Ärzte Zeitung online, 11.05.2011

Salz als Risiko: Provokante Studie stellt bisherige Sichtweise auf den Kopf

Provokante Ergebnisse einer Beobachtungsstudie heizen die Debatte über die Gesundheitsrisiken durch Nahrungssalz an. Konträr zur landläufigen Erwartung sprechen sie dafür, dass nicht eine hoher, sondern ein niedriger Salzkonsum riskant für Herz und Gefäße ist.

Salzkonsum und Gesundheitsrisiko - provokante Studie stellt bisherige Sichtweise auf den Kopf

Viel Salz auf der Brezel: Lautet künftig die Devise, bloß nicht zu wenig Salz zu essen?

© Carmen S. / PantherMedia.net

LÖWEN (ob). Hoher Salzkonsum begünstigt Bluthochdruck. Für Fachgesellschaften wie die Deutsche Hochdruckliga gibt es daran keinen Zweifel. Zur Warnung vor diesem vermeintlichen Risikofaktor stellte die Liga denn auch den Welt-Hypertonie-Tag 2009 unter das Motto: "Versalzen Sie nicht Ihre Gesundheit!"

Darüber, wie abträglich hoher Salzkonsum auf längere Sicht der Gesundheit ist, gehen die Meinungen allerdings auseinander. Eher skeptisch beurteilt eine belgische Forschergruppe um Professor Jan Staessen an der Universität in Löwen die derzeitige Datenlage.

Die Annahme, dass eine Reduktion der Salzaufnahme auf lange Sicht den Blutdruck senkt, ist nach ihrer Einschätzung bisher nicht in langfristig angelegten Bevölkerungsstudien bestätigt worden.

Entsprechend kritisch beurteilen Staessen und seine Kollegen die Stichhaltigkeit publizierter Modellrechnungen, die auf Basis von Extrapolationen eine substanzielle Reduktion von kardiovaskulären Erkrankungen und damit verbundenen Kosten durch restriktiveren Salzkonsum in Aussicht stellen.

Nur der systolische Blutdruck stieg bei erhöhter Salzzufuhr

Das belgische Forscherteam hat deshalb zur weiteren Klärung Daten aus zwei prospektiven europäischen Bevölkerungsstudien ausgewertet (JAMA 2011; 305: 1777). Daran waren 3681 Erwachsene beteiligt, die zu Studienbeginn keine kardiovaskulären Erkrankungen aufwiesen.

Bei allen Teilnehmern ist initial die Salzzufuhr anhand einer Bestimmug der Natriumausscheidung im 24-Stunden-Urin bestimmt worden. Auf Basis der Messergebnisse sind die Teilnehmer dann in drei Gruppen mit niedriger (im Mittel 107 mmol), mittlerer (168 mmol) und hoher Natriumausscheidung (260 mmol) eingeteilt worden. Die Beobachtungsdauer betrug im Mittel knapp acht Jahre.

Festgestellt wurde, dass eine zunehmende Salzzufuhr mit einem graduellen Anstieg des systolischen, nicht aber des diastolischen Blutdrucks assoziiert war. Mit jeder Zunahme der Natriumausscheidung um 100 mmol erhöhte sich der systolische Blutdruck um 1,71 mmHg.

Höhere Mortalitätsrate bei geringem Salzverbrauch

Allerdings spiegelte sich diese Assoziation nicht in einer höheren Inzidenz von Hypertonie-Erkrankungen bei höherem Salzkonsum wider. Vielmehr war der Anteil der initial normotonen Personen, die im Studienverlauf eine arterielle Hypertonie entwickelten, mit 27 Prozent, 26,6 Prozent und 25,4 Prozent in den Gruppen mit geringster, mittlerer und höchster Salzzufuhr nicht signifikant unterschiedlich.

Auch die kardiovaskuläre Mortalität stand in keiner direkten Beziehung zur Menge an aufgenommenem Nahrungssalz. Das glatte Gegenteil traf zu: Die Rate der kardiovaskulären Todesfälle war nicht etwa in der Spitzengruppe der Salzverbraucher, sondern in der Gruppe mit dem niedrigsten Salzkonsum am höchsten.

Starben von den Personen mit dem geringsten Salzkonsum im Studienzeitraum 4,1 Prozent, waren es in der Gruppe mit den höchsten Konsum nur 0,8 Prozent.

Natriumrestriktion auch weiterhin ein Gebot bei Hypertonie

Angesichts dieser inversen Beziehung halten Staessen und seine Kollegen die bisherige Strategie, der Bevölkerung generell und unterschiedslos eine Reduktion des Salzkonsums zur Vorbeugung kardiovaskulärer Erkrankungen ans Herz zu legen, für nicht begründet.

Damit solle aber nicht geleugnet werden, dass eine Natriumrestriktion etwa bei Patienten mit bereits bestehendem Bluthochdruck oder mit Herzinsuffizienz eine sinnvolle Maßnahme ist.

