Ärzte Zeitung, 06.10.2015

Mit Drei-Stadien-Modell

Typ-1-Diabetes früher aufspüren

Typ-1-Diabetes beginnt lange, bevor sich die Erkrankung in Symptomen äußert. Um der Autoimmunkrankheit schon im Frühstadium auf die Schliche zu kommen, schlagen Forscher für die Diagnostik ein neues Drei-Stadien-Modell vor.

Typ-1-Diabetes früher aufspüren

Blutabnahme für die Autoantikörper-Messung zur Frühdiagnostik von Typ-1-Diabetes: Der Autoimmunprozess beginnt meist mit Insulin-Autoantikörpern (IAA).

© Institut für Diabetesforschung

MÜNCHEN. Die Autoimmunkrankheit Typ-1-Diabetes beginnt lange, bevor sie sich in Symptomen äußert. Eine internationale Forschergruppe mit Professor Anette-Gabriele Ziegler vom Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München schlägt daher ein Drei-Stadien-Modell vor, mit dem frühe Phasen in den Fokus rücken (Diab Care 2015; 38: 1964).

Betroffene könnten dann mithilfe von Autoantikörper-Tests erfahren, ob sie an einem Prädiabetes erkrankt sind und möglicherweise an einer Präventionsstudie teilnehmen, teilt die Forschergruppe Diabetes an der TU München mit.

"Die beste Zeit, um das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten, dürfte die Zeit vor dem Verlust der Insulin produzierenden Betazellen im Pankreas sein", so Dr. Richard Insel, Wissenschaftlicher Direktor und Studienleiter der JDRF (Juvenile Diabetes Research Foundation) in der Mitteilung.

"Ein Jahrzehnt an Forschungen und Screenings von Risikopersonen für Typ-1-Diabetes haben dazu beigetragen, dass Wissenschaftler die Entstehung und frühen Stadien der Erkrankung besser verstehen und dieses neue diagnostische Drei-Phasen-Modell entwickeln konnten. Der neue Ansatz wird dabei helfen, klinische Studien zur Prävention zu optimieren. Dies könnte die Entwicklung von Medikamenten und die Prävention von Typ-1-Diabetes beschleunigen."

Viele Notfälle mit Ketoazidosen

Typ-1-Diabetes wird heute in der Regel erst diagnostiziert, wenn Symptome wie Polydipsie, Polyurie, starke Gewichtsabnahme oder Müdigkeit auftreten.

Bei jedem dritten Patienten wird die Diagnose sogar erst gestellt, wenn er als Notfall mit Ketoazidose stationär behandelt werden muss.

Die Forscher setzen daher der Erkrankungsmanifestation zwei Vorstadien voraus, in denen sich die Autoimmunerkrankung bereits Jahre - oder Monate - vor Auftreten der ersten Symptome diagnostizieren lässt.

Stadium 1: Im ersten Vorstadium lassen sich zwei oder mehr für Typ-1-Diabetes spezifische Inselautoantikörper nachweisbar. Meist beginnt dabei der Autoimmunprozess mit Insulin-Autoantikörpern (IAA). Die Blutzuckerwerte sind noch im Normbereich.

Treten die ersten Autoantikörper bereits in jungem Lebensalter auf, liegen mehrere von ihnen vor oder kommen sie in einer erhöhten Konzentration vor, ist mit einem schnellen Fortschreiten des Autoimmunprozesses hin zum Typ-1-Diabetes zu rechnen.

Stadium 2: Der Autoimmunprozess ist aufgrund der zunehmenden Zerstörung der insulinbildenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sich neben den Inselautoantikörpern eine Glukoseintoleranz oder eine Dysglykämie messen lassen.

Stadium 3: Typ-1-Diabetes hat sich manifestiert.

Was nützt die frühe Diagnostik?

Zwar haben enge Verwandte von Personen mit Typ-1-Diabetes ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Etwa 50 begünstigende Genvarianten sind bekannt.

In Studien hatten aber 85 Prozent von 150.000 Patienten mit frisch diagnostiziertem Typ 1 Diabetes keinen Diabetesfall in der Verwandtschaft. Denn auch verschiedene Umweltfaktoren fördern den Krankheitsausbruch.

Als Risikofaktoren stehen Geburt per Kaiserschnitt, verschiedene Virusinfektionen, die Zusammensetzung der Darmflora und eine Antibiotika-Einnahme in Verdacht.

Studienteilnehmer, bei denen vorab eine Vorstufe des Typ-1-Diabetes nachgewiesen wurde und die unter medizinischer Kontrolle standen, hatten nachweislich bei Auftreten der ersten Symptome seltener Stoffwechselentgleisungen und wiesen zum Diagnosezeitpunkt einen besseren Blutzuckerwert auf.

Der Diabetes ließ sich besser einstellen, weshalb sie seltener oder kürzer im Krankenhaus betreut werden mussten als diejenigen Patienten, bei denen die Erkrankung vollkommen überraschend eintrat.

Da die Insulinbehandlung bei den Studienteilnehmern frühzeitig aufgenommen werden konnte, mussten in den ersten zwölf Monaten der Therapie geringere Mengen an Insulin verabreicht werden.

"Diese Vorteile werden in Zukunft noch um präventive Behandlungsoptionen ergänzt werden", so die Direktorin des Instituts für Diabetesforschung Ziegler.

Ihre Forschergruppe prüft derzeit in mehreren Studien die Effektivität einer Schutzimpfung mit Insulin. (eb/eis)

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