Ärzte Zeitung online, 19.10.2016

Sahne stört Sehvermögen

Das alles können Ärzte mit High-Tech-Kameras im Auge beobachten

Nirgends können Ärzte kleine Gefäße so gut beobachten wie im Auge. Das lässt sich zur Diagnose vaskulärer Störungen nutzen – und für aufschlussreiche Experimente: zum Beispiel mit Sahne oder Eiswasser.

Von Thomas Müller

Was Ärzte mit High-Tech-Kameras im Auge beobachten

Detailverliebt: Mit neuesten Kameras können Ärzte auch feinste Gefäßveränderungen im Auge sehen.

© Digital Vision / thinkstock.com

MANNHEIM. Trinken junge, gesunde Probanden 300 Milliliter Sahne, beeinträchtigt dies über Stunden hinweg die Endothelfunktion der retinalen Gefäße: Die neurovaskuläre Kopplung entfällt, auf Flackerlicht reagieren die Arteriolen praktisch nicht mehr.

Normalerweise dehnen sich die Gefäße schnell und deutlich aus – die gesteigerte Lichtverarbeitung erfordert eine erhöhte Durchblutung. Nach dem Ende des Reizes kommt es zu einer überschießenden Konstriktion, um die Durchblutung wieder zu senken.

All das entfällt, wenn das Blut zu viel Lipide enthält. "Essen Sie das nächste Mal ein Stück Torte, lassen Sie die Sahne besser weg, denn das Auge reagiert sehr empfindlich auf Fett", sagte Professor Tjalf Ziemssen auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Mannheim.

Prüfung mit einer Art Stroboskop

Der Neurologe vom Zentrum für klinische Neurowissenschaften an der Universität Dresden erläuterte an diesem Beispiel, welche Möglichkeiten die retinale Gefäßanalyse nicht nur bei neurologischen, sondern auch internistischen Krankheiten bietet. So können Ärzte damit mikrovaskuläre Störungen und Schäden im Auge besonders gut erkennen und auch den Therapieverlauf überprüfen.

Für das Verfahren stehen heute hochauflösende Funduskameras zur Verfügung, mit denen sich der Gefäßdurchmesser bis auf die einzelne Endothelzelle bestimmen lässt.

Kamera erkennt, ob Schlaganfall mikro- oder makrovaskulär ausgelöst ist

Sie ermöglichen es, in Echtzeit Veränderungen beim Durchmesser zu beobachten und den funktionellen Status der Mikrogefäße zu beurteilen. So lässt sich etwa erkennen, ob ein Schlaganfall mikro- oder makrovaskulär bedingt ist – für die Sekundärprävention ein wichtiger Unterschied.

Die Prüfung der neurovaskulären Kopplung mit einer Art Stroboskop ist auch bei Diabetikern im frühen Krankheitsstadium oder bei Hypertonikern interessant: Hier reagieren die Gefäße ebenfalls nicht adäquat.

Werden die Patienten jedoch gut eingestellt, ist oft wieder eine normale Reaktion zu beobachten. Ähnliches fällt bei Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie nach einer Apherese auf. "Wir sehen hier funktionelle Veränderungen, aber noch keinen strukturellen Schaden", erläuterte Ziemssen.

Charakteristische Reaktionen auf Flackerlicht sind auch bei Morbus Fabry zu sehen: Hier wird eine verstärkte Dilatation bemerkt. Ursache ist wohl eine Schädigung durch Ablagerungen des Stoffwechselprodukts Globotriaosylceramid im Endothel.

Andere Tests setzen auf Änderungen des Blutdrucks, etwa der "Handgrip-Test" mit einem Handdynamometer oder der Eiswassertest, bei dem ein Arm in Eiswasser getaucht wird. Normalerweise verengen sich dabei die retinalen Arteriolen, um einen Druckanstieg zu verhindern. Bei Diabetikern im Frühstadium ist das oft nicht mehr der Fall.

Aufschlussreiche Gefäßgymnastik

Auch die sogenannte "Gefäßgymnastik" ist dann häufig gestört. Die Patienten müssen dazu im Fünfsekundenrhythmus ein- und ausatmen. Im Idealfall oszillieren dabei auch die retinalen Gefäßdurchmesser, weil sich die Gefäße aufgrund der Blutdruckschwankungen ausdehnen und wieder zusammenziehen. Das ist häufig bei Ablagerungen in den Gefäßen nicht der Fall, so Ziemssen.

Mit solchen Tests haben die Dresdener Forscher auch Schlaganfallpatienten untersucht. Lag die Ursache für den Insult in einer Mikroangiopathie, war die Gefäßdilatation deutlich gestört, weniger jedoch bei einer Makroangiopathie.

Patienten mit einem kardioembolisch bedingten Verschluss von Hirngefäßen zeigten dagegen eine ganz normale Reaktion. Solche Tests könnten also helfen, die Ursachen eines Schlaganfalls besser zu ermitteln.

Ziemssen wies darauf hin, dass die retinalen Gefäße sehr stark den Hirngefäßen ähnelten. Ihre Untersuchung sollte daher auch in der Neurologie einen höheren Stellenwert erhalten.

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