Ärzte Zeitung, 26.01.2016

Mit 20 körperlich fit

Das Herz dankt es noch mit 50

Herz-Kreislauferkankungen im Alter lassen sich womöglich vorbeugen - mit etwas Sport in jungen Jahren. Eine US-Studie sorgt für überraschende Ergebnisse.

Von Elke Oberhofer

Das Herz dankt es noch mit 50

Körperliche Fitness in jungen Jahren ist offenbar ein unabhängiger Prognosefaktor für ein gesundes Herz im fortgeschrittenen Alter.

© warrengoldswain / iStock.com

BOSTON. Lohnt es sich für die Herz-Kreislauf-Gesundheit im Alter, wenn man sich als junger Erwachsener sportlich betätigt?

Dieser Frage sind die Wissenschaftler um Dr. Ravi V. Shah vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston im Rahmen der CARDIA(Coronary Artery Risk Development in Young Adults)-Studie nachgegangen (JAMA Intern Med 2016; 176(1): 87-95).

Die prospektive Longitudinalstudie startete im März 1985. Bis Juni 1986 hatten die Forscher 5115 herzgesunde Erwachsene im Alter zwischen 18 und 30 Jahren beisammen, die bereit waren, an Fahrradergometertests teilzunehmen.

Bis Ende August 2011 konnten 4872 Teilnehmer nachbeobachtet werden; dabei kam man auf eine Follow-up-Dauer von im Mittel 26,9 Jahren.

Ergometertests

Wie Shah und Kollegen berichten, korrelierte der Grad der Fitness in jungen Jahren eindeutig mit dem Risiko eines Herz-Kreislauf-Ereignisses und mit der Mortalität im mittleren Alter.

Wer bei den Ergometertests - vorgesehen waren bis zu neun 2-Minuten-Etappen mit ansteigendem Schweregrad - länger durchhielt, hatte eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, später einen (tödlichen oder nicht tödlichen) Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, einen atherosklerotischen Befund zu erhalten oder wegen eines kardiovaskulären Problems wie Angina pectoris oder Herzinsuffizienz ins Krankenhaus zu kommen.

Mit jeder Minute, die die Teilnehmer zusätzlich strampelten, sank das langfristige Risiko für solch ein kardiovaskuläres Ereignis um 12 Prozent. Die spätere Gesamtsterblichkeit sank mit jeder Minute um 15 Prozent.

In beiden Berechnungen hatte man Einflussgrößen wie Alter, Geschlecht, Übergewicht, kardiovaskuläre Risikofaktoren und linksventrikuläre Masse berücksichtigt.

Insgesamt waren bis zum Studienende 273 Todesfälle aufgetreten, davon waren allerdings 200 nicht kardiovaskulär bedingt. 193 Teilnehmer hatten ein kardiovaskuläres Ereignis erlitten.

Auffällig war der Zusammenhang zwischen Fitnessgrad und linkem Ventrikel (LV): Wer sich auf dem Fahrradergometer besser schlug, hatte 25 Jahre später einen signifikant niedrigeren LV-Masse-Index und eine bessere linksventrikuläre Funktion im Herzecho (Global Longitudinal Strain).

Kein Schutz vor Koronarkalk

Für die Wissenschaftler ist vor allem ein Ergebnis überraschend: So hatte die Fitness offenbar keinen Einfluss auf die Verkalkung der Koronararterien.

Nach 25 Jahren war bei 28,3 Prozent der Teilnehmer im CT Koronarkalk sichtbar. Die Schutzwirkung hatte, so die Autoren, offenbar nichts mit der Vermeidung von Atherosklerose in den Herzkranzgefäßen zu tun.

Eine Subgruppe von 2472 Teilnehmern hatten die Forscher nach sieben Jahren noch einmal aufs Fahrrad gebeten. Deutlich verbessert hatten sich in dieser Zeit nur wenige.

So konnten sich nur 12,5 Prozent um mindestens eine Minute steigern. Im Mittel schafften die Probanden im Belastungstest eine Minute weniger als bei dem letzten Check.

Diese Verschlechterung machte sich viele Jahre später deutlich bemerkbar: So stieg mit jeder verlorenen Minute die spätere Gesamtsterblichkeit um 21 Prozent. Die kardiovaskuläre Ereignisrate nahm für jede Minute um 20 Prozent zu.

Laut Shah und Kollegen ist der Fitnessgrad bei jungen Erwachsenen als unabhängiger Prognosefaktor zu werten, der Hinweise auf spätere subklinische Remodelling-Vorgänge am Herzmuskel geben kann. Möglicherweise habe man hier ein Instrument an der Hand, mit dem sich myokardialer Dysfunktion und Herzinsuffizienz vorbeugen lässt.

Die Forscher fordern nun, bereits bei jungen Erwachsenen den Trainingszustand zu ermitteln und die körperliche Fitness zu fördern; so könne man im frühesten Stadium der Pathogenese eingreifen und damit langfristige Schäden am Herz-Kreislauf-System vermeiden.

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