Ärzte Zeitung, 10.01.2007

Alles fürs Herz: Biofeedback, Meditation und mehr

Die Klinik für Psychokardiologie hat 20 Betten / Akutversorgung und Anschlussheilbehandlung sind fachlich und personell eng verknüpft

In Bad Nauheim in Hessen hat jetzt die erste deutsche Klinik für Psychokardiologie ihre Pforten eröffnet. In enger Kooperation mit der Kerckhoff-Klinik am Ort soll die kardiologische und herzchirurgische Therapie ergänzt werden - ein in Europa einmaliges Projekt. Patienten lernen etwa, mit Ärger besser umzugehen und gesundheitsschädliches Verhalten zu ändern, sagen der Leiter der Klinik, der Psychologe und Psychotherapeut Professor Jochen Jordan und der ärztliche Leiter Dr. Wolfgang Ricken im Gespräch mit Thomas Meißner von der "Ärzte Zeitung".

Die chinesische Ärztin Weiguo Yu behandelt an der Klinik in Bad Nauheim eine Patientin mit der Biofeedback-Therapie. Fotos: ner

Ärzte Zeitung: Professor Jordan, was ist und wozu brauchen wir die Psychokardiologie?

Jordan: Unter dem Begriff werden alle psychologischen und soziologischen Aspekte von Herzerkrankungen zusammengeführt. Alle Herzerkrankungen haben Folgen für das seelische Befinden und für die Lebensqualität. Die Krankheit muss psychisch verarbeitet werden. Zum Beispiel sind 30 bis 40 Prozent aller Patienten nach einem Herzinfarkt depressiv und stark verunsichert. Auch die Partner leiden bis zu 18 Monate nach dem Ereignis unter psychischen und psychosomatischen Beschwerden. Andererseits sind psychische Faktoren mit ursächlich für kardiovaskuläre Gesundheitsschäden und einen risikosteigernden Lebensstil.

Ärzte Zeitung: Können Sie das an Beispielen erläutern?

Die Ayurveda-Therapeutin Gudrun Bublatzky gehört auch zum Behandler-Team.

Jordan: Eine Depression erhöht beim herzgesunden Menschen das kardiovaskuläre Risiko fast ebenso wie das Rauchen: bei Depression steigen das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko um das 2,5-fache, bei Rauchern um das 2,8-fache. Weitere risikosteigernde Faktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen sind vitale Erschöpfung (Burn-out), beruflicher und privater Stress, inadäquater Umgang mit Ärger und Feindseligkeit, mangelnde soziale Einbindung und negative Affektivität, die etwas mit Ärger, Feindseligkeit, sozialem Rückzug zu tun hat. Umgekehrt hat eine funktionierende Partnerschaft nachweisbar positive Auswirkungen auf die Prognose etwa bei koronarer Herzerkrankung.

Ärzte Zeitung: Welche Konsequenzen hat das für Ihre tägliche Arbeit?

Jordan: Die Klinik für Psychokardiologie hat vier Arbeitsschwerpunkte:

  1. die psychische Verarbeitung kardialer Erkrankungen durch die Betroffenen und die Partner,
  2. die Reduktion risikosteigernder Lebensweisen,
  3. die Veränderung inadäquater Erlebniszustände und sozialer Verhaltensweisen vor und nach Krankheitsbeginn (Umgang mit Ärger, Verbesserung der sozialen Einbindung, Paartherapie, Entspannungsförderung) und
  4. Gesundheitsförderung im Allgemeinen.

Ärzte Zeitung: ... und dabei gibt es Aspekte, die spezifisch für kardiologische Erkrankungen sind?

Jordan: Durchaus! Die Schwerpunkte unserer Arbeit erfordern spezifisches Wissen und viel Erfahrung sowie die enge Kooperation mit der Kardiologie. Patienten mit einem implantierten Defibrillator, die massive Ängste und Panikattacken haben, sind in einer traditionellen Psychosomatischen Klinik zwar nicht falsch aufgehoben. Aber unser spezifisches Wissen steht dort oft nicht zur Verfügung. Auch niedergelassene Psychotherapeuten wissen über die spezielle Problematik dieser Patienten nicht ausreichend Bescheid und können deshalb methodisch nicht zielgerichtet genug arbeiten.

Ärzte Zeitung: Welches Wissen meinen Sie?

