Ärzte Zeitung online, 27.04.2010

Bier, Kippen, Chips und Fernsehen - das kann zwölf Lebensjahre kosten

Nicht rauchen, viel frische Luft, wenig Alkohol und eine ausgewogene Ernährung - wer sich daran hält, darf mit zwölf Lebensjahren mehr rechnen als Menschen mit einem ungesunden Lebensstil.

Von Thomas Müller

Bier, Kippen, Chips und Fernsehen - das kann zwölf Lebensjahre kosten

Rauchend vor dem Fernseher sitzen, dazu noch Bier und Chips, und die Lebenszeit sinkt. © Simone van den Berg / fotolia.com

OSLO. Ein ungesunder Lebenswandel trägt bekanntlich nicht gerade dazu bei, ein hohes Alter zu erreichen: Den größten Teil der Freizeit träge vor dem Fernseher sitzend, in der einen Hand die Kippe, in der anderen die Bierdose, auf dem Tisch fettige Kartoffelchips - so beschleunigt man sein Ableben. Wie stark, das haben britische Forscher jetzt in einer prospektiven Studie geprüft: Von den Menschen, deren Lebenswandel dem genannten Klischee entsprach - und das waren immerhin 6,4 Prozent der erwachsenen britischen Bevölkerung - waren nach 20 Jahren fast ein Drittel tot, dagegen lebten noch 92 Prozent der Menschen mit gesundem Lebensstil.

Auch wenn glücklicherweise nur wenige Menschen derart ungesund leben, stellt sich die Frage, welches Laster begünstigt den vorzeitigen Tod am stärksten - die Kippe, die Bierdose, die Chips oder die Trägheit? Und wenn man sich schon von dem einen oder anderen Laster nicht trennen will, welche Kombinationen von schlechten Lebensweisen sollte man am ehesten meiden? Auch darauf versuchten Dr. Elisabeth Kvaavik und Mitarbeiter aus Oslo und Southampton mit ihrem "Health and Lifestyle Survey" (HALS) Antworten zu geben (Arch Intern Med 170, 2010, 711).

Dazu ließen sie knapp 4900 zufällig ausgewählte britische Bürger im Alter von über 18 Jahren einen Fragebogen zu ihrem Lebensstil ausfüllen. Im Schnitt waren die Teilnehmer 43 Jahre alt. Für jeden von vier möglichen Risikofaktoren gab es einen Punkt: für Rauchen, für kritischen Alkoholkonsum (mehr als eine Flasche Bier pro Tag bei Männern, bei Frauen ein Drittel weniger), für Trägheit (weniger als zwei Stunden körperliche Aktivität pro Woche) und für ungesunde Ernährung (weniger als drei Portionen Obst und Gemüse pro Tag).

In den folgenden 20 Jahren wurden sämtliche Todesfälle und Todesursachen festgehalten. In dieser Zeit starb etwa ein Viertel der Befragten. Von den Teilnehmern ohne schlechte Lebensweisen, die bei der Befragung null Punkte erreichten, waren nur 8,3 Prozent tot, von den Befragten mit einem einzigen Laster waren es bereits 18 Prozent, bei zwei waren es 24 Prozent, bei drei 27 Prozent und bei einer Kombination aller vier Risikofaktoren waren schließlich 29 Prozent gestorben. Die Forscher errechneten daraus, dass Menschen mit allen vier ungesunden Lebensweisen eine gleich hohes Sterberisiko haben wie zwölf Jahre ältere Menschen ohne Laster - und entsprechend früher sterben. Interessant dabei ist auch, dass bereits ein einziges Laster die Sterberate mehr als verdoppelte, dagegen war der Unterschied zwischen drei und vier ungesunden Lebensweisen kaum noch relevant.

Überraschendes gab es auch bei den Todesursachen: Insgesamt war die Sterberate bei Teilnehmern mit vier Punkten dreieinhalb Mal so hoch wie bei den Gesundheitsbewussten mit null Punkten. Dies ließ sich jedoch nicht, wie erwartetet, weitgehend auf eine vermehrte Zahl von Krebs- und KHK-Toten zurückführen. An Krebs starben zwar 3,4-mal mehr und an kardiovaskulären Ursachen 3,1-mal mehr Menschen, alle übrigen Todesursachen traten jedoch 4,3-mal mehr häufiger auf als in der gesund lebenden Gruppe mit null Punkten. Wer ungesund lebt, dem sollte man also nicht nur den nahenden Herzinfarkt vor Augen führen, sondern darauf hinweisen, dass das Risiko, früh zu sterben - woran auch immer - generell drastisch erhöht ist.

Schaut man sich dagegen die einzelnen Risikofaktoren genauer an, so scheint Bewegungsmangel der größte Killer zu sein. Die Sterberate war bei Menschen desselben Geschlechts und Alters um 56 Prozent erhöht, wenn sie weniger als zwei Stunden wöchentlich körperlich aktiv waren. Auf Platz Zwei folgte Rauchen (52 Prozent erhöhte Sterberate) auf Platz Drei schlechte Ernährung (31 Prozent) und am wenigsten Einfluss hatte erhöhter Alkoholkonsum (26 Prozent). Auch das Risikoprofil unterschied sich je nach Laster: Rauchen erhöhte vor allem die Krebsmortalität (plus 72 Prozent), Trägheit und schlechte Ernährung führten vor allem zu mehr kardiovaskulär Todesfällen (plus 64 und plus 36 Prozent). Zu viel Alkohol erhöhte das Sterberisiko dagegen gleichmäßig um 25 bis 27 Prozent.s

Ein Fazit der Studie: Nicht rauchen und genug Bewegung - das hat langfristig offenbar den größten Effekt auf die Gesundheit - also Kippe weg und öfter mal den Fernseher aus. Dann sind Chips und Bier nicht ganz so schlimm.

Die Ergebnisse der britischen Studie bestätigen damit auch Resultate anderer großer Erhebungen: So hat INTER-HEART, eine Fall-Kontroll-Studie mit 30 000 Teilnehmern, nahe gelegt, dass sich 90 Prozent aller Herzinfarkte durch eine gesunde Lebensweise vermeiden ließen. Und die prospektive EPIC-Norfolk-Studie mit 20 000 Männern und Frauen zeigte, dass ich das Schlaganfallrisiko um 80 Prozent senken lässt, wenn man aufs Gewicht achtet, nicht raucht, sich täglich 30 Minuten bewegt und Alkohol nur in geringen Mengen trinkt.

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