Ärzte Zeitung online, 04.01.2010

Blutfilter fangen bei Neurodermitis und Pemphigus Auto-Antikörper weg

Von Angela Speth

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Solche exsudativ-nässenden Hautareale am Hals sind typisch für Neurodermitis.

Foto: © Siegfried Borelli

GREIFSWALD. Bei Patienten mit schweren Autoimmunerkrankungen ist oft eine Immunsuppression unvermeidlich. Bisher war sie nur unspezifisch als Breitband-Verfahren mit teilweise schweren Komplikationen möglich. Eine spezifische und schonende Alternative soll ein neues Verbundprojekt eröffnen: Darin wird ein Blutplasmafilter entwickelt, der nur diejenigen Immunkomponenten aus dem Blut entfernt, die das Krankheitsgeschehen auslösen.

Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus in Mecklenburg Vorpommern hat nun bekannt gegeben, das Projekt mit vorläufig 2,45 Millionen Euro zu fördern. Daran beteiligt sind die Universitätshautklinik Greifswald und das Biotechnologie-Unternehmen Miltenyi Biotec. Als hauptsächliches Anwendungsgebiet ist die Therapie bei lebensbedrohlichen blasenbildenden Hauterkrankungen geplant: bei Pemphigus vulgaris und bullösem Pemphigoid. Ein Teilvorhaben ist der schweren Neurodermitis gewidmet.

Das Filterverfahren ähnelt der Dialyse

"Bei dem Filter wird es sich um eine Säule aus einem Adsorbermaterial handeln. Dessen Oberfläche wird mit Antigenen bestückt, die wie bei einer Art Dialyse Antikörper aus dem Blutplasma fischen", so Professor Michael Jünger, Direktor der Unihautklinik Greifswald, zur "Ärzte Zeitung".

Das Neue an dieser Methode: Ausschließlich krankheitsverursachende Proteine werden aus dem Blut weggefangen. Herkömmliche Breitband-Adsorber hatten unspezifisch Moleküle entfernt - mit manchmal lebensbedrohlichen Komplikationen: gravierenden Infektionen oder gar Zusammenbruch des Immunsystems. Auch eine globale Unterdrückung der Immunantwort mit Medikamenten kann schwerwiegende Folgen haben: etwa Immunschwäche mit erhöhter Anfälligkeit für Bakterien, Viren und Pilze oder Störung des Glukosestoffwechsels durch Glukokortikoide.

Die Blasen entstehen durch Auto-Antikörper

Bei Dermatosen wie Pemphigus vulgaris und bullösem Pemphigoid entstehen die Blasen in Haut und Schleimhaut durch Auto-Antikörper, Bei Pemphigus vulgaris etwa sind sie gegen die Desmosomen gerichtet, kugelförmigen Verdichtungen an den Seitenwänden von Epithelzellen, die ähnlich Druckknöpfen oder Nieten deren Zusammenhalt gewährleisten. Für die Entwicklung eines spezifischen Filters werden Wissenschaftler im immunologischen und histologischen Labor der Uni Greifswald den Patienten Haut-, Gewebe- und Blutproben entnehmen. Daraus isolieren, reinigen und charakterisieren sie die antigenen Strukturen. Diese Proteine bekommt dann das Unternehmen Miltenyi, dessen Part darin bestehen wird, spezifische Adsorber-Substanzen herzustellen.

Zielgruppe sind Patienten mit Hyper-IgE-Syndrom

Von dem Verbundprojekt sollen außerdem Patienten mit schwerer Neurodermitis profitieren, und zwar jene mit abnorm hohen IgE-Spiegeln, dem Hyper-IgE-Syndrom. Die Fängermoleküle der Adsorbersäule sollen speziell diese Immunglobuline aus dem Blut wegfiltern. Dieser Ansatz, zu dem noch keine klinischen Erfahrungen vorliegen, beruhe auf dem pathophysiologischen Konzept, erläuterte Jünger. Das könne zwar die bisherige Therapie, etwa mit Salben und Licht, nicht ersetzen, sie aber zumindest erleichtern.

Stichwort Blasenbildende Autoimmundermatosen: bullöses Pemphigoid und Pemphigus vulgaris
Charakteristisch sind die Blasen, die wie Brandblasen aussehen und sehr schmerzhaft sind. Sie platzen leicht, bluten und bilden nässende Wunde, die schließlich verkrusten. Vorwiegend wird mit systemischen Glukokortikoiden behandelt.
Das bullöse Pemphigoid ist mit einer Inzidenz von jährlich ein bis zwei Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohnern die häufigste blasenbildende Autoimmunerkrankung der Haut. Ab dem 60. Lebensjahr steigt die Inzidenz deutlich. Auslöser sind Autoantikörper gegen Strukturproteine der Basalmembran. Ursache von Pemphigus vulgaris sind IgG-Autoantikörper gegen Desmoglein 3.

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