Ärzte Zeitung, 30.12.2014

Parodontitis

Schlecht für die Zähne und fürs Herz

Die Parodontitis wird immer häufiger mit kardiovaskulären Ereignissen in Verbindung gebracht. Eine erfolgreiche Behandlung kann also auch dem Herz-Kreislauf-System nutzen.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Schlecht für die Zähne  und fürs Herz

Die Forscher wollen herausfinden, wie Zahnfleisch und Blutgefäße miteinander interagieren.

© Stockbyte / thinkstockphotos.com

BERLIN. Patienten mit Parodontitis haben Probleme im Mund, aber nicht nur.

 "Wir wissen schon länger, dass Zahnfleischentzündungen im ganzen Körper messbar sind", sagte Dr. Johannes Baulmann von der Kardiologischen Klinik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck bei der Jahrestagung der Deutschen Hochdruckliga in Berlin. "Und sie scheinen das kardiovaskuläre Risiko zu erhöhen."

Zusammen mit zahnärztlichen Kollegen der Universität Würzburg legte Baulmann im Sommer eigene Daten zu dieser Thematik vor. Die Wissenschaftler analysierten 92 Patienten mit chronischer, aggressiver Parodontitis.

Im Vergleich zu gematchten Kontrollprobanden ohne Zahnfleischprobleme waren die Pulswellengeschwindigkeit, der Augmentationsindex und der zentrale Blutdruck höher (PLOS ONE 2014; online 1. August).

Während die Pulswellengeschwindigkeit vor allem etwas über die Elastizität der (großen) Widerstandsgefäße aussagt, ist der Augmentationsindex ein Maß für die Funktion der peripheren Gefäße.

Wird CV-Risiko gesenkt?

"Was wir bisher nicht wussten ist, ob eine erfolgreiche Behandlung der Parodontitis einen Einfluss auf diese Kreislaufparameter und damit auf das kardiovaskuläre Risiko hat", so Baulmann.

Im Rahmen einer Therapiestudie zur Parodontitis mit 100 Patienten, davon 18 Hypertoniker, hatten die Forscher die Möglichkeit, diesen Zusammenhang etwas auszuleuchten.

In der Studie wurde eine rein lokale Parodontitistherapie durch mechanische Entfernung des Biofilms von den Zähnen verglichen mit einer Strategie, bei der zusätzlich ein Antibiotikum zum Einsatz kam.

Für diesen Vergleich interessierten sich die Forscher bei der in Berlin erstmals vorgestellten Analyse (Poster PS7-03) aber nicht.

Vielmehr ging es darum, herauszubekommen, ob bei erfolgreicher Parodontitistherapie - ob mit oder ohne Antibiotikum - im Langzeitverlauf auch die kardiovaskulären Parameter besser werden.

Und das tun sie. Als Parameter für den Erfolg der Parodontitistherapie wurde in der Studie eine Reduktion der Blutung auf Sondierung (BoP) verwendet, ein etabliertes Maß in der Zahnmedizin.

Wenn die Zahnfleischtaschen sondiert werden und es nicht oder nur wenig blutet, spricht das für keine oder jedenfalls weniger Entzündung.

"Wir konnten zeigen, dass sich bei den Patienten mit erfolgreicher Parodontitistherapie die Kreislaufparameter verbesserten, während sie bei den anderen Patienten schlechter wurden", so Baulmann.

Im Detail sank der zentrale Blutdruck bei Patienten mit Reduktion der BoP innerhalb eines Jahres um 3mmHg, während er bei Patienten, bei denen die Parodontitistherapie nicht erfolgreich war, weiter anstieg.

"Der Unterschied war hoch signifikant, und er war auch nach zwei Jahren noch nachweisbar", betonte Baulmann.

Der Therapieerfolg ging einher mit einem Abfall des CRP-Werts, was darauf hindeutet, dass eine systemische Entzündung das Verbindungsglied zwischen Zähnen und Blutgefäßen sein könnte.

Bakterien und Thrombenbildung

Auch bei Pulswellengeschwindigkeit und Augmentationsindex schnitten die erfolgreich an den Zähnen behandelten Patienten signifikant besser ab.

"Das heißt konkret, dass sowohl die großen Gefäße als auch die kleinen Gefäße auf die Parodontitistherapie reagieren", erläuterte Baulmann.

Was die Forscher sich derzeit noch etwas genauer ansehen, sind die Bakterien, die die schweren Parodontitiden verursachten. Das könnte weitere Erkenntnisse darüber bringen, wie Zähne und Blutgefäße interagieren.

So wurden bereits einige Bakterienstämme isoliert, die die Thrombusbildung stimulieren. Manche dieser bakteriell induzierten Thromben scheinen zudem auf ASS paradox zu reagieren: Die Zusammenlagerung der Blutplättchen wird eher verstärkt als gehemmt.

"Wenn sich das bewahrheitet, wären das alarmierende Befunde", so Baulmann.

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