Ärzte Zeitung, 05.03.2014

Kommentar zur Blutdrucksenker-Studie

Diffiziler Balanceakt

Von Beate Schumacher

Klinischen Studien zufolge ist die Wirksamkeit einer Hochdrucktherapie keine Frage des Alters. Selbst bei Patienten im Alter über 80 kann sie kardiovaskuläre Ereignisse verhindern und das Leben verlängern.

Allerdings: Dieser Nachweis wurde bei Patienten erbracht, die ansonsten in gutem physischem und mentalem Zustand waren.

Im Alltag dürfte die Mehrzahl der betagten Hochdruckpatienten nicht so begünstigt sein. Bei den allermeisten wird durch weitere chronische Erkrankungen und Gebrechlichkeit das Verhältnis zwischen Nutzen und Risiken einer antihypertensiven Therapie verschoben.

So scheint vor allem zu Beginn einer Hochdrucktherapie das Risiko für Stürze zuzunehmen. Dadurch kommt es offenbar häufiger zu schweren Verletzungen, wie eine aktuelle Studie bestätigt.

Hüftfrakturen oder Schädel-Hirn-Traumen wirken sich auf die Mortalität und den Funktionsstatus von alten Menschen aber kaum anders aus als ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall. Auch deshalb muss man bei Hochbetagten die Indikation für eine Hochdrucktherapie immer im Einzelfall prüfen. Eine evidenzbasierte Strategie dafür gibt es nicht.

Die schwierige Abwägung bleibt dem Arzt und seinen Patienten überlassen.

Lesen Sie dazu auch:
Erhöhte Sturzgefahr: Stolperstein Blutdrucksenker

[05.03.2014, 14:43:31]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Nach wie vor ungeklärt bleibt die Frage...
w e s h a l b die 4.961 Senioren mit einem Hypertonus und älter als 70 Jahre in der repräsentativen Kohortenstudie der Yale School of Medicine in New Haven/Con/USA in ihrer 3-Jahres-Nachbeobachtungszeit eigentlich gestürzt sind? ["3-year follow-up through 2009. Participants included 4961 community-living adults older than 70 years with hypertension."] Stürzten sie, w ä h r e n d sie mit Antihypertensiva therapiert wurden, oder w e i l sie blutdrucksenkende Mittel eingenommen haben?

Denn signifikant waren die Unterschiede nur, wenn Patientinnen und Patienten in der Subgruppe mit bereits v o r b e s t e h e n d e m Sturzereignis genauer analysiert wurden. ["Although the difference in adjusted hazard ratios across the groups did not reach statistical significance"].

Paradox erscheint auch, dass 14,1 Prozent dieser Hypertoniker unbehandelt blieben, während 54,6 Prozent mit mittlerer Wirkstärke und 31,3 Prozent mit hoher Wirkstärke antihypertensiv behandelt wurden. 9 Prozent erlitten ernste Sturzverletzungen und 16,9 Prozent verstarben. ["14.1% received no antihypertensive medications; 54.6% were in the moderate-intensity and 31.3% in the high-intensity antihypertensive groups. During follow-up, 446 participants (9.0%) experienced serious fall injuries, and 837 (16.9%) died."] Auch bei den 16,9 Prozent fragt man sich unwillkürlich, ob sie trotz oder wegen ihrer Medikation und/oder wegen ihrer Stürze starben?

Die ÄZ-Autorin Beate Schumacher hat recht: Zur Klärung der Zusammenhänge [" associated with an increased risk of serious fall injuries, particularly among those with previous fall injuries"] sind zwingend prospektive, randomisierte Studien (RCT) erforderlich. Denn aus dieser Blutdrucksenker-Studie geht noch nicht einmal hervor, ob der V e r z i c h t auf antihypertensive Therapie nicht mit einer erhöhten Sterblichkeit an Herz- und Hirninfarkt erkauft wurde. Dann wäre die Sturzprotektion nur sekundär sinnvoll.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Adiopositas-Op nötig, aber Kasse will nicht zahlen

Wenn der Antrag eines Adipositas-Patienten auf eine bariatrische Operation abgelehnt wird, bringt das Ärzte in eine schwierige Situation. Denn oft verschlechtert sich der Zustand des Betroffenen. mehr »

Immer mehr Nichtraucher erkranken an Lungenkrebs

In US-Kliniken tauchen immer häufiger Nichtraucher mit Lungenkrebs auf, vor allem Frauen sind betroffen. Das könnte am Passivrauchen liegen. mehr »

Wer nicht hören will, den soll die Kita künftig melden

Prävention mit Drohgebärden: Künftig will das Bundesgesundheitsministerium nicht nur mit Bußgeld drohen, sondern auch die Kitas einspannen, um die Verweigerer einer verpflichtenden Impfberatung herauszufischen. mehr »