Ärzte Zeitung online, 15.09.2010

Gentherapie könnte Transfusion bei Blutkrankheit überflüssig machen

PARIS (ple). Ein junger Mann mit der erblichen Blutkrankheit Beta-Thalassämie ist offenbar erfolgreich gentherapeutisch behandelt worden. Seit Juni 2008 sind bei ihm die zuvor monatlich nötigen Bluttransfusionen nicht mehr erforderlich.

Nach Gentherapie benötigt Patient mit Blutkrankheit keine Transfusionen mehr

Patienten mit einer Beta-Thalassämie mussten bislang regelmäßig Blutspenden erhalten. Eine neue Gentherapie könnte das überflüssig machen.

© Stephan Morrosch / fotolia.com

Der damals 18 Jahre alte Patient hatte im Juni 2007 gentherapeutisch veränderte, körpereigene Zellen infundiert bekommen. Die Forscher hatten für die Gentherapie vom Aids-Erreger HIV abgeleitete Lentiviren verwendet, mit denen das intakte Gen für das Beta-Globin in Blutstammzellen geschleust wurde. Über ihren Therapieerfolg berichten Dr. Marina Cavazzana-Calvo vom Assistance Publique-Hôpitaux in Paris und ihre Kollegen aus Frankreich, Italien, Großbritannien und den USA (Nature 2010; 467: 318). Cavazzana-Calvo hat bereits vor zehn Jahren Erfahrungen mit Gentherapie bei Patienten mit Immundefekten gesammelt.

Die Wissenschaftler der aktuellen Studie verwendeten Lentiviren für die Genfähre, weil sie sicherer sind als Retroviren, mit denen in früheren Gentherapiestudien wahrscheinlich Leukämien ausgelöst wurden. Zur Vorbereitung für die eigentliche Gentherapie erhielt der junge Mann eine Hochdosis-Chemotherapie mit dem Ziel, möglichst alle Blutzellen mit dem defekten Beta-Globin-Gen zu eliminieren. Die Ärzte verabreichten ihm intravenös 3,2 mg Busulfan pro Kilogramm Körpergewicht täglich für vier Tage. Diese Vorbehandlung ist nach Ansicht des Hämatologen Dr. Derek A. Persons offenbar ausschlaggebend für den Erfolg der Gentherapie gewesen (Nature 2010; 467: 277). Persons hat bereits vor sieben Jahren wichtige tierexperimentelle Vorarbeiten für eine Gentherapie bei Beta-Thalassämie erbracht.

Einschleusen des Gens mit unerwartetem Nebeneffekt

In der neuen Gentherapie-Studie wurde allerdings auch beobachtet, dass durch das Einschleusen des intakten Gens mit der Genfähre das Protein HMGA2 vermehrt synthetisiert wird. Dieses Eiweißmolekül reguliert die Aktivität anderer Gene und beeinflusst möglicherweise auch das bei der Gentherapie verwendete intakte Beta-Globin-Gen. Offenbar ist die vermehrte HMGA2-Synthese auf Vorläuferzellen der Erythrozyten beschränkt.

Der Patient musste bereits im Alter von drei Jahren Bluttransfusionen erhalten, die mit der Zeit sogar monatlich vorgenommen werden mussten. Mit sechs Jahren wurde ihm die Milz entfernt. Den Ärzten zufolge hat der Patient eine Form von Beta-Thalassämie, die vor allem in Südostasien vorkommt. Da sich kein Stammzellspender für ihn finden ließ, stimmte er der Gentherapie zu.

Die Beta-Thalassämie kann je nach Gendefekt unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Ihr zugrunde liegen Genmutationen, die Störungen bei der Herstellung von Teilen des Hämoglobins hervorrufen und zur Anämie führen. Die Erkrankung kommt oft vor und betrifft unter anderem Menschen in Ländern des Mittelmeerraumes und Afrika. Typisch sind außer der Anämie eine vergrößerte Milz und Leber. Durch die vielen erforderlichen Bluttransfusionen entsteht ein Eisenüberschuss, der die Organe schädigen kann.

Bei schweren Formen der Beta-Thalassämie müssen Patienten lebenslang regelmäßige Transfusionen erhalten, es sei denn, sie finden einen geeigneten Spender für eine Transplantation von Blutstammzellen aus dem Knochenmark.

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