Ärzte Zeitung online, 16.04.2009

Ungebremster Blutfluss ins Gehirn

HEIDELBERG (eb). Werden aus einer verengten Halsschlagader die Ablagerungen entfernt, kann sich Narbengewebe an der Gefäßwand bilden. Dadurch verengt sich das Gefäß erneut und das Risiko für einen Schlaganfall steigt. Forschern vom Universitätsklinikum Heidelberg ist es nun gelungen, diesen Mechanismus im Tierversuch zu verlangsamen und so den Erfolg der Operation langfristig zu sichern.

Jährlich erleiden etwa 20 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall, der durch Ablagerungen in den Halsschlagadern (Arteriosklerose) verursacht wird. Das Risiko dieser Patienten einen weiteren Schlaganfall zu bekommen, ist hoch, kann aber durch eine Operation an der Halsschlagader (Endarteriektomie) deutlich verringert werden. Dabei schälen Gefäßchirurgen durch einen Zugang am Hals die Fett- und Kalkablagerungen heraus.

Bei jedem zehnten Patienten bildet sich innerhalb von ein bis zwei Jahren eine sogenannte Restenose aus: Die bei der Operation verletzte innere Gefäßwand wächst an, das Gefäß muss in einem weiteren Eingriff mit einem Drahtgeflecht (Stent) gespreizt oder erneut ausgeschält werden.

Auf molekularer Ebene begleiten unter anderem Veränderungen im sogenannten NO-cGMP-Signalweg das verstärkte Wachstum der inneren Gefäßwand. Sinkt die Konzentration des Botenstoffes cGMP (zyklisches Guanosin-Monophosphat), vermehren sich die Muskelzellen der Gefäßwand, wandern nach innen und wachsen.

"Vardenafil, ein Medikament gegen Lungenhochdruck, greift genau an diesem Signalweg an. Wir haben erstmals getestet, wie sich die Gabe von Vardenafil auf die Bildung von Restenosen auswirkt", erklärt Dr. Kristóf Hirschberg, Chirurg an der Uniklinik Heidelberg. Vardenafil hemmt den Abbau des Botenstoffes cGMP und erhöht so dessen Konzentration im Gewebe.

Ein Team um Hirschberg führte bei 18 Ratten eine Endarteriektomie durch und entfernte dabei die innerste Gefäßschicht der Halsschlagader. Ein solcher Eingriff hat bei Ratten in jedem Fall zur Folge, dass sich innerhalb weniger Wochen eine dickere neue Gefäß-Innenschicht bildet, die die Schlagader verengt. Die Hälfte der Ratten erhielt mit dem Trinkwasser Vardenafil. Nach drei Wochen zeigte sich: Bei den Tieren, die den Wirkstoff erhalten hatten, war die neu gebildete Gewebsschicht nur halb so stark ausgeprägt wie bei den Ratten, die kein Vardenafil erhalten hatten (J Thorac Cardiov Sur, online vorab, Februar 2009).

Der Vorteil des Medikaments: Vardenafil kann in Tablettenform eingenommen werden und ist bereits klinisch geprüft. Bisher ist ein mit Medikamenten beschichteter Stent die einzige Möglichkeit, das übermäßige Wachstum der Gefäß-Innenschicht zu unterdrücken. "Die Behandlung mit Vardenafil könnte eine neue und effektive Möglichkeit darstellen, um bei Patienten nach der Operation der Halsschlagader Restenosen vorzubeugen", erklärt Hirschberg.

Zum Abstract des Originalartikels "Selective phosphodiesterase-5 inhibition reduces neointimal hyperplasia in rat carotid arteries after surgical endarterectomy"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Vier von zehn Diabetes-Fälle ließen sich verhindern

Durch Abspecken von drei bis sechs Kilo in der Bevölkerung ließen sich 40 Prozent der Diabetesfälle verhindern. mehr »

Patientenakte wird zum Herzstück der Digitalisierung

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will bei der Digitalisierung weiter aufs Tempo drücken. Die elektronische Patientenakte wird dabei zum Motor der Vernetzung. mehr »

Lücken in der Hausarztmedizin wachsen

Gegenläufige Trends kennzeichnen die Bundesärztestatistik für 2016: Die Zahl der Ärzte erreicht ein neues Rekordhoch. Doch der Zuzug ausländischer Ärzte kompensiert die Probleme der Überalterung kaum. mehr »