Ärzte Zeitung, 08.02.2005

Der Ball auf der Plane zeigt, wie der Herzmuskel arbeitet

"Hand aufs Herz" war Thema bei der Göttinger Kinder-Uni / Zwei Mediziner erklären Schülern das Herz

Ein Hörsaal voller Kinder. Die Schüler hören den Medizinern vom Herzzentrum gespannt zu. Fotos: pid

Von Heidi Niemann

So voll und so laut wie an diesem Nachmittag ist es selten in dem großen Hörsaal auf dem Campus der Universität Göttingen. Immer mehr Zuhörer strömen herein. Einige müssen sich auf die Treppenstufen setzen, weil kein Sitzplatz mehr da ist. Als vorne ein Mann das Mikrophon ergreift, lauschen sie gespannt.

Ein Behälter mit dem winzigen Herzen einer Maus ging herum.

Freundlich ermahnt Peter Brammer vom Pädagogischen Seminar die Besucher, auch in der nächsten Stunde leise zu sein und nicht mit den Tischen zu klappern. Bevor es los geht, fragt er noch: "Soll es weitergehen mit der Kinder-Uni?" "Jaaa!", brüllt es durch den Saal, der ausschließlich mit Kindern besetzt ist. Sie alle sind zur Abschlußveranstaltung der zweiten Göttinger Kinder-Uni gekommen, und sie wollen auch im nächsten Semester wiederkommen.

100 000mal schlägt das Herz am Tag

"Hand aufs Herz" heißt das Thema der letzten Vorlesung für Schüler der dritten bis sechsten Klasse. Dr. Harald Koegler und Dr. Claudius Jacobshagen vom Herzzentrum erklären, wie die Pumpe funktioniert, die für den Bluttransport durch den Körper zuständig ist. Schon, daß der Muskel so kräftig arbeitet, daß auch bei einer Giraffe das Blut durch den langen Hals bis in den Kopf strömen kann, läßt die Kinder staunen.

Dann lassen die beiden Mediziner ein Behältnis herumgehen, in dem sich das Herz einer Maus befindet. Das menschliche Herz ist deutlich größer: "Wenn es gesund ist, ist es so groß wie die eigene Faust." Etwa 70mal schlägt es in der Minute, 4200mal in der Stunde, 100 000mal am Tag, und mit 80 Jahren hat das Herz 30 Milliarden Mal geschlagen - die Kinder sind von den Zahlen beeindruckt.

Auch der Aufbau einer Herzmuskelzelle ist spannend. Um die Kontraktion des Herzmuskels zu veranschaulichen, dürfen zehn Kinder nach vorne auf die Bühne. Sie sollen gemeinsam einen Ball in die Luft befördern, der auf einer Plane liegt. Alle Kinder ziehen und zerren wild durcheinander an der Plane, doch der Ball kullert nur. Erst als alle gleichzeitig die Plane hochwirbeln, springt der Ball hoch. Genauso ist es mit dem Blut: Es wird nur dann richtig befördert, wenn die Zellen synchron arbeiten, erklären die Mediziner. "Wenn das nicht klappt, gibt es Krankheiten, zum Beispiel Herzrhythmusstörungen." Anhand eines EKGs zeigen sie, wie es aussieht, wenn ein Herz aus dem Tritt gerät.

"Was für Noten braucht man, um Herzforscher zu werden?"

Außerdem können die Kinder verfolgen, was passiert, wenn ein Herz auf Trab gebracht wird. Die Schülerin Ann-Katrin bekommt dafür Elektroden angelegt und wird an ein "schickes Gerät" angeschlossen. Nun kann der ganze Hörsaal ihren Herzschlag hören. Die Herzfrequenz liegt bei 70 Schlägen in der Minute. Jetzt muß Ann-Katrin dreimal die Hörsaaltreppen rauf und runter laufen, angefeuert vom ganzen Auditorium. Danach schlägt ihr Herz 159mal in der Minute, mehr als doppelt so schnell - wieder sind die Schüler beeindruckt.

Ein kräftiges "Boah!" erschallt auch, als die Mediziner in einem Computerexperiment vorführen, wie ein kräftiger Adrenalin-Stoß das Herz schneller schlagen läßt. Schließlich bekommen die Kinder noch erklärt, wie ein Herzinfarkt entsteht und welches die größten Risikofaktoren sind: Rauchen und falsche Ernährung - "dicke Hamburger, Cola und Pommes".

Der Vortrag der beiden jungen Mediziner hat das Interesse der Kinder an dem Fach geweckt: "Was für Noten braucht man, um Herzforscher zu werden?", fragt ein Schüler.

Insgesamt haben in diesem Semester etwa 5700 Schüler die Göttinger Kinder-Uni besucht, weitere 140 Kinder haben an den Seminaren für junge Forscher teilgenommen. Wegen des großen Erfolges soll die Reihe auch im nächsten Semester fortgeführt werden.

Weitere Informationen unter www.kinder-uni.uni-goettingen.de

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