Ärzte Zeitung, 24.07.2014

Probiotika

Darmkeime zur Blutdrucksenkung

Die Meinung über Probiotika ist geteilt: Die einen schwören auf sie, die anderen halten sie für überflüssig. Eine Studienübersicht kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass probiotische Produkte den Blutdruck moderat senken.

Von Peter Overbeck

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Probiotika enthalten lebende Mikroorganismen wie Bifido- oder Laktobakterien.

© nyul / fotolia.com

GOLD COAST. Probiotika sind Produkte oder Nahrungsmittel, die lebende Mikroorganismen wie Bifido- oder Laktobakterien enthalten. Diese Mikroorganismen kommen etwa in Milchprodukten wie Joghurt, Buttermilch oder Kefir vor.

Hersteller von Lebensmitteln versetzen diese auch extra mit bestimmten Bakterienstämmen, die den Produkten dann eine spezielle gesundheitsförderliche Wirkung verleihen sollen (functional food). Es gibt die Mikroorganismen auch als Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform.

Probiotika sollen gut für die Gesundheit sein und beispielsweise Darmerkrankungen günstig beeinflussen und das Immunsystem stärken, was wiederum Allergien oder sogar Krebserkrankungen vorbeugen könnte.

Eine Forschergruppe um Dr. Jing Sun von der Griffith University im australischen Gold Coast (Queensland) bescheinigt Probiotika nun auch eine moderate blutdrucksenkende Wirkung.

Als wissenschaftliche Beglaubigung präsentieren sie eine Metaanalyse, deren Ergebnisse die kardiologische Fachgesellschaft American Heart Association (AHA) in ihrem ehrwürdigen Fachblatt "Hypertension" publiziert hat (Hypertension 2014; online 21. Juli).

Basis der Analyse bilden neun randomisierte kontrollierte Studien, von denen sieben im Doppelblind-Design angelegt waren. Insgesamt 543 Probanden hatten daran teilgenommen. Als probiotische Produkte wurden in vier Studien Joghurt, in zwei Studien fermentierte Milchprodukte oder Sauermilch und in drei Studien entweder Probiotika-Supplements in Kapselform, Hagebuttengetränke oder probiotischer Käse verwendet.

Moderate Senkung des Blutdrucks

Die Studiendauer betrug drei bis maximal neun Wochen, die tägliche "Gesamtdosis" der aufgenommenen Mikroorganismen schwankte zwischen 109 und 1012 koloniebildenden Einheiten (colony-forming units, CFU).

In allen Studien wurden auch Veränderungen des Blutdrucks registriert. In der Gesamtschau aller neun Studien hatte der Probiotika-Konsum im Schnitt eine signifikante Abnahme der systolischen Blutdruckwerte um 3,56 mmHg und der diastolischen Werte um 2,38 mmHg zur Folge. Auch wenn die Blutdrucksenkung damit relativ moderat ist, könnte sie nach Ansicht der Autoren prognostisch positiv ins Gewicht fallen.

Die Reduktion war größer, wenn die Produkte mehrere Probiotika-Spezies statt nur einer enthielt. Die Senkung des diastolischen Blutdrucks war zudem stärker, wenn der Ausgangsblutdruck höher als 135/85 mmHg war.

Auch wenn sich keine klare "Dosis-Wirkung"-Beziehung abzeichnete, bedurfte es gleichwohl einer täglichen "Dosis" von mindestens 1011 CFU, um einen signifikanten Effekt zu erzielen.

Welchen Mechanismen verdankt sich die leichte Blutdrucksenkung? Die Autoren der aktuellen Metaanalyse verweisen unter anderem auf Ergebnisse einer 2011 publizierten Metaanalyse, wonach Probiotika auch Plasmalipide wie LDL-Cholesterin günstig beeinflussen. Auch für ACE-Hemmern ähnliche Effekte von Probiotika auf das Renin-Angiotensin-System gebe es Anhaltspunkte in Studien.

[24.07.2014, 21:10:30]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Neue Laufsohlen senken auch den Blutdruck?
Wenn ich das schon höre: Die aktuell präsentierte Meta-Analyse legt nahe, dass der Verbrauch von Probiotika den Blutdruck geringgradig verbessern k ö n n t e ... ["The present meta-analysis suggests that consuming probiotics may improve BP by a modest degree, with a potentially greater effect when baseline BP is elevated, multiple species of probiotics are consumed, the duration of intervention is >/=8 weeks, or daily consumption dose is >/=1011 colony-forming units."]

Da ist den Autoren S. Khalesi, J. Sun, N. Buys und R. Jayasinghe mit ihrer Publikation: "Effect of Probiotics on Blood Pressure - A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized, Controlled Trials" wohl gar nicht aufgefallen, das 2 von ihren 9 Studien gar kein Doppelblind-Design hatten und damit als RCT-Studien wertlos waren? Aber wenn die Griffith University an der australischen Gold Coast in Queensland (AUS) eher mit der idealen Kombination von Sonne, Strand und Surfin' wirbt, als mit seriöser Ausbildung, Forschung und Wissenschaft, kann einem das schon mal die Sinne vernebeln.

Denn auch die Häufigkeit der Besohlung von Straßenschuhen als Surrogat-Parameter für die persönliche Laufleistung bzw. die Kauf-Frequenz von sportlich designten Laufschuhen könnte durchaus in der Lage sein, metaanalytisch maxi- oder minimale blutdrucksenkende Effekte gegenüber eher lauf-faulen Couch-Potatoes nachweisen zu können. Insbesondere, wenn die Läuferinnen und Läufer ihr Schuhwerk verstärkt abnutzen, um mit großen Mengen Probiotika beladen und beschwert nach Hause zu traben. Doch für ein derartiges Studiendesign hätten Probiotika-Hersteller wohl keinen Pfifferling gegeben. Und die Schuhmacher-Zunft hätte gleich gewusst, dass das alles nur ein Riesen-Schmarrn ist!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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