Ärzte Zeitung online, 20.07.2015

Risiko Genitalrasur

Sex in den Tropen mit unangenehmen Folgen

Nach Sex im Thailand-Urlaub leidet eine Touristin unter einer schweren Hautpilzinfektion im Intimbereich - wohl auch deshalb, weil sie eine glatt rasierte Bikinizone wollte.

Von Thomas Müller

Sex in den Tropen mit unangenehmen Folgen

Eine glatt rasierte Bikinizone kann im Tropenurlaub mitunter unangenehme Folgen haben.

© Lars Zahner/fotolia.com

ZÜRICH. Auf dieses Urlaubsandenken hätte die 18-jährige Schwedin sicher gerne verzichtet.

Als sie sich im Züricher Triemli-Hospital vorstellte, überzogen stark schmerzende gerötete und schuppende Plaques sowie follikuläre Pusteln ihre großen Schamlippen und den Venushügel.

Die Blutuntersuchung ergab eine ausgeprägte Leukozytose und erhöhte Werte für C-reaktives Protein.

Hautproben offenbarten unter dem Mikroskop eindeutig Pilzhyphen; in selektiven Agar-Kulturen ließ sich Trychophyton interdigitale als Übeltäter nachweisen.

Interessant an dem Fall ist nach Ansicht der Ärzte um Dr. Isabelle Luchsinger vor allem die Art und Weise, wie die junge Frau den Pilz erworben hat.

Die Anamnese ergab, dass sie sich offenbar bei einem Touristen während eines Thailandurlaubs angesteckt hatte.

Die Frau hatte nach eigenen Angaben mit dem Mann mehrfach geschützten Geschlechtsverkehr. Eine Woche nach dem ersten Sexualkontakt zeigten sich rote schuppende Läsionen im Genitalbereich.

Ihr Sexualpartner hatte zuvor offenbar über ähnliche Symptome ebenfalls im Genitalbereich berichtet.

Zunächst versuchten beide, sich mit einer Clotrimazol-Salbe selbst zu behandeln, was zumindest bei der Frau wenig erfolgreich war - die Tinea dehnte sich immer weiter aus.

Fulminanter Verlauf mit ulzerierenden Knoten

Die Schweizer Ärzte um Luchsinger konnten die Patientin zwei Wochen nach Symptombeginn untersuchen und begannen sofort eine systemische Therapie mit Terbinafin 250 mg/d sowie eine Antibiose mit Amoxicillin/Clavulansäure, da sie eine bakterielle Superinfektion vermuteten.

Aufgrund der starken Schmerzen wurde sie erst einmal in der Klinik behalten und analgetisch behandelt.

Die Antimykose schlug zunächst jedoch nicht an: Nach zwei Tagen kam es zu einer starken Entzündungsreaktion mit ulzerierenden Knoten und serös-eitrigem Ausfluss.

Die Ärzte stellten nun auf Itraconazol 100 mg dreimal täglich um und verabreichten zusätzlich Prednison.

Aufgrund der starken Schmerzen wurde die Patientin zwei Wochen hospitalisiert.

Nach drei Wochen Prednison und sechs Wochen Itraconazol heilten die Läsionen langsam ab, hinterließen jedoch markante Narben.

Die junge Frau war jedoch kein Einzelfall. Insgesamt sieben Patienten - zwei Frauen und fünf Männer - kamen zwischen März und Juli 2014 mit ähnlichen Beschwerden ins Triemli-Hospital und die Züricher Uniklinik.

Alle hatten in Südostasien Urlaub gemacht und sich dabei offenbar angesteckt - vier der Männer bei Prostituierten.

Die Symptome waren bei allen ähnlich: Die Patienten zeigten meist erythematöse schuppende Läsionen im Bereich des Mons pubis, die Frauen auch zusätzlich an den Labia majora, die Männer um den Penisschaft und zum Teil am Skrotum.

Bei einigen der Patienten waren auch andere Körperregionen betroffen, alle hatten jedoch berichtet, dass die Infektion im Genitalbereich begonnen hatte.

Bei sechs von sieben ließ sich T. interdigitale nachweisen, beim Siebten erachteten die Ärzte eine solche Infektion als wahrscheinlich, jedoch konnten sie den Erreger hier nicht mehr nachweisen, da der Patient zuvor schon eine antifungale Therapie begonnen hatte.

