulenzer, und auch nicht alle fülligeren Menschen sind krank.
Zurück zum hier gepriesenen Frühsück: Manche mögen's, manche mögen es nicht. Daraus gleich wieder eine Glaubensfrage zu machen, halte ich für albern.
 zum Beitrag »
[03.06.2015, 08:49:26]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
ein Streit um des Kaisers Bart
abnehmen geht nur bei mehr Kalorienverbrauch als Kalorienaufnahme.
Ein aktiver Mensch sollte den Tag nicht nüchtern beginnen, das schränkt seine Leistungsfähigkeit ein.
Bei Übergewicht lieber mal das Mittagessen weglassen, damit endlich mal die Fettreserven etwas gekitzelt werden. Größere Nahrungspausen sind stoffwechselmäßig VORTEILHAFT.
Das werden Psycologen und Ernährungsberater nie kappieren. zum Beitrag »

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