Ärzte Zeitung online, 23.10.2009

Selbsthilfe-Vereinigungen protestieren gegen ARD-Film zu neuer Hautsalbe

NEU-ISENBURG (gwa). Was ist dran an einer Wundersalbe gegen Schuppenflechte und Neurodermitis? Der Deutsche Psoriasis Bund und der Deutsche Neurodermitis Bund haben scharf auf den ARD-Beitrag zu der Salbe reagiert, die angeblich Psoriasis und Neurodermitis heilen soll. Beide Selbsthilfevereinigungen bedauern den PR-Charakter der Sendung und die übertriebenen Heilsversprechen.

Am Montagabend war im ARD-Film "Heilung unerwünscht - Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern"- mit dramatischen und aufwühlenden suggestiven Bildern der Bericht über eine Salbe gelaufen, die angeblich Neurodermitis und Schuppenflechte heilen können. Aber große Pharmakonzerne hätten verhindert, dass die Salbe je auf den Markt kam, weil sie ihre eigenen teuren Präparate verkaufen wollten.

Die angebliche Wundersalbe aus Avocadoöl und Vitamin-B12-Pulver war auch am Mittwochabend Thema bei der ARD-Sendung "Hart, aber fair".

Inzwischen stellte sich heraus, dass zeitgleich ein Buch des Film-Autors zum Thema erscheinen wird. Außerdem wurde gerade bekannt, dass eine Schweizer Firma die Salbe herausbringen will (wie kurz berichtet).

Der Deutsche Psoriasis Bund (DPD) reagierte scharf auf die Sensationsdarstellung des Films. "Dieser ARD-Bericht ist barer Unsinn", so Privatdozent Thomas Rosenbach, Sprecher des Wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Psoriasis Bundes in einer Mitteilung des Bundes. "Die Psoriasis ist wissenschaftlich unbestritten eine multigenetische chronische System-Erkrankung. Nach dem derzeitig weltweit verfügbaren medizinischen Wissen ist eine Psoriasis nicht heilbar."

Die ARD könne sich nicht von dem Anschein frei sprechen, Werbung für ein Produkt gemacht zu machen. Es dränge sich der Verdacht auf, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu Marketingzwecken missbraucht wurde.

Der DPB hat den Vorsitzenden der ARD-Intendanten aufgefordert, sich öffentlich für die Missachtung publizistischer Grundsätze zu entschuldigen und den Deutschen Presserat angerufen.

Auch der Deutsche Neurodermitis Bund (DNB) reagierte scharf auf den Film. "Schade, dass sich jetzt auch schon eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt völlig kritiklos für solche PR-Aktionen hergibt", so Thomas Schwennesen, 1. Vorsitzender des DNB, in einer Mitteilung des Bundes. "Es ist eine Schande und blanker Zynismus, dass die PR-Einführung eines normalen Hautpflege-Produktes sich der Pharmaschelte als Aufhänger für eigene Geschäfte bedient."

Bei Schuppenflechte und Neurodermitis gibt es verschiedene medizinische Therapieansätze. Die Erkrankungen sind aber nicht heilbar. Daran erinnerte Schwennesen erinnerte. Die Salbe solle nun das alles auch noch ohne Nebenwirkungen schaffen. Außerdem sei die Äußerung, dass ein Produkt ohne jegliche Nebenwirkung wirke, pharmakologisch unhaltbar. Die ARD habe mit diesem Beitrag den etwa fünf Millionen Neurodermitikern einen Bärendienst erwiesen und sich selbst journalistisch ins Abseits gestellt.

Lesen Sie dazu auch:
Ist der WDR auf einen PR-Coup reingefallen?

Zur Pressemitteilung des Deutschen Psoriasis Bundes
Zur Webseite des Deutschen Neurodermitis Bundes
Zur WDR-Seite mit Infos zum Film und Reaktionen


[26.10.2009, 15:05:54]
Gabriele Wagner 
Neurodermitis ist heilbar
Per E-Mail erreichte uns der folgende Kommentar von Kathrin Rick:

Wie geht es Ihnen, wenn Sie diesen Artikel lesen? Glauben Sie an die Heilwirkung einer Hautsalbe? Oder trauen Sie dem Protest des Deutschen Neurodermitis Bunds und der deutschen Apotheker und deren Bekräftigung, Neurodermitis sei nicht heilbar?
Mich haben die Zeilen aufgerüttelt und so wütend gemacht, dass ich mich zu Wort melden musste. Warum? Weil Heilung möglich ist – ich habe sie selbst erfahren. Und weil Heilung ein Prozess ist, der von innen kommen muss, – was ich begriffen habe, nachdem ich auf die Linderungsversprechen unterschiedlichster Therapieformen – von UV-Bestrahlung bis Johanniskraut – hereingefallen bin.
Meine Neurodermitis hat mich 30 Jahre lang begleitet, und seit sieben Jahren habe ich sie bewusst und schrittweise hinter mir gelassen. Nicht nur die Hautsymptome habe ich abgelegt, sondern vor allem die Verhaltensweisen, die sich Neurodermitiskranke angewöhnen: unbewusst Vorteile zu ziehen aus der Krankheit, also eine Sonderbehandlung zu beanspruchen, sowie eine konfliktreiche Beziehung zur Umwelt zu pflegen, in der sich die Wünsche „Lass mich in Ruhe!“ und „Halt mich fest und hilf mir!“ anscheinend willkürlich abwechseln.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Neurodermitis ist eine furchtbare Belastung. Sie schränkt ein, traumatisiert, prägt fürs Leben. Das Glück, das in diesem Erleben liegt, erkennt man erst im Nachhinein, wenn man sich entwickelt hat. Umso teuflischer ist es, Menschen die Heilungsmöglichkeit von vornherein abzusprechen. Solange sich auch nur einzelne Patienten selbständig und dauerhaft von ihrer Krankheit lösen, ist die Aussage, Neurodermitis sei nicht heilbar, nicht korrekt und nimmt all jenen den Mut, die sich orientieren und einen Ausweg aus ihrer Situation finden möchten. Wenn es Klaus Martens mit „Heilung unerwünscht – wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern“ gelungen ist, die Heilungsmöglichkeit von Neurodermitis wieder ins Bewusstsein der Betroffenen zu rücken, dann hat er einen wichtigen Beitrag geleistet, unabhängig davon, ob die Regividerm-Salbe ihr Heilungsversprechen wird halten können.
Denn es geht nicht nur um das Unvermögen der Medizin, Menschen dabei zu helfen, sich von ihrer Neurodermitis zu befreien. Ich habe auch den Unwillen und Unmut erfahren, den Präzedenzfälle wie meiner hervorrufen. Statt als Beispiel für andere gelten zu dürfen, ignoriert und dementiert die Schulmedizin sie. Doch mit meinem Buch, mit diesem Kommentar und mit meiner eigenen heilenden Arbeit bin ich entschlossen, weiterhin zu stören, um Sie mit der Botschaft zu erreichen, dass Sie eigenverantwortlich entscheiden können, ob Sie mit oder ohne Neurodermitis leben möchten.

Kathrin Rick
www.schreibenundheilen.de

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