Rasur ebnet Erregern den Weg

Die Infektion kann, wie im beschriebenen Beispiel, sehr schwer und schmerzhaft verlaufen.

Drei der Patienten benötigten eine zusätzliche Antibiose, fünf auch eine Behandlung mit Analgetika.

Der Grund für den fulminanten Verlauf offenbarte sich in genetischen Analysen: Sämtliche nachgewiesenen Erreger gehörten zum Typ III und IV von T. interdigitale.

Diese Stämme bevorzugen eigentlich Tiere, bei Menschen verursachen sie aber meist gravierende Infekte. Wie die Pilze den Weg zu den sieben Patienten gefunden haben, ließ sich aber nicht mehr nachvollziehen.

Ein weiterer Grund für die ausgeprägten Läsionen offenbarte sich in der Anamnese: Die vier Patienten mit den schlimmsten Beschwerden hatten sich vor der Infektion regelmäßig den Genitalbereich rasiert.

Da eine solche Rasur die epidermale Barriere schädigt, gehen die Dermatologen davon aus, dass dies den Eintritt der Erreger erleichtert hat.

Pilz mag feuchtes Klima

Als weiteren Faktor sehen sie die tropischen Temperaturen in Südostasien: Das feuchte Klima scheint den Pilzen zu gefallen.

Insgesamt seien sexuell übertragene Dermatophytosen in der Literatur bislang kaum beschrieben worden.

Die Häufigkeit der Tinea genitalis bei Tropenurlaubern deute aber darauf, dass dieser Übertragungsweg bislang unterschätzt wurde, berichten die Schweizer Dermatologen.

Möglicherweise werde die Infektion zunächst auch häufig als bakterielle Follikulitis, Ekzem oder Psoriasis fehlgedeutet.

Eine gute Diagnose und schnelle antimykotische Therapie seien jedoch notwendig, um den fulminanten Verlauf zu bremsen und eine Vernarbung zu verhindern.

[03.08.2015, 21:23:02]
Dr. Horst Grünwoldt 
Paragenitale Infektionen
Als Freund der natürlichen Genitalbehaarung beim homo sapiens - Säugetiere haben stets eine nackte Vulva-, sind die Unten-Rasierten beim tropischen Urlaubs-Sex mit Einheimischen wenigstens (meistens) vor der Schamlaus geschützt.
Dieser blutsaugende Parasit kann bekanntlich noch ganz andere systemische Krankheitserreger übertragen, wie z.B. das Fleckfieber u.a.
Daß jemand sich erst im Urlaub untenrum rasiert, erscheint mir eher ungewöhlich. Der beste Schutz scheint mir noch zu sein, keinen Tanga zu tragen, damit das verlockende "Scham-Haar" gar nicht erst herausguckt.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »
[20.07.2015, 21:32:33]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
eher umgekehrt Pilz liebt Feuchtigkeit, enthaarte Haut lässt sich leichter Trocken halten und pflegen.
Ein bischen Desinfizieren direkt nach der Rasur muss auch der Mann im Gesicht. Alkohol ist dafür einfach und gut und vertreibt auch Pilze. zum Beitrag »
[20.07.2015, 11:27:16]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Ärzte sind n i c h t dazu da, die Straße sauber zu halten"
zitierte einer meiner wichtigen klinischen Lehrer, Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch, seinen früheren Chef, den Hamburger Prof. Hans Bürger-Prinz.

Nein, wir Ärzte sind Experten für K r a n k h e i t e n und deren Folgen, für gute Diagnostik und Risiko-adäquate Therapien. N i c h t für angeblich moralisch-ethisch einwandfreien Lebenswandel, Risikoverhalten, Beurteilung von sexueller Libertinage, psychosoziales Verhalten oder Regelungen von Kostenübernahmen durch Versichertengemeinschaften in GKV und PKV. Wir Ärztinnen und Ärzte können nicht jedes Mal dabeistehen, wenn Krankheits-f ö r d e r n d e s Verhalten stattfindet.

