Ärzte Zeitung, 06.10.2006

"Das Zeitalter der Barbie-Ästhetik ist vorbei"

Altersgerechte Schönheit mit chirurgischer Unterstützung - danach fragen auch immer mehr Männer

MANNHEIM. Nicht nur Frauen, auch Männer nutzen die ästhetische Chirurgie, um unerwünschte Alterserscheinungen korrigieren zu lassen. "Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Eingriffszahlen bei Männern verdoppelt." Darauf wies Dr. Matthias Gensior aus Korschenbroich bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland (GÄCD) in Mannheim hin.

Bei Männern sind Gesichtsoperationen am meisten gefragt
So häufig ließen sich Männer im Jahr 2005 verschönern
Männer werden immer offener für ästhetische Chirurgie. Bei Eingriffen im Gesicht wird heute meist gelasert. Foto: imago

Von Marion Lisson

An einer Umfrage unter den Mitgliedern der GÄCD hatten sich 95 Kollegen aus den verschiedenen Fachbereichen wie auch Augenheilkunde, Chirurgie, Dermatologe oder Gynäkologie beteiligt: "Oft sind es Männer mit prestigeträchtigen Berufen, die Schönheitsoperationen wünschen. Zum Beispiel Tränensäcke unter den Augen werden nun mal in der heutigen Gesellschaft mit einem unsteten Lebenswandel verbunden", sagte Gensior, der Sekretär und Schriftführer des GÄCD ist.

Manager, Geschäftsleute, Politiker, und Beschäftigte im Servicebereich wollen es jedoch vermeiden, einen unsoliden Eindruck zu vermitteln. Dynamisches Aussehen und ein vitales Erscheinungsbild sind aktuell gefragt.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 400 000 Schönheitsoperationen inklusive 100 000 Faltenbehandlungen mit Fillern und Botulinumtoxin vorgenommen, schätzten die Spezialisten in Mannheim.

Männer und Frauen wünschen sich die gleichen Operationen

Ein deutlicher Anstieg der gesamten Eingriffszahlen sei nicht zu erkennen. Die gefragtesten Operationen sind bei Frauen und Männern identisch. Dazu gehören laserchirurgische Eingriffe im Gesicht, die allein von den Mitgliedern der GÄCD insgesamt 48 000mal vorgenommen wurden, vor Liposuktionen (19 000mal) und Lidplastiken (11 000mal).

Auch wenn Männer immer offener für ästhetische Chirurgie sind - bei den absoluten Zahlen liegen sie im Vergleich zu den Frauen noch deutlich zurück. Die Zahlen allein unter den GÄCD-Mitgliedern, die im vergangenen Jahr 150 000 Schönheitsoperationen vornahmen, belegen das: Laserchirurgische Eingriffe wurden bei den Frauen 29 304 und bei den Männern 16 179mal gezählt. Fettabsaugungen wünschten 14 802 Frauen und 3424 Männer.

Den behandelnden Kollegen wird nicht nur ein operatives Know-how abverlangt. "Wir müssen als Mediziner auch die Grenzen für zwanghafte Unzufriedenheit mit dem Körper erkennen und den Patienten in Grenzfällen sogar nach Hause oder zur psychologischen Beratung schicken", so Professor Heinz-Gerhard Bull, Präsident der GÄCD. Die Kollegen dürften nicht überzogenen Vorstellungen junger Patienten nachkommen, die aussehen wollten wie ihre Hollywood-Idole. Kollegen im Bereich der ästhetischen Chirurgie würden Tag für Tag durch Patientenwünsche an ihre ethischen Grenzen stoßen, so Bull.

"Das Zeitalter der Barbie-Ästhetik ist vorbei. Der Fokus liegt heute auf altersgerechter Schönheit", sagt Bull. Es gebe aber auch Op-Wünsche, die in keinem Verhältnis zum Risiko des Eingriffs stünden. So habe jüngst ein Mann eine Beinverlängerung gewünscht, um durch einige Zentimeter mehr seine Chancen bei der Partnersuche zu verbessern.

"Es gibt leider in Deutschland immer mehr sogenannte Schönheitschirurgen, die ihre finanziellen Vorteile in grenzwertigen Operationen sehen und sich damit zu Erfüllungsgehilfen der Patienten machen", so Bull. Solch ein Vorgehen entspreche in keiner Weise dem ethischem Selbstverständnis der chirurgischen Gesellschaft. Bull: "Wir haben uns schon von einigen Kollegen trennen müssen."

Grundsätzlich müsse an alle Kollegen, die ästhetische Operationen anbieten, appelliert werden, Grenzen zu erkennen und einzuhalten. "Um etwa bei einer Nasenkorrektur einen Höcker abzutragen, muß der tätig werdende Chirurg auch über Aufbau und Funktion dieses Organs bestens Bescheid wissen", so Bull.

Als Beitrag zur Qualitätssicherung sieht Bull auch den neu geschaffenen Patientenpaß. In das kleine Buch, das den Patienten mitgegeben wird, sollen die behandelnden Ärzte eintragen, welche Operationen vorgenommen und welche Medikamente und Injektionen gegeben wurden.

Das ist wichtig. Denn: "Gab es zur Faltenunterspritzung im Jahre 1985 vielleicht einen Filler, so haben wir im Jahre 2006 mittlerweile über 150 unterschiedliche Produkte", berichtete Dr. Gerhard Sattler, Chefarzt der Rosenparklinik in Darmstadt. Da es unter den einzelnen Substanzen auch zu Interaktionen kommen könne, sei es wichtig, Präparat und Effekte genau zu dokumentieren.

Weitere Informationen auf den Internetseiten des GÄCD unter www.gacd.de

STICHWORT

GÄCD-Patientenpaß

Der neu eingeführte Patientenpaß der Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland (GÄCD) soll Patienten schützen und das Risiko für Nebenwirkungen bei späteren Eingriffen minimieren. Im Paß wird mit Namen und Stempel des Arztes festgehalten, welche Eingriffe wann, wo und mit welchen Materialien vorgenommen wurden.

Auch das Unterspritzen von Falten mit Fillern muß im Patientenpaß dokumentiert werden. Für diesen Eingriff, der nur approbierte Ärzte sowie Heilpraktiker machen dürfen, erarbeitet die GÄCD zur Zeit ein Sicherheitsprofil. Der Patientenpaß wird mittlerweile auch von einigen Herstellern von Fillersubstanzen vertrieben.

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