Ärzte Zeitung online, 10.12.2010

Intima-Media-Dicke: Zweifel am Nutzen als Surrogatmarker

Lässt sich auf Basis einer Abnahme der Intima-Media-Dicke in der Gefäßwand der Karotis-Arterie (CIMT) auch eine Abnahme von kardiovaskulären Ereignissen in der Zukunft voraussagen? Nein, sagen die Autoren einer neuen Metaanalyse. Das erschüttert den Status der CIMT als Surrogatendpunkt in Studien.

Von Peter Overbeck

Intima-Media-Dicke: Zweifel am Nutzen als Surrogatmarker

Messung der Intima-Media-Dicke: Als Surrogatendpunkt in Studien ungeeignet, sagen italienische Forscher.

© sbra

NEAPEL. Klinische Studien zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen erfordern in der Regel Tausende Teilnehmer und sind entsprechend teuer. Einfach zu messende Surrogatparameter, die "stellvertretend" für klinische Ereignisse Auskunft über die Wirksamkeit einer Therapie geben können, sind deshalb in der Forschung sehr willkommen.

Die mit hochauflösendem Ultraschall gut darstellbare Intima-Media-Dicke in der Gefäßwand der A. carotis communis ist ein solcher Surrogatparameter. Die Dicke des Intima-Media-Komplexes gilt als repräsentatives Maß für die frühe Gefäßatherosklerose nicht nur in den hirnversorgenden Arterien, sondern auch in anderen Gefäßabschnitten wie der koronaren Zirkulation.

In epidemiologischen Studien ließen auf Basis der CIMT Voraussagen über das Risiko für künftige kardiovaskuläre Ereignisse treffen. Aufgrund dieser prädiktiven Bedeutung wurde und wird die CIMT in Studien gerne als Surrogatmarker genutzt, um daran den präventiven Nutzen etwa von Antihypertensiva oder Lipidsenkern zu demonstrieren.

Metaanalysen bestätigen die prädiktive Aussagekraft der CIMT. In einer solchen Analyse, die sich auf acht Studien stützt, ist bei insgesamt 37 197 Personen im mittleren Zeitraum von 5,5 Jahren das Auftreten von kardiovaskulären Ereignissen in Abhängigkeit von der CIMT untersucht worden war.

Ergebnis: Mit jeder Zunahme der CIMT um 0,1 mm erhöhte sich das Herzinfarktrisiko um 10 bis 15 Prozent und das Schlaganfallrisiko um 13 bis 18 Prozent. Anhand dieses Risikomarkers lassen sich demnach Personen mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko gut erkennen.

Die Ergebnisse schienen zudem für eine Eignung der CIMT als Endpunkt in Studien zu sprechen, in denen geklärt werden soll, ob Medikamente die Entwicklung der Atherosklerose verzögern oder gar rückgängig machen - was dann, so die Erwartung, in eine Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen münden sollte. Diese Eignung wird allerdings jetzt durch Ergebnisse einer neuen Metaanalyse in Zweifel gezogen.

Diese Metaanalyse sollte zur Klärung der Frage dienen, ob aus einer Abnahme der CIMT etwa unter einer lipidsenkenden Therapie auf eine bessere Protektion gegen künftige kardiovaskuläre Ereignisse geschlossen werden kann.

Eine Arbeitsgruppe um Dr. Pierluigi Costanzo aus Neapel hat dafür aus der Literatur insgesamt 41 Studien mit rund 18 300 Patienten ausgewählt, deren Daten bei der Beantwortung der Frage hilfreich erschienen (JACC 2010; 56: 2006).

In diesen Studien, in denen die CIMT regelmäßig gemessen wurde, erhielten die Patienten zumeist eine lipidsenkende Therapie, seltener auch eine blutdrucksenkende oder eine orale antidiabetische Therapie.

Diese Therapien zeigten Wirkung: Im Vergleich zu anderen medikamentösen Therapien oder Placebo wurde die Rate koronarer Ereignisse um 18 Prozent und die der zerebrovaskulären Ereignisse um 29 Prozent reduziert. Auch mit Blick auf die Gesamtsterberate ergab sich eine Reduktion um 29 Prozent.

Aber: Die beobachtete Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen und Todesfällen stand in keiner signifikanten Beziehung zu den beobachteten Veränderungen der CIMT. Das bedeutet: CIMT-Veränderungen sind kein zuverlässiger Prädiktor für den Nutzen von Therapien, die nachweislich günstige Effekte auf das kardiovaskuläre Risikoprofil haben. Auch erscheint demnach zweifelhaft, ob die CIMT wirklich repräsentativ für den Gesundheitszustand des gesamten arteriellen Gefäßsystems und speziell der Koronararterien ist.

Ist der gute Ruf der CIMT als Surrogatparameter damit endgültig hin? Nicht unbedingt. Auch die neue Metaanalyse hat ihre Limitierungen. So ist die mittlere Beobachtungsdauer in den zugrunde gelegten Studien mit etwa 2,5 Jahren relativ kurz.

Möglich ist, dass die beobachtete Reduktion von klinischen Ereignissen in dieser kurzen Zeit auf anderen Mechanismen beruht als jenen, die bei der CIMT-Regression wirksam sind. Letztere wirken sich möglicherweise erst nach mehreren Jahren günstig auf die Inzidenz von kardiovaskulären Ereignissen aus.

Das allerdings wäre noch zu beweisen. Derzeit kann die CIMT wohl nicht als zuverlässiger "Stellvertreter" für klinische Ereignisse in Studien zur kardiovaskulären Prävention gelten.

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