All jenen Experten, die schon seit langem gegen zu viel Salz in der Nahrung ankämpfen, dürften diese Ergebnisse sauer aufstoßen. Die dadurch nahegelegte Vorstellung, durch Empfehlung einer Salzreduktion womöglich zu einer Erhöhung der kardiovaskuläre Mortalität beizutragen, ließe schließlich ihr auf Gesundheitsförderung zielendes Anliegen als kompletten Irrweg erscheinen.

Zu diesen Experten zählt auch Dr. Graham McGregor aus London, der in Großbritannien eine erfolgreiche Kampagne zur Reduktion von Salz in Lebensmittel initiiert hat. Er ließ bereits öffentlich verlauten (www.theheart.org), dass er die neuen Ergebnisse für "paradox und unglaubwürdig" halte.

Dass einerseits erneut bestätigt wurde, dass Salz den Blutdruck erhöht, andererseits aber eine inverse Beziehung zu klinischen Ereignissen bestehen soll, sei für ihn nicht nachvollziehbar.

Dieses "Paradoxon" sieht McGregor auch nicht durch die von Staessens Gruppe angebotene Erklärung aufgelöst. Sie verweist darauf, dass Salzrestriktion im Körper den Sympathikotonus erhöhen, die Insulinsensitivität einschränken und das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System aktivieren kann - Effekte, die den Vorteil der Blutdrucksenkung wieder zunichtemachen könnten. Für McGregor sind das allerdings nicht mehr als Spekulationen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Kommentar: Eine gesalzene Kontroverse

[20.08.2014, 08:13:28]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Eine "Provokation" ist im Gegenteil das Ignorieren von Fakten
spricht die BEOBACHTUNG = Fakten gegen eine Theorie, so sind nicht die Fakten falsch, sondern die Theorie. Da hilft kein Lamentieren.
@Prof. Dr. Dieter Klaus Sie sollten sich mit den Folgen einer Hyponatriämie beschäftigen.
Man kann nicht wegen einer rel. kleinen Gruppe an NaCl-sensiven Hypertonikern die ganze gesunde Bevölkerung zur Salzrestriktion anhalten.
Das nennt man das Kind mit dem Bade ausschütten. Gilt auch für Diuretika.
Am J Med. 2006 Jul;119(7 Suppl 1):S79-82.
Is asymptomatic hyponatremia really asymptomatic?
Am J Med. 2006 Jan;119(1):71.e1-8.
Mild chronic hyponatremia is associated with falls, unsteadiness, and attention deficits.

aus der bekannten Uni-Klinik in Brüssel zum Beitrag »
[25.05.2011, 11:50:46]
Prof. Dr. Dieter Klaus 
Studie nicht überzeugend
Die Ergebnisse dieser relativ kleinen Bevölkerungsstudie sind sehr überraschend und widersprechen allen bisherigen, zum Teil wesentlich umfangreicheren und zeitlich längeren Studien. Auf methodische Mängel der Arbeit wie das niedrige Urinvolumen in der Niedrig-Kochsalzgruppe (was auf ein unvollständiges Sammeln des 24-Stunden-Urins hinweist) und die Auswahl relativ junger Patienten, bei denen nur geringe Sterberaten zu erwarten sind, lassen an der Wertigkeit der Studie zweifeln. Auch ist es paradox, dass in der Gruppe mit hoher Kochsalzaufnahme wie erwartet der Blutdruck innerhalb der folgenden 7 Jahre ansteigt, die kardiovaskuläre Mortalität aber niedriger ist als in der Gruppe mit niedriger Kochsalzaufnahme. Erfolge einer generellen Kochsalzrestriktion zeigen sich, wie Studien in den USA und Finnland zeigen, erst nach 10 und mehr Jahren. Die Erklärung der Autoren, dass die von Ihnen beobachtete Zunahme der kardiovaskulären Mortalität in der Gruppe mit niedriger Kochsalzaufnahme von 6 g/Tag durch eine Aktivierung des Sympathikus und des Renin-Angiotensin-Systems bedingt ist, kann nicht zutreffen, da diese in relevanten Ausmaß nur bei extrem niedriger Kochsalzaufnahme von 1g/Tag nachweisbar ist. Diuretika führen ebenfalls zu einem leichten Anstieg dieser Parameter, senken aber bei Hochdruckkranken in allen Studien die kardiovaskuläre Mortalität sehr deutlich. Ich halte nach wie vor eine generelle Senkung der Kochsalzaufnahme auf 6g/Tag durch Reduzierung des Kochsalzgehaltes von Lebensmitteln für eine einfache und kostensparende Maßnahme zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung. Wer sich näher mit dieser Frage befassen will, sei auf die Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt (2010¸107 457-462) hingewiesen.
Prof.Dr.D.Klaus, Stuttgart. E-Mail: <dieter.klaus27@web.de>
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