Ärzte Zeitung, 13.10.2015

Mehnert-Kolumne

Mehr tun gegen die Diabetes-Epidemie!

Diabetes Typ 2 greift in Deutschland immer weiter um sich. Dabei gibt es wirksame Mittel zur Prävention. Dafür muss aber mehr getan werden, fordert Experte Hellmut Mehnert.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Wir brauchen mehr Daten zu Diabetes in Deutschland, um wirksame Maßnahmen gegen die Diabetes-Epidemie entwickeln und die Versorgung der Patienten verbessern zu können. So ist absehbar, dass die Zahl der Typ-2-Diabetiker in den nächsten Jahren noch schneller wachsen wird, als es heute bereits der Fall ist.

Prof. Hellmut Mehnert

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© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Nicht nur die Allgemeinbevölkerung, sondern auch Prädiabetiker werden nämlich älter und erleben so die Manifestation ihrer Stoffwechselkrankheit.

Diabetes wird zudem heute früher erkannt, und viele Betroffene können dank guter Behandlungsoptionen lange damit leben. Damit steigt natürlich die Prävalenz in der Bevölkerung weiter an.

Ein weiterer Faktor ist die Erblichkeit der Erkrankung, und zwar besonders beim Typ-2-Diabetes: 70 bis 80 Prozent der Kinder von zwei Eltern mit dieser Diabetesform werden nach Studiendaten in ihrem Leben ebenfalls zuckerkrank - mit Prävention ließe sich das Risiko senken.

Zudem wurden die diagnostischen Kriterien für Typ-2-Diabetes verschärft. Bei Blutzuckerwerten, die früher als annähernd normal galten, kommt es nämlich bereits zu diabetischen Folgeschäden. Ein Nüchternblutzucker ab 126 mg/dl gilt daher heute als beweisend für einen manifesten Diabetes. Das gleiche gilt für einen HbA1c-Wert ab 6,5 Prozent.

Metabolisch-vaskuläres Syndrom

Die meisten Typ-2-Diabetiker haben zusätzlich ein metabolisch-vaskuläres Syndrom und außerdem häufig eine Insulinresistenz. Treten mehrere Störungen wie Hypertonie, Dyslipoproteinämie, androider Fettsucht, gestörte Glucosetoleranz, Gerinnungsstörungen und Fettleber gemeinsam auf, ist stets nach Typ-2-Diabetes zu fahnden.

Vor allem auch, wenn die Stoffwechselkrankheit bereits in der Familie aufgetreten ist. Zwischen Manifestation und Diagnose von Typ-2-Diabetes liegen immer noch im Schnitt acht bis zehn Jahre. Schon bei der Diagnose bestehen daher oft schon Mikro- oder vor allem auch Makroangiopathien.

Ein erhöhtes Typ-1-Risiko lässt sich mit Bluttests erkennen. Zu den Markern gehören etwa die HLA-Antigene DR3, DR4, DQ8 und DQ2. Eine Häufung pathologischer HLA-Antigene bei beiden Eltern bedeutet bei den Nachkommen ein Typ-1-Risiko von 25 bis 50 Prozent.

Außer den bekannten Insulinantikörpern und den Anti-Glutamat-Decarboxylase-Antikörpern (GAD) gibt auch der Zink-Antikörper ZnT8 Auskunft über ein hohes Typ-1-Diabetes-Risiko (und in anderer Weise wohl auch bei Typ-2-Diabetes).

Das Risiko beträgt bis zu 70 Prozent, wenn vor dem dritten Lebensjahr bereits drei bis vier dieser Antikörper vorliegen und sich gleichzeitig DR3 und DR4 nachweisen lassen.

Was begünstigt die Autoimmunität?

Welche Faktoren die Autoimmunität beeinflussen, ist unklar. Diskutiert werden Umwelteinflüsse, Fehlernährung und Virusinfektionen etwa mit Cocksackie-Viren, und zwar besonders bei gefährdeten kleinen Kindern. Ob Stillen protektiv wirkt, ist umstritten.

Möglicherweise ist eine frühe glutenhaltige Beifütterung ungünstig. Gesichert ist auch, dass eine Sectio im Vergleich zur herkömmlichen Entbindung mit einer erhöhten und und einer frühen Inzidenz von Typ-1-Diabetes einhergeht. Möglicherweise spielt hier die Immunität eine Rolle, die durch die Darmflora bei natürlicher Entbindung günstig beeinflusst wird.

Völlig ungeklärt ist, warum die Inzidenz dieser Diabetesform in verschiedenen Ländern so unterschiedlich ist. So gibt es zum Beispiel in Finnland bezogen auf die Bevölkerung zehnmal mehr Typ-1-Diabetiker als in Italien.

Sardinien hat aber die gleiche prozentuale Diabetesinzidenz wie Finnland. In dem skandinavischen Land scheint zudem die Zahl der Typ-1-Diabetiker zu stagnieren, was (zufällig?) mit der Anreicherung von Milchprodukten mit Vitamin D einhergeht.

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