Kardiologie

Sammeln Sie CME-Punkte - 30 Tage kostenlos mit e.Med
Modul: Diabetes und Herzinsuffizienz – Update 2017

Weitere Module zu anderen Themen auf der Startseite unserer Sommerakademie

Thrombose/Schlaganfall

Sammeln Sie CME-Punkte - 30 Tage kostenlos mit e.Med
Modul: Thromboembolische Ereignisse bei Adipositas – Leitsymptome schwerer erkennbar

Weitere Module zu anderen Themen auf der Startseite unserer Sommerakademie
Ärzte Zeitung, 01.06.2006

HINTERGRUND

Auch in Deutschland beschäftigen sich immer mehr Kardiologen mit dem Broken-Heart-Syndrom

Von Ilka Lehnen-Beyel

Plötzlich setzten die Symptome ein: Während die 64jährige Pastorin auf dem Weg zur Kanzel war, spürte sie starke Schmerzen und ein extremes Engegefühl in der Brust. Noch bei der Einlieferung in die Klinik sprach alles für einen Herzinfarkt - das EKG zeigte typische Veränderungen, und eine Ultraschalluntersuchung des Herzens belegte, daß die linke Herzkammer schlecht arbeitete.

Ein Kardiologe und seine Assistentinnen analysieren die Ergebnisse der Tomographie eines Herzens. Foto: David Hecker/ddp

Doch die Ergebnisse der anschließenden Untersuchung paßten nicht ins Bild: Es gab keine wesentlichen Verengungen der Herzkranzgefäße. Das ließ für die Mediziner um Oberarzt Dr. Joachim Weil von der Uniklinik Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, nur noch einen Schluß zu: Die Patientin litt unter einer Tako-Tsubo- oder Streß-Kardiomyopathie, auch bekannt als "Broken-Heart"-Syndrom.

In Japan wurde erstmals über das Syndrom berichtet

Erstmals berichtet wurde über das Syndrom der gebrochenen Herzen Anfang der 90er Jahre in Japan. "Damals glaubten Mediziner noch, es handelt sich um ein rein asiatisches Phänomen, das in westlichen Ländern unbedeutend ist", berichtet Weil. Das hat sich geändert: Immer mehr Ärzte beschäftigen sich auch in Deutschland mit dem rätselhaften Syndrom, das auf den ersten Blick so sehr einem Herzinfarkt gleicht.

Doch im Gegensatz zum Infarkt, der oft aus heiterem Himmel auftritt, gibt es in der Regel einen klaren Auslöser für die Streß-Kardiomyopathie. "Nach bisherigem Wissen ist die entscheidende Voraussetzung ein außergewöhnlicher Streßfaktor", betont der Kardiologe Dr. Harald Kühl, Oberarzt am Universitätsklinikum Aachen.

    "Gebrochene Herzen" heilen meist von selbst wieder.
   

Bei der Pastorin war dieser Streßfaktor die starke Anspannung vor der Predigt. Doch auch ein Autounfall, ein heftiger Streit oder eine schlimme medizinische Diagnose können Auslöser sein - genauso wie der Tod eines nahestehenden Menschen. Der Zusammenhang mit emotionalen Ausnahmesituationen war es, der der Krankheit ihren bildhaften Namen gab.

Ebenfalls anders als beim Herzinfarkt trifft die Streß-Kardiomyopathie fast nur ältere Frauen. Der Grund dafür ist unbekannt. Auch was nach einem solchen Schock im Herzen passiert, ist bisher nur teilweise erforscht.

Sicher ist, daß die Menge der Streßhormone Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin stark in die Höhe schießt und der untere Teil der linken Herzkammer einfach aufhört, sich zu bewegen. Möglicherweise ziehen sich dabei winzige Blutgefäße als Reaktion auf die Streßhormone zusammen, eventuell wirken die Hormone aber auch toxisch auf die Herzmuskelzellen - weder das eine noch das andere konnte bislang bestätigt oder widerlegt werden.

Im Gegensatz zum Herzinfarkt, bei dem Teile des Muskelgewebes unwiderruflich absterben, heilen gebrochene Herzen meist von selbst: Das Herz wird zumindest nach bisherigen Erkenntnissen nicht dauerhaft geschädigt und nimmt schon nach wenigen Tagen bis einigen Wochen seine Arbeit wieder voll auf. "Das Besondere an diesem Krankheitsbild im Unterschied zum Herzinfarkt ist die gute Spontanheilung, wenn die akute Phase überwunden ist", berichtet Kühl.

Sein Kollege Weil formuliert es so: "Das Herz schläft praktisch nur." Zwar gibt es bislang noch kaum Daten zur Langzeitprognose, doch scheint es sich "prognostisch um eine eher gutartige Krankheit zu handeln, wenn die akute Phase überwunden ist", betont Kühl.

Trotzdem ist das Broken-Heart-Syndrom nicht harmlos: "Es handelt sich um eine ausgeprägte Funktionsstörung des Herzens, inklusive aller damit verbundenen Probleme", mahnt Weil. So kommt es akut nicht selten zu Komplikationen, etwa zu einem Schock, zu Rhythmusstörungen oder Kammerflimmern. "Deshalb kommen die Patienten immer zuerst auf die Intensivstation zur Beobachtung", unterstreicht Kühl.

Auch über Todesfälle wurden bereits berichtet, wobei deren Häufigkeit auf bis zu acht Prozent geschätzt wird. Sie liegt damit erheblich niedriger als beim Herzinfarkt mit nahezu 50 Prozent.

Noch ist das Krankheitsbild auch unter Kardiologen eher unbekannt. Aus diesem Grund ist auch nicht klar, wie häufig es tatsächlich auftritt. Sowohl Kühl als auch Weil sind jedoch davon überzeugt, daß es mehr Patienten mit diesem Syndrom gibt als ursprünglich angenommen.

Kombination von Befunden gibt Hinweise auf das Syndrom

So hat Weil allein in den vergangenen zwei Jahren 30 bis 40 Betroffene persönlich beobachtet. Er schätzt, daß mindestens einer von 100 Herzinfarkten eigentlich eine Streß-Kardiomyopathie ist. US-amerikanische Wissenschaftler gehen sogar von einer Quote von mehr als zwei Prozent aus.

"Erst die Kombination mehrerer ungewöhnlicher Befunde gibt Hinweise auf das Syndrom", erläutert Kühl. Und Weil ergänzt: "Häufig wird es nicht erkannt, weil keine zusätzliche Untersuchung der Herzkammer gemacht wird. Man muß im Falle des Falles einfach daran denken - und die Untersuchungen entsprechend anpassen." (ddp.vwd)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »