Ärzte Zeitung online, 22.06.2009

Aneurysma der Bauchaorta: Wann reißt es? Wann muss operiert werden?

FRANKFURT / MAIN (eb). Bauchaorten-Aneurysmen sind wie tickende Zeitbomben. Platzen sie, sterben vier von fünf Betroffenen, noch ehe sie ein Krankenhaus erreichen. Niemand kann sicher vorhersagen, wann diese lebensbedrohliche Situation eintritt. Deshalb orientieren sich Chirurgen an der Größe des Aneurysmas. Ab 5 cm Durchmesser wird meist operiert. Gefäßchirurgen der Goethe-Universität arbeiten jetzt daran, den Op-Zeitpunkt noch optimaler bestimmen zu können.

Aneurysma der Bauchaorta: Wann reißt es? Wann muss operiert werden?

Ultraschall der Bauchaorta (dunkel) im Längsschnitt. In der Mitte erkennt man ein Aneurysma mit knapp doppeltem Durchmesser der Aorta.

Foto: www.sonoweb.de

Für eine differenziertere Entscheidungsgrundlage arbeiten Gefäßchirurgen der Goethe-Universität gemeinsam mit Ingenieuren der Fachhochschule Frankfurt zusammen. Wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe von "Forschung Frankfurt" berichten, sollen Simulationen der Strömungsverhältnisse und der Belastbarkeit des Gewebes dabei helfen, den optimalen Zeitpunkt für eine Operation zu ermitteln.

"Ab einem Durchmesser von 5 cm muss operiert werden, weil die Rupturgefahr dann exponentiell steigt", so Professor Thomas Schmitz-Rixen, Leiter der Gefäß- und Endovascularchirurgie am Klinikum der Goethe-Universität. Doch die Krankheit hält sich nicht an Regeln.

Immer wieder reißen auch kleinere Aneurysmen. Und andererseits werden riesige Aussackungen per Zufall bei Patienten entdeckt, die nie Beschwerden hatten und an ganz anderen Krankheiten starben. Warum das so ist, versucht Schmitz-Rixen in Kooperation mit Professor Gerhard Silber, Leiter des Instituts für Materialwissenschaften (IfM) an der Fachhochschule Frankfurt, herauszufinden. Gebündelt wird diese Zusammenarbeit im Frankfurter "Center for Biomedical Engineering" (CBME).

Silber ist Fachmann für die Biomechanik von menschlichem Gewebe. Blutgefäße sind nämlich keine starren Rohre. Sie werden durch die Blutmenge passiv aufgedehnt, können sich aber auch aktiv zusammenziehen. Durch Rauchen, zu fettes Essen, ungenügende Bewegung und zunehmendes Alter verlieren die Gefäße ihre Elastizität und Dehnbarkeit. Zusätzlich verkalken die Arterien, so dass die Durchflussmenge messbar abnimmt. Diese Vorgänge modelliert der Materialwissenschaftler Gerhard Silber im Computer. Denn die Reißfestigkeit der Aortenwand oder die Wandspannung im Aneurysma lassen sich nicht im Patienten messen. Sie könnten aber wichtige Indikatoren dafür sein, wann ein Gefäß zu platzen droht.

Grundlage für die Forschung sind biomechanische Modelle von Aneurysmen

Zunächst musste ein Materialgesetz abgeleitet werden, das die Eigenschaften der Aneurysmen treffend beschreibt. Dann wurde aus den Bildern der präoperativen Computer- oder Kernspintomografien (CT/MRT) von Schmitz-Rixens Patienten, die der Radiologe Professor Thomas Vogl, ein weiterer Partner im CBME, liefert, mit aufwendigen Berechnungen ein biomechanisches Modell eines Aortenaneurysmas erstellt.

Bis zu zwei Wochen dauert es, bis der Rechner ein Modell erstellt hat, in dem Viskosität, Strömungsgeschwindigkeit und Wandspannung dargestellt sind. Im nächsten Schritt gehen die Flow-Daten ein, ebenfalls gewonnen aus den präoperativen Bildern. Schließlich ändern sich sämtliche Parameter mit jedem Pulsschlag, dehnt sich das Gefäß aus und erschlafft dann wieder.Um herauszufinden, ob die Berechnungen und Modelle auch tatsächlich In-vivo-Bedingungen repräsentieren, mussten die Eigenschaften echter aneurysmatischer Gefäße geprüft und charakterisiert werden.

Doch auch wenn offen operiert wird, verbleibt das Aneurysma im Körper; mit ihm wird die Prothese ummantelt. Silber bekommt daraus nur ein Gewebestück, das kaum 2 cm misst. Mithilfe eines eigens von seinen Studenten entwickelten Prüfstandes werden die Gewebeeigenschaften des winzigen Fetzens charakterisiert. "Die Datenfülle, die wir aus der Zusammenarbeit mit Medizinern gewinnen, liefert uns völlig neue Informationen über den menschlichen Körper und seine Fehlfunktionen oder Erkrankungen", so Silber.

Stichwort Bauchaorten-Aneurysma:

Die Inzidenz liegt zwischen 0,3 und 2,8 Prozent, wie unter anderen Sektionsstatistiken ergeben. Über 200 000 Männer und Frauen über 65 Jahren haben nach Schätzungen ein Bauchaorten-Aneurysma; viele davon, ohne es zu wissen.

Männer sind 9-mal häufiger betroffen als Frauen; in der Gruppe der über 80-Jährigen beträgt das Verhältnis 3 zu 1. Insgesamt nimmt die Häufigkeit von Bauchaorten-Aneurysmen mit dem Alter zu: Bei den über 65-Jährigen sind 3 Prozent betroffen; bei den über 75-Jährigen bis zu 7 Prozent.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Adiopositas-Op nötig, aber Kasse will nicht zahlen

Wenn der Antrag eines Adipositas-Patienten auf eine bariatrische Operation abgelehnt wird, bringt das Ärzte in eine schwierige Situation. Denn oft verschlechtert sich der Zustand des Betroffenen. mehr »

9 wichtige Forderungen, Analysen, Informationen

Fleißige Delegierte: In Freiburg wurde wieder eine große Palette an Themen abgearbeitet. mehr »

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

In US-Kliniken tauchen immer häufiger Nichtraucher mit Lungenkrebs auf, vor allem Frauen sind betroffen. Das könnte am Passivrauchen liegen. mehr »