Ärzte Zeitung online, 28.04.2011

Bluthochdruck bei Diabetes: Senken, aber nicht übertreiben!

MANNHEIM (eb). Gegen eine zu scharfe Blutdrucksenkung bei Diabetikern hat sich Professor Ulrich Kintscher bei der 77. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) ausgesprochen.

Bluthochdruck bei Diabetes: senken, aber nicht übertreiben!

Diabetikern wird ein Zielblutdruckwert von 120-139 / 80-85 mm HG empfohlen.

© photos.com

Weil Typ-2-Diabetiker mit Hypertonie ein hohes Risiko für Komplikationen und Tod durch Herzkreislauf-Krankheiten haben, wurde Betroffenen bis vor kurzem eine besonders niedrige Blutdruckeinstellung auf Werte unter 130/80 mmHg empfohlen.

Die Studienlage für dieses Vorgehen sei aber weder eindeutig noch abschließend, sagte der Kardiologe vom Center for Cardiovascular Research an der Charité in Berlin.

"Vergleiche und Analysen von Studien wie ADVANCE und UKPD sprechen nicht für eine so strenge Senkung." Vielmehr würden bei Typ-2-Diabetikern durch eine straffe Blutdruckeinstellung unter 130 mmHg systolisch die Herzinfarkt- und Sterberaten nicht weiter reduziert, so Kintscher in einer Mitteilung der DGK.

"Werte unterhalb 130 systolisch führen zwangsläufig zu einer Risikozunahme"

Übereinstimmend mit den europäischen Hochdruckleitlinien hat sich daher auch die Deutsche Hochdruckliga und die Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention für eine Anpassung der Zielblutdruckwerte ausgesprochen. Sie empfiehlt bei Diabetikern einen Blutdruck-Zielkorridor von 130-139 / 80-85 mm Hg, wobei das Optimum im unteren Bereich liegt.

"Studiendaten aus ACCORD liefern keine Evidenz, dass Werte unterhalb 130 systolisch zwangsläufig zu einer Risikozunahme führen", so Kintscher.

Das wohl größere Problem in Deutschland ist aber, dass weitaus mehr Diabetiker - und auch Nichtdiabetiker - durch zu hohe als durch zu niedrige Blutdruckwerte gefährdet sind. Die meisten Betroffenen benötigen zum Erreichen der Zielwerte zwei oder mehr blutdrucksenkende Medikamente. Empfohlen wird die Kombination von Substanzen aus unterschiedlichen Klassen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen, um die Wirksamkeit zu erhöhen und Nebenwirkungen zu reduzieren.

Mehrere Kombinationen aus zwei unterschiedlichen Substanzklassen haben sich als effizient herausgestellt

Auch zu Beginn der antihypertensiven Behandlung kann eine Kombinationstherapie Vorteile haben. Dies ist besonders der Fall bei Patienten mit hohem Ausgangsblutdruck und hohem kardiovaskulären Risiko. Mehrere Kombinationen aus zwei unterschiedlichen Substanzklassen haben sich als effizient und gut verträglich herausgestellt.

Etwa ein Diuretikum plus ein Blocker des Renin-Angiotensin-Systems (ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorblocker) oder auch Calciumantagonist plus Blocker des Renin-Angiotensin-Systems sowie Kombinationen aus Calciumantagonisten plus Diuretika.

Wurde die Entscheidung zur Kombinationstherapie getroffen, können zur Vereinfachung des Behandlungsschemas und zur Verbesserung der Compliance "Single-pill"-Kombinationen eingesetzt werden, bei denen zum Beispiel zwei antihypertensive Substanzen in einer Tablette kombiniert sind.

"Bei 15 bis 20 Prozent der Betroffenen können die Zielblutdruckwerte mit einer Zweierkombination nicht erreicht werden", so Kintscher. In diesem Fall rät er zu einer Dreierkombination etwa aus Renin-Angiotensin-System-Blocker, Calciumantagonisten plus Diuretikum.

[28.04.2011, 19:05:39]
Dr. Uwe Wolfgang Popert 
Blutdruckziele unter 140/90 nicht evidenzbasiert
Das aktuelle Cochrane Review zum Ziel einer Blutdrucksenkung kam 2009 zu dem bemerkenswerten Schluss: “More trials are needed, but at present there is no evidence to support aiming for a blood pressure target lower than 140/90 mmHg in any hypertensive patient.”
Es ist erstaunlich, dass diese Botschaft offensichtlich bei Diabetologen und Kardiologen immer noch nicht angekommen ist.

Analysen neuerer Studien dazu werden auf der DEGIM sicher ein Thema sein.
Wenn man sie denn hören will...
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Medikamente auch einmal beherzt absetzen!

Viele Ärzte scheuen sich, Medikamente abzusetzen - obwohl sie wissen, dass dies Patienten oft hilft. Neuseeländische Wissenschaftler haben zwei paradoxe Gründe dafür gefunden. mehr »

Geht's auch etwas modischer in der Klinik?

Unsere Bloggerin Dr. Jessica Eismann-Schweimler hat Verständnis für die Klinik-Kleidungsvorschriften. Doch mit ein klein wenig Fantasie könnte man auch den unvermeidlichen Kasack hübscher gestalten, meint sie. mehr »

Sport im Alter schützt vielleicht vor Demenz

Dass Sport nicht Mord bedeutet, wissen Forscher schon lange. Jetzt haben Alters- und Sportwissenschaftler messen können, wie Sport das Gehirn im Alter verändert. Dient Fitness als Demenzprävention? mehr »