Ärzte Zeitung online, 10.11.2009

Bei verengte Beinarterien ist Risiko für Schlaganfall oder Herzinfarkt sehr hoch

BOCHUM (eb). Egal, ob Atherosklerose mit Stenosen Beschwerden verursacht oder nicht, sie verdoppelt das Risiko eines vorzeitigen Todes und schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Das ist das Ergebnis der Fünfjahres-Nachuntersuchung der seit 2001 laufenden Studie getABI.

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Der systolische Blutdruck am Knöchel sollte im Liegen mindestens so hoch sein wie am Arm. Ein ABI (Ankle-Brachial-Index) unter 0,9 gilt als Beweis für eine PAVK.

Foto: Diehm

In getABI (German epidemiological trial on ankle brachial index) eingeschlossen waren 6 880 Patienten. 1271 Patienten sind inzwischen gestorben.

Atherosklerose mit ihren Folgen Herzinfarkt und Schlaganfall ist nach wie vor die häufigste Todesursache in den Industrienationen: Über die Hälfte aller Deutschen stirbt an einem dieser Ereignisse. Zur Identifizierung von Risikopatienten werden viele Methoden diskutiert und angewandt, darunter Risikoscores, die aufgrund der Konstellation von Laborwerten, Alter und Risikofaktoren berechnet werden. Solche Risikoscores sind zum Beispiel PROCAM oder ESC-Score). Weitere Methoden sind Ultraschall der hirnversorgenden Arterien oder EKG. Ihr Vorhersagewert für Tod oder Gefäßkomplikationen ist jedoch eingeschränkt.

Dass es einfacher und aussagekräftiger geht, zeigt die getABI-Studie, die seit 2001 unter Koordination von Professor Hans Joachim Trampisch von der Ruhr-Universität Bochum läuft. Bei der Untersuchung wird der Blutdruck am Arm gemessen - eine Standarduntersuchung in der Hausarztpraxis - und mit dem Blutdruck der Knöchelarterien verglichen.

Ist der Druck am Knöchel beim liegenden Patienten niedriger als der Druck der Armarterien (Knöchel-Arm-Index ABI kleiner 0,9), gilt dies als Beweis für Einengungen der Beinarterien durch Atherosklerose. Der Patient hat dann eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK).

Ist ein Bein betroffen, finden sich weitere minderdurchblutete Gefäßabschnitte auch in anderen Körperregionen. Denn die Erkrankung ist meist generalisiert, betrifft also auch die hirnversorgenden Arterien und Herzkranzgefäße.

Jeder fünfte Patient ab 65 hat eine Beinarterien-Stenose - die meisten wissen nichts davon

Für getABI wurden 6 880 Patienten über 65 in 344 Hausarztpraxen untersucht und werden seitdem beobachtet. Eine Verengung der Beinarterien fanden die Wissenschaftler bei 21 Prozent aller Patienten ab 65 Jahren - ein alarmierend hoher Wert. Nur knapp neun Prozent wussten von der Erkrankung, weil sie Beschwerden beim Gehen hatten (symptomatische PAVK).

Verdoppeltes Sterberisiko innerhalb von fünf Jahren bei niedrigem Knöchel-Arm-Index

Nach fünfjähriger Studienzeit wurde nun die Zahl der Todesfälle und schweren Gefäßkomplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall oder Gefäßverschlüsse in den Beinen ausgewertet. Ergebnis: Das Risiko für einen Patienten ohne PAVK pro Jahr beträgt knapp drei Prozent, für einen PAVK-Patienten mit Symptomen jedoch zehn Prozent, ist also gut dreimal so hoch (Circulation online vorab).

Besonders alarmierend: Der Unterschied zwischen PAVK-Patienten mit und ohne Symptome kommt allein dadurch zustande, dass in der statistischen Auswertung auch die Revaskularisierung (eine Operation zur Durchblutungsverbesserung, die bei Schmerzen durch Arterienverengung durchgeführt wird) als Gefäß-Ereignis gewertet wurde.

Rechnet man nur die Todesfälle und ernsthaften Kreislauferkrankungen ein, unterscheidet sich das Risiko zwischen den beiden Gruppen nicht signifikant. "Es spielt also keine Rolle, ob die PAVK noch 'stumm‘ ist, oder schon Beschwerden bereitet: In jedem Fall ist das Risiko eines vorzeitigen Todes oder eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls etwa verdoppelt", so Trampisch in einer Mitteilung der Uni Bochum.

Die Bestimmung des Knöchel-Arm-Index sollte Standard sein

"Bei älteren Hausarztpatienten muss die Gefäßuntersuchung der Beine Standard sein, und der ABI ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Routine", fordert Professor Curt Diehm, Kardiologe und Angiologe aus Karlsbad-Langensteinbach und zweiter Prüfleiter der Studie. "getABI zeigt das hohe Risiko von Patienten, die eine noch stumme PAVK haben - auch deren Risikofaktoren müssen intensiv behandelt werden."

Ist das Risiko eines Patienten einmal bekannt, kann der Arzt verschiedene Maßnahmen ergreifen, um es zu senken. Dazu gehören zum Beispiel die Therapie mit Blutfettsenkern, Blutverdünnern und die Einstellung des Blutdrucks. "Die Studie kann dazu beitragen, die Versorgung der Patienten mit PAVK bzw. Atherosklerose zu verbessern", so Trampisch.

Abstract der Studie "Mortality and Vascular Morbidity in Older Adults With Asymptomatic Versus Symptomatic Peripheral Artery Disease"

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