Was den ÄZ-Artikel von Thomas Müller angeht, handelt es sich um die Publikation "Tinea genitalis: a new entity of sexually transmitted infection? Case series and review of the literature" von Isabelle Luchsinger et al.
http://sti.bmj.com/content/early/2015/06/11/sextrans-2015-052036.abstract

Drei entscheidende klinisch-praktische Fehler fallen mir dabei auf, die für mangelhaft entwickeltes systemisches Denken in der Dermatologie sprechen:

1. Eine klar diagnostizierte, sexuell übertragene Hautpilzerkrankung sollte auch bei massiver Lokalinfektion und bakteriell überlagerten Sekundäreffloreszenzen eher lokaltherapeutisch und nicht auch noch systemisch mit Antibiotika (Ausnahme: Erysipel) angegangen werden. Genauso könnte die Feuerwehr beim Löschen dies mit Brandbeschleunigern versuchen. Auch ist die unreflektierte Antibiose mit Amoxicillin/Clavulansäure in Klinik und Praxis wegen der aktuellen infektiologischen Infektions- und Resistenzlage weniger zielführend, als in den Lehrbüchern steht (allein 5 Fälle aus Kliniken in den letzten 2 Monaten in meiner Praxis) und f ö r d e r t Pilzerkrankungen statt sie zu heilen.

2. Bei einer exulzerierenden Pilzinfektion und schweren Kolpitis waren Itraconazol 100 mg dreimal täglich und Prednison schlussendlich Mittel der Wahl, weil damit endlich k e i n eine Tinea förderndes Antibiotikum mehr gegeben wurde.

3. Vage anamnestische Hinweise: "Die vier Patienten mit den schlimmsten Beschwerden hatten sich vor der Infektion regelmäßig den Genitalbereich rasiert" als k a u s a l e n Zusammenhang anzunehmen, offenbart Infektions-epidemiologisches Kaffeesatzlesen. Denn hunderte Millionen Frauen (und auch immer mehr Männer) machen nicht nur vor dem Urlaub Genital- und Körperrasuren o h n e aktiv übertragbare Pilzerkrankungen.

Bezeichnender Weise erfahren wir nichts über Genital-Rasur-Praktiken des männlichen Indexpatienten, von dem die Infektion wohl ausging. Auch erschienen Isabelle Luchsinger et al. ihre Intimrasur-Theorie im Abstract ihrer Publikation nicht mal erwähnenswert ["Conclusions - Sexual activity should be considered as a potentially important and previously underappreciated means of transmission of T. interdigitale. To avoid irreversible scarring alopecia, prompt initiation of antifungal treatment is essential and adequate isolation and identification of the pathogen is mandatory"].

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[20.07.2015, 09:43:18]
Wolfgang Ebinger 
Falsche Begründung
(Zitat) "... schwere Hautpilzinfektion im Intimbereich - wohl deshalb, weil sie eine glatt rasierte Bikinizone wollte."

Wie gut, dass der Autor das kleine Wörtchen "wohl" in seinem Satz eingefügt hat. Es offenbart eine gewisse Unsicherheit über die Darstellung der Fakten. Das ist gut so, denn die Begründung ist schlichtweg falsch!
Richtig ist, dass die junge Dame diese Infektion nicht davongetragen hätte, wenn sie diesen Sexualkontakt vermieden hätte.
Es liegt die Befürchtung nahe, dass so ein Satz einem Sakrileg gleich käme, deshalb sucht der Autor nach einer flüchtigen, aber leider abwegigen, Ersatzbegründung. Ob die anderen Patienten mit ähnlichem Erkrankungsbild auch genitalrasiert waren, wird nicht erwähnt. Weshalb auch, wenn es gar nicht ursächlich für die Ansteckung ist.

Das Ende aller großen Kulturen dieser Welt ging mit Promiskuität einher. Gibt es tatsächlich jemanden in der Leserschaft, der annehmen möchte, dass es uns anders ergehen wird? Um es deutlich zu sagen: moralischer und ethischer Verfall der Sitten sind der Giftstachel in einer gesunden Gesellschaft. Aber: wer sagt das heute noch, ohne sich harscher Kritik ausgesetzt zu sehen?

Und ganz nebenbei: wer trägt eigentlich die Kosten dieser aufwändigen Behandlung? Die Versichertengemeinschaft? Von welcher Krankenkasse bitte? zum Beitrag »

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