Ärzte Zeitung online, 26.01.2011

HCT zur Blutdrucksenkung: als First-Line-Therapie ein Schwächling

Das Diuretikum Hydrochlorothiazid (HCT) ist als First-Line-Therapie zur Blutdrucksenkung eine schlechte Wahl. Diesen Schluss ziehen jetzt Hypertonie-Experten aus den Ergebnissen einer neuen Metaanalyse.

Hydrochlorothiazid zur Blutdrucksenkung: als First-Line ein Schwächling

Bluthochdrucktherapie: HCT schneidet in einer jüngst vorgelegten Metaanalyse schwach ab.

© Stephan Morrosch / fotolia.com

NEW YORK (ob). Mit welchem Blutdrucksenker sollte eine antihypertensive Therapie bei Patienten mit erhöhtem Blutdruck begonnen werden? Die Leitlinien dies- und jenseits des großen Teichs geben dazu unterschiedliche Empfehlungen.

Während in Europa Gleichrangigkeit der Antihypertensiva-Klassen herrscht und keine besondere Präferenz ausgesprochen wird, favorisieren die US-Leitlinien (JNC-7) klar Thiaziddiuretika als First-Line-Option.

Zumindest mit Blick auf HCT erscheint diese US-Empfehlung vor dem Hintergrund einer neuen Metaanalyse nicht ganz nachvollziehbar.

Denn sie kommt zu dem Ergebnis, dass HCT in den heute üblichen Dosierungen (12,5 - 25 mg/Tag) in puncto Blutdrucksenkung als First-Line-Therapie allen anderen Antihypertensiva unterlegen ist.

Die Arbeitsgruppe um Professor Franz Messerli aus New York hat für ihre Analyse Daten aus 14 Studien mit insgesamt 1234 Hypertonikern herangezogen. In allen Studien ist die Wirksamkeit der getesteten Antihypertensiva mittels ambulanter 24-Stunden-Blutdruckmessung überprüft worden (J Am Coll Cardiol, 2011; 57:590-600).

Für HCT ergaben diese Messungen nur eine, so die Autoren, "magere" Blutdrucksenkung um 6,5/4,5 mmHg. Im Vergleich zu allen Vertretern anderer Wirkstoffklassen erwies sich das Thiazid damit als "signifikant unterlegen".

Die Zeitkurve der Wirkung zeigte, dass HCT am Tag ähnlich wirksam war wie andere Antihypertensiva, dagegen während der Nacht und in den frühen Morgenstunden weniger effizient den Blutdruck senkte.

In Studien, in denen HCT in der höheren 50-mg-Dosierung verabreicht wurde, entsprach die Wirksamkeit der von anderen Blutdrucksenkern - bei allerdings deutlicher Zunahme von Nebenwirkungen wie Hypokaliämie oder Insulinresistenz im Vergleich zu niedrigeren Dosen.

Wenig ergiebig war zudem die Suche der Forscher nach Studien zum Einfluss von HCT in den heute genutzten Dosierungen auf Morbidität und Mortalität.

Der Mangel an Daten zur prognostischen Wirksamkeit in Kombination mit der geringeren Effizienz der Blutdrucksenkung lassen Messerli und seine Kollegen zu dem Schluss kommen, dass HCT keine Option mehr für die initiale Therapie bei Bluthochdruck ist.

Falls es Gründe gibt, die Therapie mit einem Diuretikum zu beginnen, sollten Substanzen wie Chlortalidon oder Indapamid bevorzugt werden, empfehlen die Forscher. Für diese Diuretika liegen im übrigen auch Studiendaten zum Effekt auf Morbidität und Mortalität vor.

Aus der Hochdrucktherapie dürfte HCT durch die Ergebnisse dieser Metaanalyse sicher nicht verdrängt werden. Denn als Komponente in antihypertensiven Fixkombinationen ist das Thiazid hochgeschätzt, vor allem in Kombination mit Hemmstoffen des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) wie ACE-Hemmer oder AT-1-Rezeptorblocker.

Dass HCT hier als "Sensitizer" für die antihypertensive Wirkung von RAAS-Blockern in Kombinationspräparaten gute Dienste leistet, konzedieren auch Messerli und seine Kollegen.

Doch auch in seiner Rolle als Kombi-Partner hat HCT mittlerweile ernstzunehmende Konkurrenz bekommen. Dafür hat vor allem die ACCOMPLISH-Studie gesorgt.

Denn deren Ergebnisse legen nahe, dass der Kalziumantagonist Amlodipin womöglich ein noch besserer Partner der RAAS-Blocker in Kombinationen ist.

Diese Studie ist vorzeitig beendet worden, weil die Kombination mit Amlodipin Morbidität und Mortalität stärker verringerte als die Kombination mit HCT.

Ob die Deutsche Hochdruckliga die neuen Ergebnisse zum Anlass nehmen wird, den Grundsatz der Gleichrangigkeit zumindest mit Blick auf HCT zu verlassen, bleibt abzuwarten.

Eine Entlassung der Betablocker aus dem Kreis der First-line-Optionen, wie sie in jüngster Zeit in Großbritannien vorgenommen wurde, hat die Liga jedenfalls hierzulande nicht als notwendig erachtet.

Auch darf man gespannt sein, wie die Reaktionen in den USA sein werden. Acht Jahre nach Vorstellung der derzeit geltenden JNC-7-Guidelines wird dort für 2011 mit den JNC-8-Leitlinien eine Aktualisierung der Empfehlungen an.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Nicht erste, sondern schlechte Wahl

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