Ärzte Zeitung, 04.02.2016

Diabetestherapie ohne Rezept

Drei Tipps zur besseren Ernährungsberatung

"Diabetestherapie ohne Rezept" ist die große Leidenschaft von Professor Stephan Martin aus Düsseldorf. In seiner neuen Kolumne stellt der Leiter des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums regelmäßig Studien zum Thema Ernährung und Bewegung vor, die der Behandlung von Patienten nutzen.

Von Prof. Stephan Martin

Prof. Stephan Martin

Drei Tipps zur besseren Ernährungsberatung

© privat

Position: Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ)

Der Typ-2-Diabetes ist eine durch den Lebensstil ausgelöste Erkrankung. Lange ging die Medizin davon aus, dass man diese Erkrankung durch Tabletten und Insulin in den Griff bekommen kann.

Doch wissen wir aus der klinischen Praxis, dass häufig bei Patienten ohne Eigenverantwortung auch die besten Medikamente nur eine gewisse Zeit wirken.

Es gibt eine Vielzahl an aktuellen Publikationen, in denen Dinge des täglichen Lebens in Studien analysiert wurden.

In der neuen Rubrik "Diabetestherapie ohne Rezept" werden solche Studien vorgestellt.

Halber Liter Wasser vor Mahlzeiten

Einen wissenschaftlichen Beleg für den Nutzen größerer Trinkmengen liefert dabei eine aktuelle Studie von der Universität Birmingham in England (Obesity 2015; 23: 1785). Die 80 Teilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip einer Kontrollgruppe oder einer Behandlungsgruppe zugeteilt.

Beide Gruppen erhielten eine Ernährungsberatung. Den Probanden der Behandlungsgruppe wurde zusätzlich geraten, 30 Minuten vor jeder Hauptmahlzeit 500 ml Wasser zu trinken.

Ausdrücklich war dabei nur stilles Wasser erlaubt, von gesüßten Getränken, Säften und sogar von Wasser mit Kohlensäure wurde abgeraten.

Nach zwölf Wochen hatten die "Wassertrinker" im Schnitt 1,3 kg mehr Gewicht verloren als die Probanden der Kontrollgruppe.

Wer sich korrekt an die Vorgaben hielt, dreimal täglich die Wassermenge zu trinken, nahm im Schnitt sogar 4,3 kg mehr ab.

Essmenge dokumentieren

Häufig wird Patienten bei der Ernährungsberatung empfohlen: "Schreiben Sie über drei Tage alles was Sie essen auf." Die Daten dienen dann als Grundlage für Ratschläge zu einer Ernährungsumstellung.

Doch stimmen die in Ernährungsprotokollen erfassten Daten und gibt es da vielleicht eine bessere Möglichkeit?

Diesen Fragen haben sich Wissenschaftler aus Kalifornien in einer aktuellen Studie gestellt (Cell Metab 2015; 22: 789). Sie haben über 300 Probanden gebeten, mit einem Smartphone alles zu fotografieren, was sie aßen.

Diese Form der Ernährungserfassung klappte dabei deutlich besser als die Papierversion. Bereits am Vormittag wurde die Aufnahme von Süßigkeiten dokumentiert. Ein Drittel der täglichen Kalorienaufnahme lag in den Abendstunden.

Mit der "Fotomethode" konnte auch die Dauer der täglichen Nahrungsaufnahme bestimmt werden. Diese lag im Schnitt bei 15 Stunden.

Wenn nun Personen gebeten wurden, die Nahrungsaufnahme auf 10 bis 12 Stunden zu begrenzen, kam es zu einer Gewichtsabnahme von im Mittel 3 kg.

Patienten kann man also empfehlen: Fotografieren Sie mal alles, was Sie essen. Hier schon werden Sie Möglichkeiten der Optimierung finden. Wenn Sie dann die 10 Stunden-Regel einhalten, werden sie sichtlich Gewicht verlieren! Sie nehmen quasi mit dem Smartphone ab!

Dickmacher XXL-Portionen

Preisgünstige Großpackungen lassen die Herzen von Schnäppchenjägern höherschlagen, etwa die Schokolade im Doppelpack oder der XXL Burger zum normalen Preis.

Doch beeinflussen diese Angebote das Essverhalten, wie die Cochrane Forschergruppe in einer Metaanalyse von 70 Studien zeigt (Cochrane Database Sys Rev 9: CD011045, 2015).

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass größere Portionen dazu verleiten, mehr zu essen. Nach den Analysen lassen sich durch kleinere Portionen bis zu 16 Prozent der Kalorien einsparen, was bei normalem Essverhalten über 270 Kilokalorien entspricht.

Diese Daten sind zwar nicht überraschend, doch stellt sich die Frage, welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollten. Sollte es eine staatliche Regulation sein, die die Portionsgröße reglementiert?

Oder sollte die Aufklärung im Vordergrund stehen, die uns zeigt, wie einfach der Mensch manipulierbar ist? Wahrscheinlich müssen wir einen Mittelweg gehen, etwas regulieren und viel Aufklären.

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