Ärzte Zeitung online, 20.03.2009

Studie: Herzkranke nehmen lieber Pillen, als sich gesund zu ernähren

Münster (dpa). Die meisten Herzkranken in Deutschland und anderen Industriestaaten zeigen weiterhin keine Neigung zu gesünderem Lebenswandel und schlucken stattdessen lieber mehr Medikamente. Doch lösen auch die verfügbaren gut wirksamen Medikamente das Problem der falschen Ernährung nicht.

Pillen statt gesundes Essen ist für viele Herzkranke die Normalität.

Foto: dinostock©www.fotolia.de

Daten der dreiteiligen Studie EUROASPIRE mit knapp 2400 Herzpatienten aus acht europäischen Ländern, davon 450 aus Deutschland, bestätigen den Trend, dass auch bereits herzkranke Menschen vor einem Lebensstilwandel zurückschrecken.

Auffällig ist, dass der Anteil übergewichtiger Teilnehmer von 25 Prozent in der ersten Studie 1995 auf zuletzt 38 Prozent stieg, die Zahl der Untersuchten mit erhöhten Cholesterinwerten sich aber von 94 auf 46 Prozent mehr als halbierte (Lancet (373, 2009, 929). Darauf wies der Epidemiologe und Studienleiter für Deutschland, Professor Ulrich Keil aus Münster, hin.

Für Keil stellt das jedoch keinen Widerspruch dar: "Mit den Statinen verfügt die Medizin heute über hervorragende Medikamente, um den Cholesterinspiegel zu senken. Das löst aber das dahinter stehende Problem der falschen Ernährung nicht."

Dass falsche Ernährung mehr ist als nur eine schlechte Angewohnheit, untermauert Keil mit dem Hinweis auf die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus: Parallel zum Übergewicht stieg ihre Quote als direkte Folge von 17 Prozent im Jahr 1995 auf später 28 Prozent - fast eine Verdoppelung. Besonders alarmierend ist für den Mediziner, dass auch Menschen mit attestierter Krankheit ihre Gewohnheiten nicht umstellen scheinen: "Wenn wir schon den Vorgewarnten nicht vermitteln können, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern, wem dann?", fragte Keil.

Beim Rauchen konnte Keil keinen nennenswerten Rückgang unter den Patienten wahrnehmen, die Quote lag weiter bei 20 Prozent. "Das hängt damit zusammen, dass die Medizin die Therapieangebote für Raucher zumeist nicht ernst nimmt. Das muss sich ändern."

Auch beim erhöhten Blutdruck blieb der erwartete Rückgang aus. Sein Anteil stagniere bei rund 60 Prozent. Keil verweist zudem darauf, dass die Studie aus Kostengründen in Deutschland nur im Münsterland stattfand: Diese Region sei durch eine gute Sozialstruktur und eine Vorliebe für das Radfahren gekennzeichnet. "Andernorts wären die Ergebnisse vermutlich noch schlechter ausgefallen", folgerte Keil.

Als Konsequenz aus der Langzeituntersuchung empfiehlt Keil einen klaren Kurswechsel der Medizin in Richtung Prävention: "Das Verschreiben von Medikamenten allein reicht nicht. Die Ärzte müssen erkennen, dass auch sie verantwortlich sind für die Änderung des Lebensstils und entsprechend Einfluss nehmen."

Abstract der Studie "Cardiovascular prevention guidelines in daily practice: a comparison of EUROASPIRE I, II, and III surveys in eight European countries"

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