Ärzte Zeitung online, 21.10.2014

Im Alter

Schwaches Herz, höhere Demenzgefahr

Ein hoher Blutdruck im Alter hält geistig fit - diese überraschende Erkenntnis belegt eine Studie aus den Niederlanden. Sie zeigt: Ein niedriger Blutdruck ist ungünstig für die Hirnleistung - erst recht, wenn eine Herzinsuffizienz vorliegt.

Von Thomas Müller

Schwache Pumpe im Alter erhöht das Demenzrisiko

Im Alter ist ein höherer Blutdruck offenbar eher förderlich für den Erhalt der geistigen Fitness.

© Peter Maszlen / fotolia.com

LEIDEN. Eigentlich zählt ein hoher Blutdruck zu den wichtigsten und am besten evaluierten Risikofaktoren für eine Demenz. Im hohen Alter scheint sich dieser Zusammenhang aber plötzlich umzukehren: Dann ist ein hoher Blutdruck eher förderlich für den Erhalt der geistigen Fähigkeiten. Das lässt sich aus einer ganzen Reihe prospektiver Studien ableiten. Noch ist aber recht unklar, was genau im Alter mit dem Blutdruck passiert und welche Folgen das für das Hirn hat.

Geriater um Dr. Peter van Vliet von der Universität in Leiden haben den Verdacht, dass ein schwaches Herz die Ursache für beides ist - für den sinkenden Blutdruck und den beschleunigten kognitiven Abbau. Hinweise für ihre Hypothese fanden die Forscher nun in einer Studie mit Hochbetagten aus der Gemeinde Leiden in den Niederlanden (Neurology 2014; online 20. August).

600 Menschen ab 85 Jahren beteiligen sich

In der Gemeinde wurden Ende des vergangenen Jahrtausends rund 700 Bürger im Alter von 85 Jahren zur Teilnahme an der Studie eingeladen, knapp 600 beteiligten sich, 560 ließen sich für Tests Blut abzapfen. Die Hochbetagten wurden in den folgenden Jahren regelmäßig auf ihren Gesundheitszustand überprüft, die geistigen Fähigkeiten ermittelten die Studienärzte dabei mit dem Mini-Mental-Status-Test (MMST).

Als Marker für die Herzleistung diente NT-proBNP (N-terminal pro-brain natriuretic peptide). Hohe Werte des Markers deuten auf eine Herzinsuffizienz.

Wie sich herausstellte, hatte das Drittel der Teilnehmer mit den höchsten NT-proBNP-Werten zu Beginn der Studie einen 1,7 Punkte geringeren MMST-Wert als das Drittel mit den niedrigsten Serumkonzentrationen (24,0 versus 25,7 Punkte). Der Unterschied war auch noch nach Berücksichtigung einer Reihe von Begleitfaktoren wie Hypertonie, Rauchen, Diabetes, hoher BMI sowie bestehenden Herzerkrankungen statistisch signifikant.

 Doch nicht nur die geistige Leistung war bei hohen NT-proBNP-Werten schlechter, in den folgenden fünf Jahren bauten Teilnehmer in dieser Gruppe auch besonders schnell geistig ab. Wurden wiederum zahlreiche Begleitfaktoren berücksichtigt, ergaben sich beim geistigen Abbau jedoch keine signifikanten Unterschiede mehr.

Als Nächstes schauten sich die Studienautoren um van Vliet den systolischen Blutdruck zum Studienbeginn an und teilten die Hochbetagten in drei gleich große Gruppen ein - solche mit niedrigem (unter 147 mmHg), mittlerem (147-162 mmHg) und hohem Druck (über 162 mmHg).

90-Jährige mit höherem Blutdruck sind rüstiger

Hier zeigten diejenigen mit dem niedrigsten Blutdruck zu Beginn die schlechteste kognitive Leistung - sie erreichten einen MMST-Wert von 23 Punkten, die mit dem höchsten Druck von rund 26 Punkten. Fünf Jahre später war die Differenz noch größer: In der Gruppe mit dem niedrigsten systolischen Druck lag der der Wert noch im Schnitt bei 18 Punkten, was einer moderaten Demenz entspricht, dagegen waren die 90-Jährigen mit dem höchsten Druck mit über 23 Punkten geistig noch relativ rüstig.

Selbst wenn zahlreiche Begleitfaktoren berücksichtigt wurden, so bauten diejenigen mit niedrigem systolischem Druck im Schnitt deutlich schneller ab als die mit hohem Druck.

Weiter teilten die Studienautoren jeweils etwa die Hälfte der Teilnehmer in solche mit niedrigem und hohem systolischem Druck sowie solche mit niedrigen und hohen NT-proBNP-Werten ein. Daraus kombinierten sie vier Gruppen. Ein signifikant schnellerer Abbau zeigte sich jetzt nur noch in der Gruppe mit hohen NT-proBNP-Werten und zugleich niedrigem systolischem Blutdruck.

Diese Teilnehmer hatten zu Beginn bereits den niedrigsten MMST-Wert (22 Punkte) und bauten am schnellsten geistig ab. Mit 90 Jahren erreichten sie gerade einmal 17 Punkte. Zwischen den anderen drei Kombinationen gab es hingegen keine deutlichen Unterschiede, hier lagen die Werte im Alter von 85 Jahren zwischen 25 und 26 MMST-Punkten und im Alter von 90 Jahren zwischen 22 und 24 Punkten, wobei diejenigen mit niedrigem NT-proBNP-Wert und zugleich hohem Blutdruck tendenziell am besten abschnitten.

Insgesamt scheint also weder ein schwaches Herz alleine noch ein isolierter niedriger Blutdruck den kognitiven Abbau zu beschleunigen, sondern nur beides zusammen.

Vermehrte Ausschüttung von NT-proBNP

Wie lässt sich nun das Ergebnis am besten erklären und mit Beobachtungen in Einklang bringen, dass bei jüngeren Personen ein zu hoher und nicht ein zu niedriger systolischer Druck mit einem großen Demenzrisiko verbunden ist? Van Vliet und Mitarbeiter gehen davon aus, dass bei einer Hypertonie der höhere Druck in den Ventrikeln zur vermehrten Ausschüttung von NT-proBNP führt.

Das könnte die hohen Werte des Markers bei jüngeren Hypertonikern erklären. Eine lange andauernde Hypertonie wiederum begünstigt eine Ventrikelvergrößerung und -dysfunktion, die schließlich in einer Herzinsuffizienz mit niedrigerem Auswurfvolumen und sinkendem Blutdruck mündet.

Hinzu kommt, dass NT-proBNP diuretische und natriuretische Eigenschaften aufweist, die ebenfalls den Blutdruck senken. Die Hypertonie im mittleren Lebensalter begünstigt im hohen Alter nach dieser Theorie also eine Herzinsuffizienz mit relativ niedrigem systolischem Druck.

Beides zusammen schwächt die Hirnperfusion und beschleunigt damit den geistigen Abbau, vermuten die holländischen Geriater.

[21.10.2014, 07:47:14]
Dr. Hartwig Raeder 
Pathophysiologie
Das HZV ist ein besserer Marker für jede Form der kardial oder extrakardial bedingten Herzinsuffizienz als das BNP. Je höher der Blutdruck, desto größer das Herzzeitvolumen und damit auch die Organdurchblutung. Dieser Zusammenhang gilt für alle Organe, auch für das Gehirn. Je besser die Organperfusion, desto kleiner die Organinsuffizienz. zum Beitrag »

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