Ärzte Zeitung, 25.01.2016

Chronische Urtikaria

Betroffene befragt

Eine Umfrage unter Patienten mit chronischer Urtikaria zeichnet ein düsteres Bild der Versorgungslage in Deutschland. Viele, darunter drei von vier Langzeitpatienten, haben es wohl aufgegeben, auf ärztliche Hilfe zu hoffen.

Von Robert Bublak

BERLIN. Ein Team deutscher Dermatologen unter Führung von Professor Marcus Maurer, Urtikariaspezialist der Berliner Charité, hat Ergebnisse der Online-Umfrage ATTENTUS vorgelegt.

Rund 17.500 Patienten mit chronischer Urtikaria hatten im Internet Auskunft darüber gegeben, wie sie sich fühlen und welche medizinische Hilfe sie in Anspruch nehmen.

Unter anderem konnten sie auf einer sechsstufigen Skala mit 6 als schlechtestem Wert angeben, wie sehr sie durch ihre Hauterkrankung im Alltag beeinträchtigt werden.

Ausgewertet haben Maurer und seine Kollegen nun die Angaben jener 9055 Teilnehmer, die eine ärztliche Diagnose einer chronischen Urtikaria erhalten hatten.

80 Prozent Frauen

Rund 80 Prozent waren Frauen. Im Durchschnitt waren die Teilnehmer der Online-Umfrage im Alter von knapp 27 Jahren an chronischer Urtikaria erkrankt, die durchschnittliche Krankheitsdauer betrug 11,5 Jahre (bei einer Standardabweichung von 10,8 Jahren).

Etwa ein Drittel der Befragten gab an, aktuell durch die Urtikaria beeinträchtigt oder sehr beeinträchtigt zu sein (Werte von 5 oder 6 auf der Skala). Davon berichteten 38 Prozent über ganzjährig anhaltende Symptome (Br J Dermatol 2016, online 4. Januar).

Nur 40 Prozent all derjenigen, die Beschwerden hatten, waren in ärztlicher Behandlung. Besonders trüb stellte sich die Situation der Patienten dar, die seit mindestens 15 Jahren an chronischer Urtikaria litten. 74 Prozent von ihnen hatten keinen Arztkontakt mehr, sondern behandelten sich selbst - oder nahmen ihre Hautkrankheit einfach hin.

Ebenso erging es einem Drittel jener, die das ganze Jahr über Symptome hatten. Mehr als die Hälfte äußerten, ein Arzt könne ihnen nicht helfen und/oder sie wüssten selbst am besten, wie sie ihre Urtikaria behandeln sollten.

57 Prozent hatten Allgemeinarzt

Dabei war es nicht so, dass die Betroffenen nie einen Arzt gesehen hätten. 57 Prozent hatten einen Allgemeinarzt, 86 Prozent einen Dermatologen konsultiert. 42 Prozent waren sogar in einer Klinik vorstellig geworden.

Dennoch gaben 17 Prozent an, Medikamente würden wenig oder gar nicht gegen ihre Beschwerden helfen, weitere 37 Prozent berichteten von unzureichend kontrollierten Symptomen. Mehr als jeder Zweite hatte bereits ein Kortikoid verschrieben bekommen, ohne dass dies den Alltag erleichtert hätte.

Eine Umfrage wie der vorliegende ATTENTUS-Survey lässt natürlich offen, ob es sich bei den Befragten um eine repräsentative Stichprobe von Patienten mit chronischer Urtikaria handelt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich besonders die Meistgeplagten zu Wort gemeldet haben.

Dennoch sehen Maurer und seine Mitarbeiter in den Ergebnissen Hinweise auf eine hochbelastete Gruppe von Urtikaria-Patienten, die keinen Zugang zu spezialisierten Zentren haben und diesen auch gar nicht mehr suchen. Zudem erhebe sich die Frage, "ob die Ärzte sich der Therapieleitlinien bei chronischer Urtikaria völlig bewusst sind, die auf Symptomfreiheit für die meisten der Patienten ausgerichtet sind".

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