Forschung und Praxis, 06.05.2005

Moderne Blutdrucksenker stellen Oldies in den Schatten

ASCOT-Studie belegt Überlegenheit in der Prävention kardiovaskulärer Ereignisse

Die Bekanntgabe der ASCOT-Ergebnisse trägt dramaturgische Handschrift. Anfang Dezember 2004 die Ouvertüre mit einem Paukenschlag: Die Studienleiter geben den vorzeitigen Abbruch der ASCOT-Studie aufgrund der signifikanten Überlegenheit eines Amlodipin / Perindopril-Regimes im Vergleich zur Kombination zweier älterer Antihypertensiva bekannt. Beim ACC-Kongreß nun das Vorspiel mit Präsentation "vorläufiger" Daten zur relativen Risikoreduktion durch die überlegene Kombination. Anfang September soll das große Finale beim Europäischen Kardiologenkongreß in Stockholm mit der Vorstellung der endgültigen Ergebnisse folgen.

Peter Overbeck

Professor Peter
Sever: Nach ASCOT wird über die
Zukunft der Betablocker in der Hochdrucktherapie nachzudenken sein.
Foto: HR

Trotz Kennzeichung der in Orlando vorgestellten Daten als "vorläufig" ist wohl nicht damit zu rechnen, daß es bei den im Sommer zu erwartenden endgültigen Ergebnissen noch überraschende Wendungen geben wird. Denn immerhin haben es die ASCOT-Forscher bereits geschafft, 95 Prozent ihres umfangreichen Datenmaterials auszuwerten.

Was auf Basis dieser noch nicht ganz vollständigen Daten präsentiert wurde, ist überraschend genug. Eigentlich hatte sich die Fachwelt nach einer Serie vorangegangener Vergleiche von neueren mit älteren Blutdrucksenkern schon darauf eingerichtet, daß große Unterschiede wohl nicht zu erwarten sind.

Denn nahezu alle Vergleichsstudien kamen zum identischen Ergebnis: Daß sich nämlich - gleiche Blutdrucksenkung vorausgesetzt - die verfügbaren Antihypertensiva in der Reduktion von Mortalität und Morbidität bei Hypertonikern mehr oder weniger ebenbürtig sind.

Aus dem Rahmen fiel allerdings die LIFE-Studie, in der das Sartan Losartan dem Betablocker Atenolol - bei gleicher Blutdrucksenkung - vor allem in der Prävention des Schlaganfalls signifikant überlegen war.

Amlodipin / Perindopril senken Gesamtmortalität signifikant

Noch mehr machen die aktuellen Ergebnisse des Blutdrucksenker-Arms der ASCOT-Studie Schluß mit dem Gewohnten. Daß in der Vergangenheit schon mal ein Studienarm aufgrund vermeintlicher Unterlegenheit eines Antihypertensivums ein - nicht von allen Experten akzeptiertes - vorzeitiges Ende gefunden hat, zeigt das Beispiel Doxazosin in der ALLHAT-Studie.

Daß jedoch - wie im Falle von ASCOT - gleich eine ganze Studie aufgrund signifikanter Unterschiede in harten Endpunkten zwischen Blutdrucksenker-Regimen vor dem geplanten Ende gestoppt wird, ist ein Novum.

Zur Empfehlung, ASCOT vorzeitig abzubrechen, ist ein über den Studienablauf wachendes unabhängiges Expertengremium nach einer Zwischenanalyse der Gesamtsterberate gelangt, berichtete Studienleiter Professor Peter Sever aus London. Zu diesem Zeitpunkt war die Gesamtmortalität in der Gruppe der Hypertoniker mit Amlodipin-gestützter Therapie (zumeist kombiniert mit Perindopril) signifikant um 14 Prozent niedriger als in der Gruppe mit Atenolol-basierter Therapie (plus Thiaziddiuretikum bei der Mehrzahl der Patienten).

Für KHK-bedingte Todesfälle und nicht tödliche Myokardinfarkte (primärer kombinierter Endpunkt) betrug der Unterschied zugunsten der modernen Kombination zehn Prozent, was allerdings nicht signifikant war. Sever führt dies darauf zurück, daß die infolge des vorzeitigen Stops verringerte Gesamtzahl klinischer Ereignisse statistisch keine ausreichende Basis für den Signifikanz-Nachweis geboten habe.

Auch dann, wenn alle Koronarereignisse - zusätzlich zu Koronartod und Herzinfarkt noch Angina pectoris und Herzinsuffizienz - kombiniert analysiert wurden, war das Amlodipin / Perindopril-Gespann klar im Vorteil: die Risikoreduktion im Vergleich zur Betablocker / Thiazid-Therapie betrug für diese Endpunkt-Kombination 14 Prozent und war ebenfalls signifikant. Schließlich die zerebrovaskulären Ereignisse: Auch die Rate tödlicher und nicht tödlicher Schlaganfälle wurde durch Amlodipin / Perindopril signifikant um 23 Prozent stärker gesenkt als durch die beiden älteren Antihypertensiva.

Zwar war die Blutdrucksenkung in der Amlodipin/Perindopril-Gruppe etwas stärker als in der Vergleichsgruppe - als Erklärung für die besseren klinischen Ergebnisse reicht dieser Unterschied aber nicht aus, betonte Sever.

Inzidenz von neu aufgetretenem Diabetes um ein Drittel niedriger

In der Amlodipin / Perindopril-Gruppe war zudem das Diabetes-Risiko signifikant um 32 Prozent niedriger als in der Vergleichsgruppe.

An ASCOT waren 19 257 Hypertoniker mit mindestens drei weiteren kardiovaskulären Risikofaktoren beteiligt. Sie wurden randomisiert zwei Behandlungsgruppen zugeteilt. Die Basis bildeten der Kalziumantagonist Amlodipin (5 / 10 mg / Tag) oder der Betablocker Atenolol (50 / 100 mg / Tag). Zur Erreichung des Zielblutdrucks konnte Amlodipin mit dem ACE-Hemmer Perindopril (4 / 8 mg / Tag) und Atenolol mit dem Thiaziddiuretikum Bendroflumethiazid (1,25 / 2,5 mg) kombiniert werden.

Primärer Endpunkt war eine Kombination der Ereignisse Tod infolge KHK und nicht tödlicher Myokardinfarkt. Zum Zeitpunkt des vorzeitigen Studienabbruchs betrug die Beobachtungsdauer im Schnitt 5,4 Jahre.

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