Ärzte Zeitung, 03.12.2012

Pro und Contra

Herz-Op im Fernsehen

Novum im deutschen Fernsehen: Auf SWR bekamen Zuschauer längere Ausschnitte einer Operation am offenen Herzen zu sehen. Unsere Autoren sind darüber geteilter Meinung.

Sollen Operationen im TV gezeigt werden?

Op am offenen Herzen. Ein Foto aus der TV-Dolumentation "Skalpell bitte" des SWR.

© SWR

In der SWR-Sendung "Skalpell bitte" am 28. November waren Ausschnitte eines bereits im August aufgezeichneten Eingriffs zu sehen.

Patient war ein 60-jähriger Mann mit koronarer Mehrgefäßerkrankung, dem mehrere Bypässe gelegt wurden. Im Vordergrund stehe Aufklärung, betont der SWR.

Innerhalb der "Ärzte Zeitung" rief die TV-Doku unterschiedliche Reaktionen hervor. "Die Fernseh-Dokumentation über eine Operation am offenen Herzen im SWR war TV-Journalismus vom Feinsten", findet Christoph Fuhr.

Dem entgegnet Peter Overbeck: "Aufklärung muss mehr sein, als Staunen darüber zu erzeugen, welche "faszinierenden" Leistungen Herzchirurgen vollbringen." Das Pro und Contra:

PRO: Das geht echt ans Herz

Von Christoph Fuhr

Operation live im Fernsehen zeigen?

60 000 Bypass-Operationen gibt es jedes Jahr in Deutschland. Alles Routine, keine Zauberei? Und dann auch noch die vielen eindeutigen Studienergebnisse, Statistiken, Wahrscheinlichkeiten? Was soll da eine Aufarbeitung im Fernsehen bringen? Vorsicht! Wer so argumentiert, der unterschätzt maßlos, was tatsächlich in den Köpfen von Menschen passiert, die vor einer Bypass- oder einer anderen Herz-Operation stehen.

Wenn das eigene Herz nicht mehr richtig funktioniert und operiert werden muss, dann wird das Denken massiv von Emotionen und Ängsten bestimmt. Zugleich gewinnt der Begriff "Vertrauen" an Bedeutung - Vertrauen in die Kompetenz von Ärzten, die es - hoffentlich - richten werden. Was nützt dir dein ganzes - vermeintliches - Hintergrundwissen, wenn du weißt, dass du selbst als Patient vor einer Operation nichts, aber absolut gar nichts beeinflussen kannst?

Genau an dieser Stelle werden sie in der SWR-Dokumentation "Skalpell bitte" abgeholt - Herzpatienten, aber auch unbedarfte Zuschauer, die sich vielleicht zum allerersten Mal mit diesem Thema beschäftigt haben.

Mit Sensationslüsternheit hatte diese TV-Doku nichts zu tun. Sie war gut durchdacht, mit tollen Computeranimationen und professionellen Kommentaren. Kapieren, was auf dem Op-Tisch passiert, darum ging es.

Was für ein emotionaler Moment, wenn der Brustkorb des Patienten weit geöffnet ist und das Herz nicht mehr schlägt - vorübergehend, denn die Herz-Lungen-Maschine ist im Einsatz, damit die Herzchirurgen ihre Arbeit machen können.

Man wird darüber streiten können, ob es mit diesem TV-Format tatsächlich gelungen ist, Patienten die Angst vor einer Bypass-Op oder vor anderen Herzoperationen zu nehmen. Aber sie umfassend zu informieren, ihnen transparent zu machen, was konkret im Operationssaal passiert, das ist hervorragend gelungen.

Bleibt zu hoffen, dass die Dokumentation nicht für immer in irgendwelchen digitalen Archiven des SWR verschwindet. Fortsetzung folgt mit anderen Krankheitsbildern? Hoffentlich passiert's.

CONTRA: Mehr als nur Staunen

Von Peter Overbeck

Operation live im Fernsehen zeigen?

Peter Overbeck ist stellv. Ressortleiter im Ressort Medizin. Schreiben Sie ihm: peter.overbeck@ springer.com

Als öffentlich-rechtlicher Sender wollte der SWR seinem Bildungsauftrag nachkommen und "Aufklärung" betreiben - diesmal durch eine TV-Doku, die dem Zuschauer "extrem real" einen koronarchirurgischen Eingriff nahebringen sollte. "Sensationsgier" sei nicht das Motiv, wurde vorsorglich dementiert.

Gleichwohl nutzte Moderatorin Susanne Holst jede Gelegenheit, hingerissen die Einmaligkeit der ersten öffentlichen Darbietung einer Operation am offenen Herzen im deutschen TV zu betonen. Das Ziel sei vielmehr, "Patienten und Angehörigen die Angst vor einer Operation zu nehmen".

Das ist ein ehrenwertes Anliegen, denn Angst ist bekanntlich kein guter Ratgeber. Patienten sind aber als Mitentscheider bei der Therapie vor allem dann gefragt, wenn es um die Behandlung bei komplexer Koronarerkrankung geht. Kardiologen bieten mit der katheterbasierten Stent-Behandlung eine konkurrierende Therapiealternative an.

In ihrer Fähigkeit zur "informierten Einwilligung" werden Patienten aber nicht gestärkt, indem man ihnen als Botschaft vermittelt, dass die Bypass-Op "überraschend unblutig" sei und von bewundernswerten Präzisionskünstlern am Skalpell in "filigraner" und "faszinierender" Weise ausgeführt wird.

Was nötig ist, ist vorbehaltlose ärztliche Aufklärung über Vor- und Nachteile der chirurgischen und interventionellen KHK-Therapie - am besten gemeinsam durch einen Kardiologen und Herzchirurgen. Patienten klammern sich an die weniger invasive Kathetertherapie. Dass sie sich damit gravierende Nachteile bezüglich ihrer Lebenserwartung und Lebensqualität einhandeln können, muss ihnen klargemacht werden.

Die chirurgische Revaskularisation bewahrt bei koronarer Mehrgefäßerkrankung wesentlich mehr Patienten vor Tod und Herzinfarkt als die vordergründig schonendere Stent-Behandlung, wie Studien zweifelsfrei belegen. Von einer solchen Aufklärung war in der "Fernsehreportage, die ans Herz geht", leider nicht die Rede.

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