Ärzte Zeitung online, 14.03.2016

Alkohol und Gesundheit

Einen aufs Herz!

Direkt nach einem Bier oder einem Glas Wein steigt offenbar das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Auf Sicht von einem Tag bis zu einer Woche sieht es jedoch anders aus.

Von Thomas Müller

Einen aufs Herz!

Steigt oder sinkt das Risiko für einen Herz- oder einen Schlaganfall nach einem Glas Alkohol?

© dpa

BOSTON. An Studien zu den kardiovaskulären Auswirkungen von Alkohol gibt es wahrlich kein Mangel, und die Tatsache, dass täglich neue publiziert werden, spricht dafür, dass vieles noch nicht klar und wohl auch nicht zu klären ist.

Die Mehrzahl der Untersuchungen deutet jedoch grob auf einen U-Kurven-Effekt: Bei leichtem Alkoholgenuss scheinen die positiven Effekte auf Herz und Gefäße zu überwiegen, bei moderatem ergibt sich kein Einfluss und chronisches Saufen steigert deutlich das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko.

Ob ein relativ niedriger Konsum tatsächlich protektiv wirkt, ist jedoch umstritten, da sich der Alkoholkonsum nur schwer von anderen Lebensstilfaktoren trennen lässt.

Bei solchen Betrachtungen geht es in der Regel um Langzeiteffekte. In einer aktuellen Metaanalyse von Harvard-Forschern um Dr. Elizabeth Mostofsky (Circulation 2016, online 5. März) standen jedoch die unmittelbaren Wirkungen von ethanolhaltigen Getränken im Mittelpunkt.

So steigt direkt nach dem Alkoholgenuss die Pulsfrequenz und es kommt in den Gefäßen zu elektromechanischen Veränderungen, die das Infarktrisiko erhöhen könnten.

Später treten jedoch Vasodilatation und günstige Effekte auf die Endothelfunktion in den Vordergrund, schreiben Mostofsky und Mitarbeiter.

Über 20.000 Ereignisse ausgewertet

Die Wissenschaftler aus Boston interessierten sich konkret für die Herzinfarkt- und Schlaganfallhäufigkeit in den ersten Stunden bis Tagen nach dem Alkoholgenuss.

Sie fanden 23 Studien, die Rückschlüsse zu dieser Frage zuließen. Daran hatten knapp 30.000 Personen teilgenommen. 16 Arbeiten waren Fall-Kontroll-Untersuchungen, die übrigen Fall-Cross-over-Studien.

Das Team um Mostofsky konnte dabei Angaben zu knapp 18.000 Herzinfarkten, 2600 ischämischen und 1300 hämorrhagischen Schlaganfällen auswerten.

Knapp die Hälfte der Studien stammte aus Europa. Sämtliche Teilnehmer - oder im Todesfall deren Angehörige - waren vom jeweiligen Studienpersonal entweder persönlich oder per Fragebogen zum Alkoholkonsum konsultiert worden, auch im zeitlichen Zusammenhang mit einem kardiovaskulären Ereignis.

Dreifach erhöht innerhalb von zwei Stunden?

In einer der Studien ergab sich eine dreifach erhöhte Rate für einen plötzlichen Herztod innerhalb von zwei Stunden nach Alkoholkonsum. In einer anderen Studie war die Herzinfarktrate in der ersten Stunde nach dem Alkoholkonsum um rund 70% erhöht, die für einen ischämischen Schlaganfall um 130%.

In den folgenden Stunden nach einem Drink oder einem Trinkgelage scheint das Risiko für vaskuläre Ereignisse aber zu sinken. Für die ersten 24 Stunden ist das Herzinfarktrisiko im Vergleich zur Abstinenz nach den Daten von fünf Studien um rund 20% reduziert, für Schlaganfälle konnten die Forscher um Mostofsky für diesen Zeitraum keine signifikante Risikoreduktion ermitteln.

Für Zeiträume bis zu einer Woche nach dem Alkoholgenuss ergab sich aus tendenziell ein erniedrigtes Risiko für ischämische Schlaganfälle (minus 20%) aber ein signifikant erhöhtes für hämorrhagische Infarkte (plus 230%).