Jordan: Zum Beispiel hat die Hälfte der Patienten, die wegen eines Herzstillstandes und nach Reanimation einen implantierbaren Defibrillator erhalten, eine posttraumatische Belastungsstörung. Psychologische Hilfe brauchen auch Patienten, die gehäuft Entladungen des Defibrillators erlebt haben, weil dies oft eine Angsterkrankung auslöst. Wir bereiten gerade ein Projekt vor, in dem Patienten, die an der Kerckhoff-Klinik einen implantierbaren Defibrillator bekommen haben, psychologisch auf das Leben mit dem Gerät vorbereitet werden. Es gibt Studien, wonach mit Schulungen signifikante Effekte auf die Lebensqualität sowie auf die Compliance bei der Medikamenteneinnahme erreicht werden sowie die Zahl späterer Arztbesuche sinkt.

Ärzte Zeitung: Die Klinik für Psychokardiologie ist die erste ihrer Art in Europa. Wie kam es dazu?

Jordan: Die Psychosomatik ist in Deutschland ja häufig fernab der so genannten Körpermedizin angesiedelt. Entscheidend für mich war die Campus-Idee der Kerckhoff-Klinik, die die Bereiche Kardiologie, Herz- und Gefäßchirurgie, Angiologie, Diabetologie sowie die Rehabilitation umfasst, in der die Psychokardiologie angesiedelt ist. Dies ermöglicht eine enge personelle Zusammenarbeit.

Ricken: Wir sehen das viel diskutierte Thema "Integrierte Versorgung" nicht als eine rein finanztechnische Angelegenheit, sondern vor allem als komplementäre medizinische Versorgungsform. Die Rundumbetreuung eines herzkranken Patienten sollte an einem Ort erfolgen. Nach der Akutbehandlung braucht der Patient eine Konsolidierungsphase, physisch und psychisch. Wir haben deshalb die Akutversorgung und die Anschlussheilbehandlung fachlich und personell eng verknüpft.

Ärzte Zeitung: Trotz aller Sparzwänge im Gesundheitswesen eröffnen Sie eine Klinik für Psychokardiologie mit 20 Betten ...

Ricken: Unsere Rehabilitationsklinik umfasst insgesamt 120 Betten für die klassische kardiologische und angiologische Anschlussheilbehandlung. Diese 20 Betten für die Psychokardiologie sind jetzt hinzugekommen.

Ärzte Zeitung: Wieso erfolgt die psychosoziale Betreuung stationär und nicht ambulant?

Jordan: Was wir hier anbieten, kann man weder inhaltlich mit der Reha noch mit der üblichen Reha-Finanzierung realisieren. Deshalb handelt es sich vorerst um Selbstzahlerleistungen. Unser Behandlungskonzept erfordert einen Zeitraum von fünf bis zehn Tagen mit einem fünf- bis siebenstündigen Therapieangebot täglich. Wir kombinieren verschiedene Verfahren, was ambulant kaum machbar ist. Eine ambulante Therapie braucht oft viel zu lange, bis sie greift, weshalb in vielen Fällen eine hohe Therapiedosis erforderlich und unumgänglich ist.

Ärzte Zeitung: Was kostet die Therapie?

Jordan: Bei uns liegen die Tagestherapiekosten für die stationäre Behandlung zwischen 250 und 350 Euro. Wir hoffen sehr, dass die Krankenkassen zumindest Anteile davon übernehmen werden. Ich bin der Meinung, dass die Kassen bei einer frühzeitigen psychokardiologischen Intervention durchaus Folgekosten sparen können, etwa weil Arztkonsultationen zurückgehen, Notfallaufenthalte in Krankenhäusern seltener werden und auch die Compliance bei der Medikamenten-Einnahme zunimmt.

Ärzte Zeitung: Was bieten Sie den Patienten dafür?

Jordan: Wir bieten tägliche tiefenpsychologische Sitzungen an, ergänzende verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die sich auf die individuellen Gegebenheiten konzentrieren, verschiedene Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung, Meditation oder Bio-Feed-back-Gestützte Entspannung. Hinzu kommt die Körpertherapie. Dazu gehören Körpererleben und Massagen. Wir haben eine chinesische Kollegin, die Akupunktur, Qigong und Yoga beherrscht sowie eine Ayurveda-Therapeutin, die sehr intensive Manualtherapie anbietet. Parallel wird von Herrn Dr. Ricken der kardiologische Teil gewährleistet: Ist die kardiologische Diagnostik vollständig? Stimmt die Medikation? Patienten, die nicht zu weit entfernt wohnen, können wir nach der stationären Behandlung auch ambulant weiter betreuen. Unser Anliegen ist es in erster Linie, den Patienten, soweit es geht, die Reintegration ins soziale und berufliche Leben zu ermöglichen

Meditation und Yoga gehören zu den Angeboten der Klinik für Psychokardiologie am Herz-Zentrum in Bad Nauheim.

Ärzte Zeitung: Welche Patienten waren denn bislang bei Ihnen?

