Ärzte Zeitung online, 08.09.2011

Mehr KHK-Todesfälle nach Menopause? Eine Mär

BALTIMORE (ikr). Aktuelle Studiendaten widersprechen der alten Hypothese, dass nach der Menopause die KHK-Sterberate drastisch steigt und dadurch ein Niveau wie bei den Männern erreicht. Nach den neuen Daten geschieht diese Angleichung offenbar dadurch, dass die KHK-Sterberate bei Männern nach dem 45. Lebensjahr sinkt.

Starker Anstieg der KHK-Sterberate nach der Menopause ist eine Mär

Trotz Menopause: Die Zahl der Sterbefälle durch KHK steigt neuesten Studiendaten zufolge nicht an.

© Paul von Stroheim / imago

Eine Forschergruppe um Professor Dhananjay Vaidya aus Baltimore in den USA hat unter anderem die KHK-Sterberate zwischen 1950 und 2000 von drei Gruppen von Geburtsjahrgängen (1916-25, 1926-35, 1936-45) aus England, Wales und den USA ermittelt (BMJ 2011; 343: d5170).

Die Ergebnisse bringen die bisherige Annahme ins Wanken, dass bei Frauen nach der Menopause die KHK-Sterberate stark ansteigt, weil der Schutz durch die Hormone verlorengeht.

Es stellte sich heraus, dass die KHK-Sterberate bei den Männern vor dem 45. Lebensjahr um 30,3 Prozent jährlich zunimmt und danach nur noch um 5,2 Prozent pro Jahr steigt.

Bei den Frauen hingegen steigt die Zahl derjenigen, die pro Jahr an einer kardiovaskulären Erkrankung sterben, jährlich um etwa 8 Prozent. Es gibt also offenbar nicht den erwarteten starken Anstieg der KHK-Mortalität nach der Menopause.

Doch wie sind diese neuen Studienergebnisse zu erklären? Der fehlende Gipfel der KHK-Sterberate bei den Frauen deutet nach Einschätzung der Forscher darauf hin, dass es sich bei Frauen weniger um ein hormonell bedingtes Geschehen handelt, sondern um ganz normale Alterserscheinungen bei den Blutgefäßen.

Der starke Anstieg und Fall der KHK-Sterberate bei den Männer könnte nach Ansicht der Forscher an den Telomeren liegen. Telomere sind die aus repetitiver DNA und assoziierten Proteinen bestehende Enden der Chromosomen.

Telomere sind für die Stabilität von Chromosomen wesentliche Strukturelemente der DNA. Mittlerweile sei in Studien nachgewiesen, dass die Länge der Telomere bei männlichen und weiblichen Babys ähnlich ist, bei jungen Männern aber deutlich kürzer ist als bei jungen Frauen.

Und später verkürzen sich die Telomere bei Männern und Frauen wieder in etwa auf die gleiche Länge.

Aus ihren Beobachtungen schließen die Forscher, dass bei Frauen nicht erst nach der Menopause, sondern auch schon in jungen Jahren die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems im Blick behalten werden sollte.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Der jährliche Anstieg der Brustkrebs-Sterberate schwächte sich nach der Menopause deutlich ab.

Für Professor Nisha I Parikh aus Honolulu in den USA ist mit diesen neuen Studiendaten nicht belegt, dass das kardiovaskuläre Risiko bei Frauen von der hormonellen Lage völlig unabhängig ist.

Es gebe zunehmend Hinweise, dass schwangerschaftsbedingte Faktoren wie Präeklampsie, Gestationsdiabetes und Frühgeburt das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen, schreibt die Expertin in einem Editorial derselben BMJ-Ausgabe (BMJ 2011; 343: d5526).

Außerdem werde immer noch diskutiert, ob eine Hormonersatztherapie gleich zu Beginn der Menopause nicht doch Herz und Gefäße schützt.

Aufgrund der derzeitigen Datenlage wird die Hormonersatztherapie (HRT) in nationalen und internationalen Leitlinien nicht für die primäre Anwendung zum Schutz vor kardiovaskulären Erkrankungen in der Postmenopause empfohlen.

Dasselbe gilt für die Osteoporose, auch wenn die günstige Wirkung der HRT auf die Knochen hier eindeutig nachgewiesen ist. Dennoch wird auch in dieser Indikation aufgrund des erhöhten Brustkrebsrisikos und der vorhandenen Alternativen zur Zurückhaltung geraten.

Unschlagbar ist die HRT nach wie vor zur Reduktion von klimakterischen Beschwerden, allen voran die Hitzewallungen. Hier gilt es, den Nutzen der Therapie je nach Ausmaß der Beschwerden gegen die Risiken individuell abzuwägen.

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