Ärzte Zeitung online, 01.12.2010

Krebs durch Sartane? Neue Metaanalyse gibt Entwarnung

NEW YORK (ob). Machen Blutdrucksenker Krebs? Nein, sagen jetzt die Autoren einer großen Metaanalyse von 70 klinischen Studien. Nach ihren Ergebnissen geht von keinem der zur antihypertensiven Therapie genutzten Einzelwirkstoffe ein erhöhtes Krebsrisiko aus.

Krebs durch Sartane? Neue Metaanalyse gibt Entwarnung

Blutdrucksenker wurden gründlich unter die Lupe genommen. Ergebnis: Keiner der Einzelwirkstoffe erhöht das Krebsrisiko.

© Schlierner / fotolia.com

Im Sommer 2010 schlugen die Wellen hoch. Eine US-Forschergruppe um Dr. Ilke Sihapi aus Cleveland sorgte mit ihrer Metaanalyse, die ein erhöhtes Krebsrisiko durch AT1-Rezeptorblocker (Sartane) nahelegte, für kontroverse Diskussionen unter den Experten. Diese Analyse kam zu dem Ergebnis, dass die Behandlung mit Sartanen im Vergleich zu anderen Blutdrucksenkern mit einem leicht, aber statistisch signifikant erhöhten Risiko für neu aufgetretene Krebserkrankungen assoziiert war (7,2 Prozent versus 6,0 Prozent). Eine erhöhte Mortalität infolge Krebserkrankungen wurde nicht festegestellt.

Der Löwenanteil der zugrunde liegenden Daten stammte aus klinischen Studien mit Telmisartan. Der Hersteller von Telmisartan wies damals in einer Stellungnahme darauf hin, dass eine erhöhte Krebsinzidenz in der ONTARGET-Studie primär unter der Telmisartan-Ramipril-Kombination, nicht aber unter der Telmisartan-Monotherapie beobachtet worden war. Von der Kombination könne nicht auf die Einzelsubstanz geschlossen werden.

Kritiker monierten zahlreiche methodische Schwachpunkte der Metaanalyse. Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ) schloss sich in einer Stellungnahme vom 2. August 2010 dieser Kritik an. Sie verwies zudem auf die mangelnde biologische Plausibilität einer prokanzerogenen Wirkung von AT1-Rezeptorblockern hin, räumte aber auch ein, dass die Datenlage noch unzureichend sei. Das BfArM hielt an einer positiven Bewertung des Nutzen/Risiko-Verhältnisses der Sartane fest.

Jetzt legt eine Arbeitsgruppe um Dr. Sripal Bangalore aus New York eine wesentlich umfassendere Metaanalyse zur Frage des Krebsrisikos durch Antihypertensiva vor (Lancet Oncology). Ihre Ergebnisse stehen, was die Sartane betrifft, in Widerspruch zur vorangegangenen Analyse Sihapis.

Bangalore und seine Mitarbeiter haben für ihre Metaanalyse Daten aus 70 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 324 168 Teilnehmern herangezogen. Dabei benutzten sie drei unterschiedliche Analysemethoden, was die Ergebnisse nach Einschätzung der Gruppe "robuster" macht.

Mit keiner der drei Methoden konnte ein erhöhtes Krebsrisiko bei irgendeiner der heute gebräuchlichen Wirkstoffklassen (Sartane, ACE-Hemmer, Betablocker, Kalziumantagonisten, Diuretika und andere Antihypertensiva) festgestellt werden.

Keine Entwarnung können die Forscher allerdings mit Blick auf die zuvor schon aufgefallene Sartan/ACE-Hemmer-Kombination geben. Auch die Ergebnisse der neuen Metaanalyse sprechen für die Möglichkeit eines erhöhten Krebsrisikos unter dieser Kombination. Hier seien, so die Autoren, weitere Untersuchungen nötig. Allerdings wird gerade diese Kombination zumindest für die antihypertensive Behandlung heute nicht mehr empfohlen.

[01.12.2010, 17:56:58]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Es ist gut, daß Unbekanntes unbekannt bleibe, als dass die Geheimnisse vermehrt werden." (B. Brecht)
Man kann es manchmal nicht mehr hören! Kein einziges Medikament, das nicht einem virtuellen oder realen Verdacht anheimfällt, selbst Krebs auszulösen.

Dabei ist es ein ewiges Paradigma, dass mit der Länge der klinischen Studiendauer die Morbidität und die Mortalität in den (beiden) Beobachtungsgruppen ansteigt. Die Krebs- (und auch Herz- Kreislauf-) Mortalität steigt proportional zur Studiendauer an. Und dagegen ist kein Kraut gewachsen.

Wenn also evident ist, dass alle Teinehmer klinischer Studien (wie wir selbst auch) einmal sterben müssen, helfen nur langfristige Follow-Ups, um Divergenzen abzuklären und tatsächliche iatrogene Morbiditäts- und Mortalitätsauslösungen zu dedektieren. Retrospektive Studien würden da helfen, auch wenn ihr Studiendesign unmodern erscheint.

Aber bitte nicht mit der lapidaren Aussage, die allgemeine Herz-/ Kreislaufmortalität sei schlußendlich erhöht. Woran sonst sollen die Menschen altersentsprechend sterben, wenn nicht die Obduktion etwas anderes besagt. Also, Obduktionsrate massiv erhöhen, amtlichen leichenbeschauenden Facharzt einführen. Das "Coroner"-System in den USA ist dafür ausnahmsweise mal Vorbild.

Und nach Bertold Brecht ("Geschichten vom Herrn K."):

"Es ist gut, daß Unbekanntes unbekannt bleibe,
als daß die Geheimnisse vermehrt werden." zum Beitrag »

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