Moderater Konsum protektiv?

Wurden diese Effekte nun nach der Alkoholdosis stratifiziert, dann offenbarten sich auch hier die bekannten U-Kurven. So scheint am Tag nach dem Alkoholgenuss das Herzinfarktrisiko am geringsten zu sein, wenn zuvor 30-40 Gramm Alkohol getrunken wurden, was 0,7-1 Liter Bier entspricht.

Glaubt man diesen Berechnungen, dann könnten zwei Bier am Abend das Herzinfarktrisiko am Folgetag im Vergleich zur Abstinenz um etwa ein Drittel senken. Ein ähnlicher Zusammenhang ergibt sich für den hämorrhagischen Infarkt für einen Bereich von 30-50 Gramm, nicht jedoch für den ischämischen.

Auf Wochenbasis ist es genau umgekehrt, hier konnten die Forscher für 70-130 Gramm Alkohol (ein halbes bis ganzes Bier täglich) das niedrigste Risiko für einen ischämischen Schlaganfall feststellen, dagegen steigt das Wochenrisiko für einen hämorrhagischen Infarkt mit der Dosis linear an.

Erst wenn mehr als 70 Gramm Alkohol an einem Abend getrunken werden (knapp viermal 0,5 l Bier), ist das Risiko für einen Herzinfarkt oder hämorrhagischen Infarkt in den folgenden 24 Stunden höher als bei Alkoholverzicht, auf Wochenbasis liegt das Limit bei rund 200 Gramm (10 Bier) für ein erhöhtes ischämisches Schlaganfallrisiko.

Vorsicht mit kausalen Aussagen

Nach diesen Daten mag es zwar für die Leber nicht besonders gesund sein, sich täglich einen Liter Bier einzuflößen, dem Herz und den Gefäßen scheint es hingegen nicht zu schaden.

Bleibt es beim moderaten Genuss von nur einer Flasche Bier am Abend, könnte dies sogar das kurzfristige kardiovaskuläre Risiko senken.

Allerdings sollte man mit kausalen Aussagen sehr vorsichtig sein. Die Resultate beruhen ausschließlich auf Befragungen, und die sind beim Thema Alkohol erwiesenermaßen sehr unzuverlässig.

Zudem ergibt sich auch hier wiederum nur ein Zusammenhang, und es ist nicht klar, ob eine geringe Alkoholmenge tatsächlich das kardiovaskuläre Risiko senkt oder ob der moderate Genuss von Alkoholika nicht einfach nur ein Marker für einen herzgesunden Lebensstil darstellt.

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[14.03.2016, 15:23:57]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Akute kardiovaskuläre Ereignisse - Alkoholmissbrauch schlecht und Alkoholgenuss gut?
Die Schlussfolgerungen von "Alcohol and Immediate Risk of Cardiovascular Events - A Systematic Review and Dose–Response Meta-Analysis" von Elizabeth Mostofsky et al. lesen sich ziemlich mager: "Conclusions — There appears to be a consistent finding of an immediately higher cardiovascular risk following any alcohol consumption, but, by 24 hours, only heavy alcohol intake conferred continued risk." doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.115.019743

Diese umfangreiche "Meta-Analyse" ergibt mit anderen Worten: Wer bereits mit der Alkohol-Flasche in der Hand sein kardiovaskuläres Risiko kontinuierlich erhöht und auch noch einen Herzinfarkt erleidet, ist viel häufiger ein "potator mirabilis" als Zeitgenossen, die den Wahlspruch beherzigen, "(only) one drink a day keeps the doctor away". Völlige Abstinenz bringt keinen Vorteil.

Wer schlicht und ergreifend retrospektiv Patienten mit akutem Koronarsyndrom (ACS) befragt, wird automatisch mehr "Pegel"-trinkende Alkoholiker detektieren, die kurz zuvor noch Alkohol konsumiert hatten. Dies konnte diese Meta-Analyse gar nicht erfassen und führt deshalb mit waghalsigen Schlussfolgerungen in die Irre.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzloer, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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