Jordan: Meine erste Patientin war eine Kettenraucherin mit arterieller Verschlusskrankheit. Sie konnte einfach nicht damit aufhören, 50 Zigaretten pro Tag zu rauchen. Seit sie eine Woche bei uns war, raucht sie nicht mehr und klagt über keinerlei Entzugserscheinungen. Ein anderes Beispiel ist ein 38-jähriger Mann, der bei einem Sondereinsatzkommando der Polizei beschäftigt war. Eine Woche nach einem traumatischen Erlebnis im Dienst hatte er einen Herzinfarkt, den er fast nicht überlebt hätte. Dieser durchtrainierte Mann hat jetzt eine körperliche Leistungsfähigkeit von weniger als 40 Prozent des altersnormalen Durchschnitts und kann nur noch Schreibarbeiten erledigen - ein Zustand, mit dem er psychisch nicht fertig wird. Eine Dame hatte Blutdruckkrisen, die durch psychische Faktoren ausgelöst worden sind. Weitere Beispiele sind Patienten mit Depressionen und vitaler Erschöpfung.

Ärzte Zeitung: Wie kommen die Patienten zu Ihnen?

Jordan: Sehr viele Patienten haben über Medien von uns erfahren. Ein weiterer Teil kommt aufgrund der Kooperation mit der Kerckhoff-Klinik zu uns, andere werden von niedergelassene Kollegen auf uns hingewiesen. Das Einzugsgebiet erstreckt sich über das gesamte Bundesgebiet und den deutschsprachigen Raum. In Zukunft wird es möglich sein, Therapie in englischer, französischer und arabischer Sprache anzubieten.

Ärzte Zeitung: Die mangelnde psychologische Betreuung von Patienten mit Herz- aber auch anderen Erkrankungen wird ja immer wieder beklagt. Woran liegt es denn?

Jordan: International wird die psychosoziale Betreuung Herzkranker seit Langem von allen Fachgesellschaften gefordert. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Dissens in dieser Frage! In allen Gesundheitssystemen sieht die Realität jedoch anders aus. In Deutschland kommen in der stationären Rehabilitation 0,9 Psychologen auf 100 kardiologische Betten. Eine Ursache dafür könnte sein, dass das psychologische Wissen auf diesem Gebiet äußerst umfangreich ist, es aber bis vor kurzem sehr unübersichtlich war. Wir haben daher in einer Arbeitsgruppe, der Statuskonferenz Psychokardiologie, die verschiedenen Wissensgebiete zur Psychokardiologie weltweit erstmals systematisiert und den Stand der Forschung dokumentiert inklusive einer methodischen Wertung der vorhandenen Studien. Das Ergebnis dieser Arbeit liegt inzwischen als Buch vor*.

Ärzte Zeitung: Liegt’s auch am Geld?

Jordan: sicher. Es wäre wünschenswert, wenn die Kostenträger auch die psychosoziale Behandlung der Patienten höher bewerten würden.

*Jordan, J.; Barde, B.; Zeiher, A. M. (Hrsg.): Contributions Toward Evidence-Based Psy-chocardiology: A Systematic Review of the Literature, American Psychological Associ-ation 2006, 373 Seiten, 87,90 Euro, ISBN 1591473586. Auf deutsch 14 Bände in der Reihe "Statuskonferenz Psychokardiologie", Verlag Akademische Schriften, Frankfurt / M.

Dr. Wolfgang Ricken setzt sich in nationalen und internationalen Arbeitsgruppen wissenschaftlich vor allem mit bildgebenden Verfahren in der Kardiologie auseinander, vor allem mit der Magnetresonanztomografie.

Der Facharzt für Innere Medizin arbeitet seit 1991 am Herz- und Rheumazentrum Kerckhoff-Klinik GmbH Bad Nauheim als Oberarzt und leitet die kardiologische Ambulanz. Von 2004 an war er Ärztlicher Geschäftsführer des Zentrums für Vaskuläre Medizin am Kerckhoff-Rehabilitations-Zentrum und ist dort seit Oktober 2006 Ärztlicher Leiter der Klinik für Psychokardiologie. (ner)

Professor Jochen Jordan hat seit 25 Jahren ein besonderes wissenschaftliches Interesse an der Psychokardiologie. Jordan hat zunächst Pädagogik und Psychologie studiert und später zum Dr. rer. med. promoviert. Habilitiert hat er sich für die Fächer Psychosomatik und Medizinische Psychologie.1998 gründete und leitete er gemeinsam mit Dr. Benjamin Bardé und Professor Andreas Zeiher von der Uni Frankfurt / Main die Statuskonferenz Psychokardiologie, um das zu dieser Zeit unübersichtliche internationale Wissen auf diesem Gebiet zu sichten, zu werten und zu systematisieren. 2005 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
(ner)

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