Ärzte Zeitung, 11.11.2005

IM GESPRÄCH

Welche prognostische Bedeutung hat Koronarkalk? Große Studie geht in die entscheidende Runde

Von Philipp Grätzel von Grätz

An der radiologischen Bestimmung des Kalkgehalts in den Herzkranzgefäßen scheiden sich noch die Geister. In zwei großen Studien wird derzeit der genaue prognostische Wert einer positiven Kalkbestimmung als zusätzlicher, kardiovaskulärer Risikoparameter untersucht. Eine dieser Studien, die Heinz Nixdorf Recall Studie, findet in Deutschland statt und geht im Januar in die zweite, entscheidende Runde.

Elektronenstrahl-CT zur Kalkscore-Messung: In diesem Herz gibt es viel Kalk (gelb und weiß) in den Gefäßen. Foto: Alfried-Krupp-Krankenhaus, Essen

An der von der Heinz Nixdorf Stiftung finanzierten Untersuchung beteiligt sind unter anderen der Kardiologe Professor Raimund Erbel von der Universität Essen, der Radiologe Professor Dietrich Grönemeyer aus Witten/Herdecke und der Soziologe Professor Johannes Siegrist aus Düsseldorf. 4814 Personen im Alter zwischen 45 und 74 wurden dafür per Zufall ausgewählt. Sie bilden eine für die Bevölkerung des Ruhrgebiets in dieser Altersklasse repräsentative Auswahl.

Elektronenstrahl-CT hat sehr geringe Strahlenbelastung

Alle Probanden wurden in den Jahren 2000 bis 2002 auf ihr kardiovaskuläres Risiko untersucht. Zum Programm gehörten Labormessungen, eine Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße und ein EKG. Zusätzlich wurde bei jedem eine Koronarkalkmessung mit Elektronenstrahlcomputertomographie (EBT) gemacht. "Der Vorteil der EBT ist ihre sehr geringe Strahlenbelastung", so Erbel im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Sie liegt bei weniger als einem Milli-Sievert. Das ist die Hälfte bis ein Drittel dessen, was bei einer Messung mit hochauflösender CT anfällt. Die für die Beurteilung der prognostischen Bedeutung des Koronarkalks relevanten Folgeuntersuchungen, bei denen vor allem die Häufigkeit von kardiovaskulären Ereignissen registriert wird, beginnen im Januar 2006 und werden sich erneut über zwei Jahre hinstrecken.

Bereits jetzt gebe es sehr interessante epidemiologische Ergebnisse, betont Erbel. Die Prävalenz einer den Probanden bekannten koronaren Herzerkrankung zum Beispiel betrug acht Prozent. Vorhofflimmern hatten 4,5 Prozent der Männer und 2,3 Prozent der Frauen zwischen 65 und 75. Dies bestätigt die These, daß diese Rhythmusstörung im Alter zunehmend zu einer Volkskrankheit wird.

70 Prozent der befragten Männer und 44 Prozent der befragten Frauen haben irgendwann einmal geraucht. 25 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen rauchten noch zum Zeitpunkt der Befragung. In der "jungen" Kohorte der 45- bis 54jährigen war es jeder dritte. 9,4 Prozent der Männer und 6,1 Prozent der Frauen gaben an, einen Diabetes mellitus zu haben.

Nur bei jedem fünften Studienteilnehmer lag der Cholesterinwert unter 200 Milligramm pro Deziliter. Bei 36 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen lag er oberhalb von 240 Milligramm pro Deziliter.

Ein zu hoher Blutdruck wurde bei vier von zehn Probanden gemessen. Bei 15 Prozent der Männer und neun Prozent der Frauen lag der systolische Wert über 160 mmHg. Ebenfalls vier von zehn Probanden schließlich hatten in der Ultraschalluntersuchung Plaques in der Arteria carotis interna.

Damit die prognostische Bedeutung der anfänglichen Koronarkalkbestimmung bestimmt werden kann, ist in erster Linie die Einordnung der Probanden in kardiovaskuläre Risikogruppen von Bedeutung. Wird der Framingham-Score verwendet, so lägen 25 Prozent der Männer, aber nur ein Prozent der Frauen zwischen 45 und 74 Jahren in der Gruppe mit hohem kardiovaskulärem Risiko, rechnet Erbel vor.

Diese Menschen haben ein Zehnjahresrisiko für ein kardiovaskuläres Ereignis von mehr als 20 Prozent. Etwas anders sieht die Sache aus, wenn die EBT-Koronarkalkmessung als Grundlage für die Risikoeinschätzung herangezogen wird. Dann landen mit 16 Prozent weniger Männer, aber mit vier Prozent mehr Frauen in der Gruppe mit hohem Risiko.

Erstmals Ergebnisse prospektiver Studien erwartet

Anders als beim Framingham-Score gibt es zur Risikoabschätzung mit Koronarkalk noch keine Ergebnisse prospektiver Studien. Genau das sollen die Heinz Nixdorf Recall-Studie und ihr US-amerikanisches Pendant, die etwas später gestartete Mesa-Studie (Multiethnic Study of Artherosclerosis) ändern. Erste Auswertungen werden für 2008 erwartet. Erst dann kann gesagt werden, ob die Kalkbestimmung allein oder zusätzlich zu einem Risikoscore die kardiovaskuläre Risikoabschätzung präzisiert.

Ein Problem bleibt: Was ist, wenn Menschen ohne Symptome kardiovaskulärer Erkrankungen durch eine positive Kalkscoremessung so verunsichert werden, daß sie eine Koronarangiografie fordern, für die es medizinisch keine Grundlage gibt?

In der Heinz Nixdorf Recall-Studie wird dies auf eine Weise gelöst, die nicht in die Regelversorgung übertragbar ist: "Wir nehmen das Wort Koronarangiografie nie in den Mund und teilen den Probanden auch nicht die Ergebnisse der Untersuchung mit", so Erbel.

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