Ärzte Zeitung, 15.05.2009

Welt-Hypertonie-Tag: "Versalzen Sie nicht Ihre Gesundheit"

Der Welt-Hypertonie-Tag am 17. Mai steht unter dem Motto "Versalzen Sie nicht Ihre Gesundheit". Aktuelle Forschungsergebnisse werfen jetzt ein neues Licht auf den Zusammenhang zwischen Salz und Blutdruck. Salz, so scheint es, geht unter die Haut.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Stopp! Auch ohne Salz schmecken die Tomaten gut - und das ist auch gesünder für Herz, Hirn und Nieren.

Foto: ill

Kochsalz war über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte Mangelware. Es war nicht nur eines der teuersten Güter auf den internationalen Handelsrouten des Mittelalters. Es war auch schon in der Frühzeit der Entwicklung des Lebens so kostbar, dass die Evolution eigene Mechanismen hervorgebracht hat, mit denen das für die Aufrechterhaltung der Homöostase unverzichtbare Natriumchlorid im Körper der Lebewesen zurück gehalten wird.

Ein Gramm Kochsalz täglich hat früher gereicht

Das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System dient neben anderen Funktionen genau dazu: Es hält Natrium zurück und schmeißt Kalium aus dem Körper raus. Nur ein Gramm Kochsalz, dafür aber 5 bis 10 Gramm Kalium, nehmen Jäger- und Sammler-Kulturen pro Tag auf, wie die INTERSALT-Studie in den 1980er Jahren gezeigt hat. Die Hypertonie-Prävalenz in den dort untersuchten Indianerkulturen war minimal, und der durchschnittliche Blutdruck stieg im Alter nicht.

Mit der Entwicklung der Zivilisation änderte sich die Salzversorgung. Rund neun Gramm Kochsalz (150 mmol Natrium) nimmt ein Durchschnittsbürger der Industrienationen heute pro Tag zu sich. Dazu kommen zirka drei Gramm Kalium. "Der Mensch ist heute das einzige frei lebende Landsäugetier, das mit der Ernährung mehr Natrium als Kalium zu sich nimmt", bringt es der Evolutionsmediziner Boyd Eaton aus den USA auf den Punkt.

Das hat Konsequenzen: Natriumchlorid ist das Salz des Extrazellularraums. Kaliumchlorid dominiert in den Zellen. Eine vermehrte Natriumaufnahme führt zu einer Ausdehnung des extrazellularen Volumens. Dass dieser Prozess klinisch mit Bluthochdruck einhergeht, besagt das so genannte Zwei-Kompartimente-Modell der Hypertonie.

Verhältnis von Natrium und Kalium hat sich umgekehrt.

Salzrestriktion senkt demzufolge den Blutdruck, und entsprechend empfehlen die relevanten Fachgesellschaften durchweg eine Verringerung der Salzzufuhr als wichtige nicht-medikamentöse Therapiemaßnahme bei arterieller Hypertonie. Wer seine Salzzufuhr auf unter 6 Gramm pro Tag bringt, der könne mit einer Absenkung des systolischen Blutdrucks um 4 bis 6 mmHg rechnen, sagt etwa die Deutsche Hochdruckliga in ihrer aktuellen Leitlinie. Trotz dieser Daten bleibt die praktische Bedeutung der Salzrestriktion bei der Hypertonie kontrovers. Zum einen ist eine deutliche Salzrestriktion außerhalb kontrollierter Studien für viele Menschen schwer umsetzbar. Zum anderen sind die individuellen Unterschiede im Blutdruckverhalten bei Salzrestriktion sehr ausgeprägt. Es gibt salzsensitive und nicht salzsensitive Hypertoniepatienten.

In der Haut von Ratten Salzspeicher entdeckt

Warum ist das so? Neue Forschungsergebnisse deuten jetzt darauf hin, dass das simple Zwei-Kompartimente-Modell nicht die ganze Wahrheit beim Thema Salz und Hypertonie ist. In der Zeitschrift "Nature Medicine" berichten Wissenschaftler um Dr. Jens Titze von der Klinik für Nephrologie der Universität Erlangen und Dr. Dominik Müller vom Max Delbrück-Zentrum in Berlin von bisher nicht bekannten Salzspeichern in der Haut von Laborratten. "Hoher Salzkonsum führt bei diesen Tieren dazu, dass Salz in osmotisch inaktiver Form in der Haut gespeichert wird", betont Titze. Vermittelt über Makrophagen und über den Botenstoff VEGF-C kommt es in der Haut unter Salzeinfluss also zur Ausbildung eines "dritten Kompartiments", in dem Salz zwischengelagert werden kann. Der Botenstoff VEGS-C stimuliert außerdem die Bildung von Lymphgefäßen und damit den Abtransport des Salzes.

Neue medikamentöse Therapie wird denkbar

"Wenn dieser Prozess an irgendeiner Stelle gestört ist, dann bleibt das Salz in der Haut und es kann zu Bluthochdruck kommen", sagt Titze. Wie das im Einzelnen funktioniert, ist noch unklar. Dass es aber tatsächlich klinisch relevant sein könnte, zeigte sich daran, dass es bei den Tieren zu einem deutlichen Blutdruckanstieg kam, wenn der entsprechende Signalweg blockiert wurde. Die Forscher haben auch Hinweise darauf gefunden, dass beim Menschen ähnliche Prozesse ablaufen. Damit könnte sich hier ein Mechanismus andeuten, der erklären würde, warum Menschen mit arterieller Hypertonie unterschiedlich sensibel auf Kochsalzzufuhr reagieren. Auch medikamentöse Therapien, die die Salzspeicherung in der Haut beeinflussen, sind auf Basis dieser Ergebnisse zumindest denkbar.

Die Veranstaltungen in Deutschland

Rund um den Welt-Hypertonie- Tag am 17. Mai, gibt es in Deutschland viele Aufklärungs- und Fortbildungsveranstaltungen. In Apotheken finden Blutdruck-Messaktionen statt. Neue Erkenntnisse zur Hypertonie und Tipps für die Praxis stehen im Zentrum von ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen. Hypertensiologen klären mit Selbsthilfegruppen über Risiken des Hochdrucks und Möglichkeiten der Therapie auf. Die Deutsche Hochdruckliga bietet im Internet eine Zusammenstellung der Veranstaltungen nach Postleitzahlen sortiert und Infomaterial. (Rö)

www.hochdruckliga.de

Lesen Sie dazu auch:
Zwei Drittel weniger Salz - 6 mmHg weniger Druck

[28.05.2009, 14:23:52]
Berit Engmann 
Weniger wirklich besser?
Kann man den Vergleich von Jäger- und Sammler-Kulturen und zivilisierten Gesellschaften, bezüglich der Hypertonie-Prävalenz, ausschließlich auf den Salzkonsum reduzieren?

Mir erscheint dies etwas zu einseitig, weitere nicht unerhebliche Risikofaktoren wie Adipositas, Bewegungsmangel, höheres Lebensalter, Alkohol- und Nikotinmissbrauch fallen hier völlig aus der Betrachtung.

Auch bin ich bezüglich der anklingenden Aussage -Je weniger desto besser- irritiert, zumal der beschriebene Effekt eher mager ist. Zudem heißt es einem anderen Bericht, dass nach neuen Studien sehr niedriger Salzkonsum Nebenwirkungen in Form von erhöhten Blutzuckerwerten, verstärkter Ausschüttung von Stresshormonen und bei Herzpatienten sogar einer verringerten Lebenserwartung haben kann.

Für mich als Diätassistentin stellt sich also die Frage „Was soll ich den Patienten raten“?

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