Dass "die gefäßprotektive Wirkung des Rebensafts ... vor allem auf die in Rotwein enthaltenen Polyphenole zurückgeführt" werde, wie die Ärztezeitung schreibt, ist ein längst widerlegter Mythos, der fleißig von der Bordeaux-Lobby geschürt wird. Seit Serge Renaud 1991 in der Sendung "60 Minutes" auf CBS die niedrige Herzinfarktrate der Franzosen darauf zurückführte hält sich dieser Irrglaube.
Neuerdings schließen sich die Produzenten von Nahrungsergänzungsmitteln an, die uns und unseren Patienten Kapseln mit Rotweinextrakt oder Resveratrol andrehen wollen. Da graust es dem Weinliebhaber...
Der entscheidende Faktor, der die protektive Wirkung von Wein begründet, ist der Alkohol selbst. Die ursächlichen Zusammenhänge liegen nach einer aktuellen Meta-Analyse v.a. in deralkoholvermittelten Steigerung des HDL-Cholesterins, der Thrombozytenaggregationshemmung, der Adiponectinfreisetzung und dadurch der Steigerung der Insulinsensitivität sowie einer CRP-Senkung (1).
Für die protektive Wirkung eines moderaten Alkoholkonsums sprechen etliche Meta-Analysen prospektiver Kohortenstudien, die die langfristigen Auswirkungen verschiedener Mengen von Alkoholkonsum bei Gesunden, bei KHK-Patienten und bei Diabetikern untersucht haben (1-4). Je nach individuellem Ausgangsrisiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes dürfte der Nadir, also die optimale Dosis des Alkoholkonsums, bei Männern zwischen 20 und 30 g/Tag liegen und bei Frauen zwischen 10 und 20 g/Tag.
Gleichzeitig ist Alkohol aber auch der Faktor, der seine eigene protektive Wirkung durch negative Effekte eines höheren Konsums wieder aufheben kann: durch einen Blutdruckanstieg ab >20 g/Tag, Leberschäden ab 40-60 g/Tag, dilatative Cariomyopathie ab ca. 100 g/Tag, darüber hinaus Unfälle, Gewalttaten etc. Dies bgründet die U-förmige oder J-förmige Kurve des Zusammenhangs zwischen Alkoholkonsum und Gesamtmortalität.
Für Hypertoniker ist laut ESC-Guidelines übrigens eine Obergrenze von 30 g Alkohol pro Tag beim Mann und von 20 g Alkohol pro Tag bei der Frau zu empfehlen.
Es gibt keinerlei seriöse Evidenz dafür, dass Rotwein besser ist als Weißwein, nicht einmal dass Wein besser ist als Bier. Da prospektive, randomisierte, doppelblide, placebo-kontrollierte Studien zum Vergleich der verschiedenen Getränke grundsätzlich unmöglich sind, werden wir immer das Problem eines systematischen Confoundings durch den Lebensstil der Wein- und Biertrinker haben, was in Querschnitts-Studien sehr deutlich belegt wurde. (6) Es unterscheiden sich u.a. die Enährungsgewohnheiten der Trinker verschiedener Getränke: Biertinker essen weniger Gemüse, Salat, Obst und Fisch. Das verzerrt jeden Vergleich.
Außerdem machen die Trinkgewohnheiten (regelmäßig moderat oder exzessiv am Wochenende) einen großen Unterschied: Dies hat gerade die PRIME-Studie mit dem Vergleich Frankreich vs. Nordirland eindrucksvoll gezeigt (7,8). Bei gleicher Alkoholmenge pro Woche verdoppelte das exzessive "binge-drinking" der Nordiren am Wochenende im Vergleich zum regelmäßigen moderaten Konsum der Franzosen die KHK-Mortalität.
Fazit: Ein regelmäßiger, geringer bis moderater Alkoholkonsum kann Teil eines gesundheitsfördernden Lebensstils sein. Wesentlich bedeutsamer sind aber Nichtrauchen, regelmäßige körperliche Aktivität und eine gesunde Ernährung.
Es wäre schön, wenn diese Botschaft auch einmal in der Ärztezeitung ankäme. Könnte man dies Kurzübersicht nicht einmal in der Print-Ausgabe bringen ? ;-)
Dr. med. Johannes Scholl
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin
www.akaprev.de
Interessenkonflikte:
Der Autor ist Weinliebhaber und stammt aus dem Rheingau.
Literaturangaben:
1) Brien SE et al., BMJ 2011;342:d636 doi:10.1136/bmj.d636
2) White et al., BMJ 2002; 325: 191-198
3) Reynolds, K et al., JAMA 2003; 289: 579-588
4) Costanzo S et al., Circulation. 2010;121:1951-1959
5) Koppes LLJ et al., Diabetologia 2006; 49:648-652
6) Tjønneland, A et al., Am J Clin Nutr 1999; 69: 49-54
7) Marques-Vidal, P et al.; Eur J Clin Nutr 2000; 54: 321-328
8) Ruidavets P et al.; BMJ 2010; 341:c6077
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